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Die Dorfschelle
Nummer 5 - Ausgabe Juli 1987
Das Schroten der Weinfässer
Für den Vertrieb von Wein in größeren Mengen kann der Handel heute
entweder auf die Tanklastzüge für Weintransporte oder auf
abgefüllten Wein in Flaschen zurückgreifen. Dies war jedoch bis
ins letzte Jahrhundert nicht möglich. In der Regel bediente man
sich eines Stückfasses, das 1200 Liter enthielt. Diese Abmessung
verbietet es, sich den Transport so vorzustellen, wie dies heute
teilweise bei der Anlieferung von Bierfässern geschieht. Wenn man
heute die alten Fässer in ihren riesigen Ausmaßen sieht, wird man
eine Ahnung davon erhalten, wie schweißtreibend, aber auch wie
gefährlich der Transport gewesen ist. Kaum noch bekannt dürfte
sein, daß die Tätigkeit des Weintransportes einmal berufsmäßig
ausgeübt wurde.
Solche Transportspezialisten, die man Schröter nannte, waren in
einzelnen weinbautreibenden und -handelnden Gemeinden in
regelrechten Zünften organisiert. Wenn es galt, ein Faß von seinem
Kellerlager zu verrücken, also nicht nur, wenn ein Verkauf
getätigt worden war und der Wein aus dem Keller heraus auf ein
Fahrzeug geladen werden mußte, sondern auch wenn das Faß einen
neuen Standort im Keller erhalten sollte, waren diese Transportspezialisten
vonnöten. Dann benachrichtigte der Eigentümer den
Schrötermeister, der seine Männer oft mit seiner eigenen Glocke
zusammenrief. Zum betreffenden Keller machte sich dann eine Gruppe
von acht kräftigen Männern auf den Weg. Dort wurde zunächst die
Örtlichkeit, vor allem aber der Zustand des zu transportierenden
Fasses einer gründlichen Prüfung unterzogen. Denn für das
Transportgut hafteten die Schröter in vollem Umfang persönlich.
Sie prüften daher eingehend, ob die Reifen, die das Faßholz (die
Dauben) zusammenhielten, der Belastung des Verrückens gewachsen
waren. Falls erforderlich, brachten sie zusätzliche Reifen an.
Auch mußten Sie sicherstellen, daß der Keller überhaupt einen
sicheren Transport ins Freie zuließ. Waren diese Voraussetzungen
nicht gegeben, dann lehnten die Schröter die Ausführung des Auftrages
ab. Bestand der Besitzer aber dennoch auf dem Transport, so
mußte er selbst die volle Verantwortung übernehmen.
Wenn das Faß jedoch für tauglich befunden worden war, bekräftigten
die Schröter in einer kurzen Zeremonie dem Besitzer gegenüber
förmlich die Haftung für die Sicherheit des Fasses. Um zu
erfahren, wieviel der Wein wert sei, für den sie haften mußten,
falls der Transport mißlang, verlangten sie eine Probe.
Jedoch ließ ihre bekannte Trinkfestigkeit diesen Teil des
Geschäftes zu einem Risiko für den Faßeigner werden. Daran entzündeten
sich auch die meisten Reibereien, insbesondere dann, wenn
die Probe nicht nach den Vorstellungen der Schröter ausgefallen
war und sie sich eigenmächtig weiter bedienten. Die Zunftordnungen
verpflichteten Ihre Mitglieder zur Ehrlichkeit und zur Achtung
fremden Eigentums.
Die eigentliche Arbeit bestand nicht nur darin, die Fässer zu
rollen, sondern sie mit vereinter Muskelkraft voranzudrücken,
-schieben und -ziehen. Von diesen Fortbewegungsarten leitet sich
die Berufsbezeichnung Schröter ab, denn das mittelhochdeutsche
Verb "schroten" ist mit "stemmen" zu übersetzen. Wäre das Faß
jedoch nur auf dem Boden bewegt worden, hätte man es unweigerlich
ruiniert. Daher wurde der Weg mit Schrotleitern ausgelegt. Es
handelte sich dabei um zwei massive Eichenbalken, die mit weniger
Sprossen als eine normale Trittleiter verbunden waren. Diese
Eichenbalken wurden kräftig eingefettet und sie waren somit die
Spur, auf der ein Faß vorangedrückt werden konnte. Ein besonders
stabiles Exemplar legte man auf die Kellertreppe, um den Niveauunterschied
zur Straße zu bewältigen. Dafür reichte die Muskelkraft
jedoch alleine nicht mehr aus. Man verwandte eine Seilwinde,
Haspel genannt, deren Walze sich auf zwei massiven Balken
befand, die zwischen Boden und Hauswand unmittelbar über dem
Kellereingang verkeilt wurden. Ein starkes Tau, das mit zwei
Speichenrädern auf die Walze gerollt wurde, lief im Keller in zwei
Enden mit Eisenhaken aus.
Diese griffen am hinteren Faßboden um die überstehenden
Seitenhölzer. Auf Kommando drückten die Männer die beiden Spindeln
vor, das Tau verkürzte sich und zog das Faß ein Stück die
Schrotleiter hinauf. Oben angelangt, mußte das Faß noch auf einen
Schrotwagen gesetzt werden, bevor die Männer ihre mühsame und
durch viele Schnaufpausen unterbrochene Arbeit beenden konnten.
Den Lohn, der stets nach der Menge des Weines festgesetzt wurde,
hatte der Käufer zu zahlen. Unterschiedlich geregelt und
umstritten war die Auszahlung eines Teils des Lohnes aus dem Faß
selbst.
An den Beruf der Schröter erinnert auch die "Hallgartener Madonna",
die auch Schröter-Madonna genannt wird. Sie stammt aus der
Zeit von ca. 1430.
Klaus Grundstein
Literaturhinweis
Vgl. dazu Karlheinz Ossendorf: Schröter - Weinlader - Weinrufer.
Erinnerungen an ausgestorbene Weinhandelsberufe. Wiesbaden 1982
(Schriften zur Weingeschichte.62). |