Die Dorfschelle
Nummer 6 - Ausgabe Juli 1988
Vom alten Hollo!
Wenn jemand bei uns irgendwie etwas verkehrt gemacht hat oder wenn
einer etwas nicht kapieren will, so sagt man: "Du Hollofernes".
Im Volksmund kurz: "Du Hollo".
Der alte Hollo, mit dem bürgerlichen Namen Johann Raupenheimer,
lebte lange Jahre im Hause meines Großvaters. Als Findling, die
Mutter war schon früh gestorben, fiel er der Gemeinde zur Last und
mußte die Gänse im Dorf hüten. Hierbei ging er im Dorf reihum zum
Essen. Als er dann erwachsen war, kam er zu meinem Großvater als
Knecht. Die Gemeinde zahlte dafür, daß ihn mein Großvater
aushielt, einige Taler Pflegegeld. Mit der Zeit war er ein großer
starker Mann geworden, wogegen mein Großvater, genannt der Woner-
(Wagner)Mörbel (er betrieb früher eine Wagnerei) sehr klein von
Gestalt war. Deshalb redete er meinen Großvater immer mit
"Vetterche" an. (In früherer Zeit eine sehr gebräuchliche Anrede.)
Obwohl im Oberstübchen etwas beschränkt, daher auch der Name
"Hollo", wußte er doch immer was er wollte. Vor allem war er ein
sehr fleißiger Arbeiter. Vor Mäusen und anderem Getier hatte er
große Angst. Sein Bett stand in einem kleinen Stübchen, durch
dessen Mitte der Schornstein ging und deshalb im Winter auch immer
schön warm war. Dieses Stübchen hatte er sich ausdrücklich
gewünscht. Das Bett mußte immer bis unter die Decke hoch mit
frischem Stroh gefüllt sein. Um ins Bett zu gelangen benötigte er
deshalb eine Leiter, die nicht aus dem Stübchen entfernt werden
durfte. Unter der Decke befand sich ein langes Brett, worauf
mindestens ein Dutzend Tonpfeifen untergebracht waren, eine immer
schöner als die andere, ganz neue und ganz kurze, so kurz, daß
seine lange Nase beim Rauchen beinahe im Tabak steckte. Wehe wenn
jemand die Pfeifen durcheinander brachte, dann wurde er furchtbar
böse und rührte tagelang keine Arbeit an.
Wenn er zum Graben in die Weinberge mußte, marschierte er barfuß.
Die Schuhe, immer ordentlich mit Nägeln beschlagen - bevor er losging
wurden sie erst im Hofbrunnen ins Wasser getaucht - hatte er
auf dem Rücken am Karst hängen, und den Steinkrug mit Wein (nicht
zu klein) trug er am Strick in der Hand. Einmal warteten die Buben
auf ihn, als er an der unteren Pforte über die kleine Brücke ins
Feld wollte und warfen mit Steinen den schönen Krug kaputt.
Der Hollo schaute einmal dumm umher und als er niemand sah - die
Buben hatten sich unter der Brücke versteckt - machte er kehrt,
marschierte nach Hause und sagte: "Vetterche, die Henk am Kruck is
der abgefall, füll mer e Neie eich kann so nett hacke".
Ein andermal grub er barfuß im Wingert und deckte im Eifer einen
Fuß mit Grund zu. In Gedanken bewegte er den Fuß - das sehen und
den Karst umzudrehen war eins - und mit dem Ruf "ne Maus ne Maus"
schlug er mit aller Kraft zu und hieb seine eigenen Fußzehen blau
und schwarz.
Eines Tages im Herbst frühmorgens wollte er in die Küche zum
Kaffeetrinken. Meine Tante - damals ein Kind von zehn Jahren - war
dort mit aufwaschen beschäftigt und wollte ihn nicht einlassen.
Nachdem er es doch versuchte, bekam er den Aufwaschlappen um die
grossen Ohren und mußte raus. Als dann mein Großvater hinzu kam,
rief er: "Vetterche bleib draus, eich dorft selbscht nett e nen".
Nach Aufzeichnungen von Friedrich Philipp Mörbel
Literaturhinweis:
Hans-Jörg Koch "Blarrer Zappe Leddeköbb"
Ortsneckereien aus Rheinhessen
Aspisheim "Hollo"
Hollo sei der Name eines geistig minderbemittelten Menschen
gewesen, der in Aspisheim lebte und dessen Name dann auf das ganze
Dorf übertragen wurde. |