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Die Dorfschelle
Nummer 4 - Ausgabe April 1987
Wein und Gesundheit
An literarischen Einfällen - teilweise kurios und unglaublich -
zu diesem Thema hat es nie gemangelt. Schmunzeln kommt dem Leser
oft über die Lippen. Die Liebe zum Wein hat über Jahrhunderte
recht seltsame Blüten getrieben, dem Weintrinker aber sicher auch
oft Unmut, Langeweile und Unwohlsein vertrieben! Im "Deutschen
Generalstabswerk 1870/71" kann man u.a. lesen:
"Die dabei unvermeidliche Einförmigkeit in der Beköstigung wurde
durch die bedeutenden Weinvorräte, welche sich in der Pariser Umgebung
fanden, ... erfolgreich ausgeglichen".
Und wer wird schon auf Wein verzichten wollen? Außer bei akuter
Alkoholvergiftung und Magengeschwüren gibt es überhaupt keinen
Grund, diesem göttlichen Getränk zu entsagen. Und sollten einmal
Wehwehchen auftreten, kann der Wein Abhilfe schaffen!
Bei beginnender Arteriosklerose und/oder Bluthochdruck könnte ein
trockener Weißwein - zur Hälfte mit stillem Mineralwasser gemischt -
helfen. Einen halben Liter pro Tag und bitte nicht mehr!
Grippe und Fieber? Da muß ein angewärmter Rotwein mit Selterswasser
her. Aber etwas Zimt und Zitrone müssen dazugegeben werden.
Sollte unglücklicherweise eine Lungenentzündung dazukommen - was
Bacchus verhüten möge - darf der Erkrankte sich ein Bad in warmem
Rotwein genehmigen - vorausgesetzt er kann sich diese teure "Weinkur"
leisten.
Bei Darmträgheit macht - dreimal täglich getrunken - ein Gläschen
vollmundiger Weißwein mit hohem Glyzeringehalt die Sache wieder
flott. Ist allerdings das Gegenteilige aufgetreten, kann ein junger,
tanninhaltiger Rotwein - lange gekocht bis Alkohol und Wasser fast
eingedampft sind - Linderung bringen, indem der Sud dem Körper
quasi eingeträufelt wird. Sie haben dabei die Wahl - von oben oder
von unten - sicher ziehen Sie das Trinkglas dem Klistier vor!
Und sollten Sie mal schwach, müde und abgeschlafft sein, dann
stärken Sie sich mit ein paar Gläschen "Eierwein"! Das Rezept
dazu: Na ja, Eier, Wein, etwas Vanillezucker und ... Aber das
wissen Sie sicher viel besser als ich; da soll es in Aspisheim
spezielle Rezepte und Mixturen geben.
Und abschließend ein Wort an Medizinmänner und -frauen - sofern
die eine oder der andere dieses Traktat gelesen haben wird. Lassen
Sie die Schulmedizin ruhig mal beiseite und genießen Sie ein
Gläschen Wein!
Ich halte es mit Justus von Liebig. Er faßte seine Erkenntnisse
über den Wein als "biologisch komplexe Einheit" wie folgt zusammen:
"Als Mittel, der Erquickung, wo die Kräfte des Lebens erschöpft
sind, der Befeuerung und Steigerung, wo traurige Tage zu verbringen
sind, der Korrektion und Ausgleichung, wo Mißverhältnisse in
der Ernährung und Störungen im Organismus eingetreten sind und
als Schutz gegen vorübergehende Störungen durch die unorganische
Natur - wird der Wein von keinem Erzeugnis der Kunst oder Natur
übertroffen".
Na, denn Prost!
Klaus Grundstein |