|
Die Dorfschelle
Nummer 5 - Ausgabe Juli 1987
Der vergrabene Krug
Es war Anfang der dreißiger Jahre; ich war noch ein Schuljunge und
hörte gerne zu, wenn die Älteren nach dem Abendessen Geschichten
und Erlebnisse aus Ihrer Jugendzeit oder auch aus der jüngsten
Vergangenheit erzählten. Natürlich sollte man nicht alles hören,
was da zum Besten gegeben wurde und Großmutter sorgte schon dafür,
daß man früh ins Bett kam.
Wenn jedoch geschlachtet wurde und der Metzger sowie der Nachbar
nach dem Wurstmachen und dem Einsalzen am Abend anschließend am
Tisch mit Platz nahmen, um die Wurst zu versuchen, waren wir
Jungens auch dabei und verzogen uns nach dem Essen in eine Ecke
der Stube, damit wir nicht gleich von Großmutter entdeckt wurden.
Wenn dann abgeräumt war, kamen die Karten auf den Tisch oder es
wurden Geschichten und Erlebnisse erzählt, die sich im Dorf
ereignet hatten. Wir Jungen spitzten dann die Ohren, damit wir
alles mitbekamen. So erinnere ich mich an eine Erzählung, die sich
bei einem Winzer zugetragen haben soll.
Dieser hatte noch kleine Weinbergparzellen, die er - wie damals
noch üblich - mit Hacke und Karst bearbeitete. So hatte er auch
einen Wingert am Hippel; neun Reihen waren es und ziemlich steil.
Es war keine leichte Arbeit für einen alleinstehenden Mann, wenn
er im Juni den Wingert mit dem Karst umgraben mußte, zumal der
Boden sehr trocken war. Die Schmilbern - eine Grasart - waren
vorher mit der Sichel geschnitten worden, sie wurden als Futter
verwendet.
Da es um diese Zeit einige Arbeitslose im Dorf gab, darunter auch
zwei Leute, die dem Winzer ab und zu geholfen hatten, sprach er
diese an, ihm beim Graben zu helfen. Gerne nahmen die beiden das
Angebot an und man vereinbarte, sich am nächsten Tag schon früh
auf den Weg zu machen, denn man konnte in der Kühle des beginnenden
Tages leichter arbeiten, als in der Mittagshitze; zu diesem
Zeitpunkt mußte man das Meiste hinter sich haben.
Der Winzer hatte für alle - neben dem Frühstücksessen - noch
einen Dreiliterkrug voll Wein eingepackt, denn zum Essen und
zwischendurch mußte auch der Durst gelöscht werden.
Ehe man aus dem Hause ging, holte der Winzer noch ein Krügelchen
von seinem - besonders zubereiteten - Johannisbeerwein. Jeder
bekam ein Gläschen davon zugeteilt und dann machte man sich auf
den Weg.
Am Wingert angekommen meinte einer der Männer zum Besitzer, er
solle den Krug etwas in den Boden eingraben, damit der Wein kühl
bleibe; dem war nichts entgegenzusetzen. Also ging der Winzer
einige Zeilen weiter, machte mit dem Karst ein kleines Loch und
deckte den Krug mit den herumliegenden Schollen und Schmilbern zu;
dann ging man ans Werk.
Nach circa zwei Stunden hatte man die ersten drei Reihen gegraben
und ging wieder nach unten, um die zweite Tour zu beginnen. Zwar
hatten alle Drei schon Durst, aber keiner wollte den Anfang mit
dem Trinken machen; außerdem war es nicht üblich vor dem
Frühstück an den Krug zu gehen. Also grub man wieder tüchtig
weiter, denn je schneller man oben war, desto früher konnte man
essen und auch den Durst löschen.
Um die Frühstückszeit waren dann auch die nächsten drei Reihen
geschafft, und alle freuten sich schon auf den ersehnten Schluck
aus dem Krug. Der Winzer ging, um denselben zu holen, konnte
jedoch den Platz, an dem er ihn vergraben hatte nicht wiederfinden.
Als er den anderen dies sagte, meinten diese er mache einen
Scherz und kamen herbei um sich an der Suche zu beteiligen, aber
auch sie konnten den Krug nicht finden. Man ging die Reihen rauf
und runter, suchte unter den Stöcken, aber vergebens. Nach einiger
Zeit gab man das Suchen auf und ratlos standen die drei nun herum
und beratschlagten, was man nun unternehmen könne. Zuerst wollte
der Winzer nach Hause gehen, um mit einem anderen vollen Krug
wieder zu kommen, aber er überlegte sich, was wohl seine Frau
sagen würde. Sie mußte annehmen, daß man den Krug schon vor dem
Frühstück leergetrunken hatte und, wenn er gestehen würde, daß er
den Krug vergraben, aber nicht mehr wiedergefunden hätte, wäre zur
Blamage auch noch der Spott gekommen.
Also blieb nur eine Lösung, die er den beiden anderen vorschlug
und die anschließend auch akzeptiert wurde. Man ging abwechselnd
zur Quelle am Appenheimer Weg, legt sich auf den Bauch und trank
genüßlich das kühle Wasser der Quelle. So gestärkt ging man an
die drei letzten Reihen; nun blieben links und rechts noch die
Lempel übrig, die man anschließend in Angriff nahm.
Kaum hatte hier der Winzer einige Meter gegraben, tats einen
Schlag, als ob der Karst einen Stein getroffen hätte. Erschrocken
und das Unglück ahnend raffte er etliche Schollen weg und sah
seinen zertrümmerten Krug, der in viele Stücke zersprungen war und
keinen Wein mehr enthielt. Die beiden Helfer kamen, um sich das
Malheur anzuschauen, alle Drei machten sich Vorwürfe, warum keiner
im Lempel nach dem Krug gesucht hatte. Da das Unglück nun mal
geschehen war, versprach man sich, niemanden etwas davon zu
erzählen, denn man hätte alle Drei ausgelacht. Also behielten Sie
ihr Geheimnis für sich.
Der Winzer jedoch hatte sein Problem, denn es mußte ein neuer
Dreiliterkrug her, ohne daß seine Frau etwas merkte.
Als dann eines Tages der Krükrämer (Krughändler) mit seinem
Leiterwagen kam, schlich sich der Winzer heimlich mit einem Sack
aus dem Haus und kaufte einen neuen Krug. Obwohl er sich sicher
glaubte, hatte ihn die Frau beobachtet und seine Rückkehr beim Tor
schon erwartet. Nun blieb ihm nichts anderes übrig als Farbe zu
bekennen. Er nahm seiner Frau das Versprechen ab, niemanden etwas
davon zu erzählen. Aber auch hier galt der Spruch: "Ich will der
emol ebbes soh, awer ich will nix gesaht hon". So ging das weiter,
bis auch ich in der Stubenecke von der Geschichte erfuhr. Wann sie
sich ereignete ist mir nicht bekannt.
Der Erzähler sagte noch am Schluß, daß der Winzer seine beiden
Helfer für den Wassertag entsprechend entschädigte, denn als man
nach der Arbeit zum Hause des Winzers zurückgekehrt war, spendierte
dieser noch einige Gläschen von seinem Johannisbeerwein,
die ihre Wirkung nicht verfehlten, und jeder bekam noch eine gute
Zigarre neben dem verdienten Lohn.
Gerfried Hepp |