Die Dorfschelle
Nummer 2 - Ausgabe Anfang 1986
Erinnerungen
Überall ist heute von Partnerschaften zwischen deutschen und
französischen Ortschaften die Rede, die deutsch-französische
Freundschaft besteht also nicht nur auf dem Papier, sondern wird
sehr intensiv praktiziert.
Daß das in der Vergangenheit anders war, ist uns allen hinreichend
bekannt. Eine unselige Zeit ist gottseidank Vergangenheit geworden.
Die folgenden Zeilen stellen einige Begebenheiten heraus, wie sie
während der Seperatistenzeit nach dem ersten Weltkrieg in den
rheinhessischen Dörfern vorgekommen sind:
Um die Weihnachtszeit 1918 erschienen französische Truppen die in
Aspisheim einquartiert wurden. Es handelte sich dabei um das
1. Bataillon des 139. Inf.Regiments mit 6 Offizieren, 12 Unteroffizieren,
200 Mannschaften und 10 Pferden. Auch in den
Nachbargemeinden Horrweiler und Dromersheim lag je ein Bataillon
französischer Truppen.
Die zweite Belegung in Aspisheim und Horrweiler war nur von kurzer
Dauer, vom 7. bis 9. März 1919 hielten sich 2 Eskadronen des
4. Regiments in den Dörfern auf.
Doch schon am 13.März erschien in den Ortschaften Aspisheim,
Horrweiler, Dromersheim und Grolshelm das 3. Kürassierregiment und
blieb bis zum 17. Juni.
Vom l.Juli bis zum 3.August hielt sich ein weiteres Kürassierregiment
in den Dörfern auf. In Horrweiler war der Regimentsstab
untergebracht.
Die beiden letzten Einquartierungen bedeuteten für die betroffenen
Ortschaften eine ungeheure Belastung.
So waren z.B. in Aspisheim allein 42 Offiziere, 104 Mannschaften
und 95 Pferde untergebracht. Die schönsten Zimmer waren für die
Offiziere beschlagnahmt worden, aber auch die Soldaten stellten
einige Ansprüche. Die Pferde waren überwiegend in den Scheunen
untergebracht.
Unter dem Datum des 19. Mai 1919 ist folgendes festgehalten:
Der Kellermeister Mundo aus Aspisheim hatte an diesem Tag bei Phil.
Weyell Wein gefüllt und befand sich mit seinem Küferkarren auf dem
Heimweg. Ein französischer Bagagewagen war gerade in den Hof
gefahren.
Obwohl genügend Platz vorhanden war, wurde der Küferkarren
mutwillig beschädigt. Herr Mundo konnte die Pferde anspringen und
mit einiger Mühe an seinen Geschirr vorbeilenken. Der französische
Soldat unterließ einen tätlichen Angriff gegen Mundo nur, weil
dieser eine drohende Haltung einnahm. Zwei ebenfalls im Haus
beschäftigte Personen, es handelte sich dabei um einen Monteur
Köppel aus Gensingen und den Maurermeister Kästner aus Horrweiler,
wurden von dem Franzosen mit beleidigenden Worten bedacht. Sie
erteilten ihm eine Abfuhr, was nicht ohne Folgen bleiben sollte.
Kurz vor Mitternacht wurde Mundo verhaftet und ins Rathausgefängnis
(Bolles) gebracht, wo er 8 Tage festgehalten wurde. Dann wurde er
zusammen mit den beiden anderen (Köppel und Küstner) unter starker
Bewachung ins Ober-Ingelheimer Gefängnis gebracht. Wie Schwerverbrecher
wurden sie durch Ingelheim geführt. Beantragt waren
gegen sie 2 Jahre Gefängnis und 100 Franken Geldstrafe. Ihr
Verteidiger, Rechtsanwalt Neumann konnte aber einen Freispruch erreichen.
Ein weiterer erwähnenswerter Vorfall ereignete sich in der
Wirtschaft Wilhelmy (jetziges Anwesen Klippel, Germaniastraße).
Die Frau des dort einquartierten Offiziers fühlte sich durch einige
in dem Lokal anwesende Aspisheimer in ihrer Ehre gekränkt. Gegen
Herrn Wilhelmy wurde Anzeige erstattet und der ansonsten
unbescholtene Mann zu 7 Tagen Gefängnis verurteilt, die er auch
tatsächlich absitzen muBte.
Erwähnt wird in diesem Zusammenhang auch, daß Lehrer Ihrig, weil er
einen alten, unbrauchbaren Revolver nicht abliefern wollte, zu
einer Strafe von 500 Mark verurteilt wurde.
Beinahe wäre es noch zu einer Köpenickiade gekommen.
Eines Tages erschien ein Fremder in Aspisheiro und gab sich als
Quartiermacher aus. Zuerst wurde den Leuten ein gehöriger Schrecken
eingejagt, doch einigen Bürgern gelang es sich in Bingen zu
erkundigen. Sie konnten erfahren, daß es sich hier um einen
Schwindler handelte. Eine Nacht im Bolles und die Bekanntschaft mit
derben Männerfäusten werden dem "Quartiermacher" sicher in
Erinnerung geblieben sein.
Albert Hey
Quelle: Veröffentlichungen in der "Rhein- und Nahezeitung" im
Jahre 1930 von Lehrer H.Koch, Aspisheim |