Die Dorfschelle
Nummer 6 - Ausgabe Juli 1988
Die Kon-Tiki von Aspisheim
Interessante Forschungsunternehmen regen oft die Fantasie
abenteuerlustiger Menschen an, ähnliches - wenn auch im kleinerem
Rahmen - nachzuvollziehen.
So waren in den fünfziger Jahren einige Aspisheimer von dem Buch
"Kon-Tiki" von Thor Hyerdahl so fasziniert, daß sie beschlossen
auch ein Boot zu bauen, um damit - wenn auch nicht über den
Pazifik zu den Südseeinseln zu segeln - erst einmal ihre
Abenteuer auf Deutschlands schönsten Strom, dem Rhein, zu
erleben. Nach eingehender Beratung ging man ans Werk.
Da man kein Balsaholz - wie Thor Hyerdahl - zur Verfügung hatte,
besorgte man sich als Schwimmkörper zwei Flugzeug-Reservetanks,
die man nach dem Kriege noch auf Schrottplätzen finden konnte.
Eisenstäbe wurden zusammengeschweißt und ebenso an den Tanks befestigt,
so daß das Ganze ein stabiler Schwimmkörper wurde. Auf
der Oberfläche des Floßes wurde eine Holzplattform, die sogenannte
Kommandobrücke angebracht, auf der sich die Crew aufhalten
wollte. Da man auch der Technik ihren Anteil zukommen ließ,
montierte man auf die Plattform einen Sachsmotor, der über eine
Welle die Schraube antreiben sollte. Diese war vom angehenden
Ingenieur des Unternehmens konstruiert worden.
Somit konnte man auf Segel und Ruderpinne verzichten. Der Probetrockenlauf
funktionierte bei aufgebocktem Motor einwandfrei, so
daß man den Termin für den Stapellauf festlegen konnte.
Die Fahrt zum Rhein wurde, natürlich nicht ohne den erforderlichen
flüssigen Proviant, einschließlich des Taufweins, angetreten.
Auch einige nicht zur Crew gehörende Aspisheimer waren
mitgefahren und wollten sich den historischen Augenblick der
Taufe und der ersten Fahrt nicht entgehen lassen. Dies sei vorausgesagt:
"Sie kamen voll auf ihre Kosten".
Als man am Rhein angekommen und das Floß abgeladen hatte, stärkte
sich die Besatzung zunächst einmal, denn so ein wichtiges Ereignis
mußte begossen werden. Man kam dabei zu dem Entschluß, die
für die Taufe vorgesehene Flasche Wein, nicht wie bei einem traditionellen
Stapellauf am Bug des Floßes zu zerschlagen, sondern sie
sich einzuverleiben. Somit kam die Crew in die nötige Stimmung und
hatte den erforderlichen Mut das Abenteuer zu beginnen; entschlossen
begab man sich an Deck.
Nachdem das Floß vom Ufer frei war, wurde der Motor angeworfen
und bald war man im tieferen Wasser. Erfreut über den gelungenen
Stapellauf und in guter Stimmung, achtete man nicht so sehr auf
das Gleichgewicht und das empfindliche Reagieren des Floßes, das
- nun dem Wellengang ausgesetzt - hoch- und niedertanzte. Ehe sich
die fröhliche Besatzung darauf einstellen konnte, kenterte die
Kon-Tiki und Vater Rhein umarmte seine abenteuerlustigen Besucher.
Der Motor gab noch ein "Plub-Plub" von sich, dann hörte man nur
noch das Plätschern der Wellen am umgekippten Floß und das
aufgeregte Rufen am Ufer. Dort hatte man bald den Ernst der Lage
erkannt, war jedoch erleichtert, als die verschwundene Besatzung
neben dem Floß wieder auftauchte und sich geistesgegenwärtig am
kieloben treibenden Schwimmkörper festhalten konnte. Sie versuchte
nun denselben durch rudern und strampeln dem Ufer näherzubringen,
was jedoch bei der starken Strömung zunächst nicht möglich war.
Ein Besatzungsmitglied erinnerte sich seiner Schwimmkünste und
Versuchte auf diese Weise das Ufer zu erreichen, was ihm auch -
allerdings mit großer Mühe - gelang; Gummistiefel und Lodenjoppe
wären ihm fast zum Verhängnis geworden.
Vom Ufer her wurden gute Ratschläge gegeben; währenddessen
trieben die Abenteurer mit ihrer Kon-Tiki immer weiter und konnten
doch noch - mit Händen und Füßen rudernd - das rettende Ufer erreichen.
So hatten sich die Floßbauer wohl nicht die Jungfernfahrt
mit ihrer Kon-Tiki vorgestellt.
Aber man war deshalb nicht entmutigt und unternahm noch weitere
Fahrten, die ohne größere Zwischenfälle verliefen.
Nur einmal noch geriet man in Schwierigkeiten; bei einer Fahrt
über den Rhein blieb mitten auf dem Strom der Motor stehen. Der
Benzintank war leer, und da man keine Paddel an Bord hatte, mußte
mit den Händen dem Floß Antrieb und Richtung gegeben werden, um
eine Insel anzulaufen. Dort besorgte man sich Holsstangen, mit
deren Hilfe das Ufer erreicht wurde.
Wie wäre wohl eine Fahrt mit diesem Floß über den Südpazifik zu
den romantischen Südseeinseln verlaufen, von denen die Aspisheimer
Seefahrer geträumt hatten. Ob sie sich von den "schönen" dieser
Inseln angezogen fühlten, hat keiner verraten.
Die Erinnerung an dieses Abenteuer wird wohl manchem heute noch
lebenden Teilnehmer ein Schmunzeln entlocken. Es gehörte schon
etwas Fantasie und Mut dazu dies zu unternehmen. Aspisheim hatte
seine Kon-Tiki und dazu noch eine schwimmfreudige Besatzung.
Gerfried Hepp |