Die Dorfschelle
Nummer 6 - Ausgabe Juli 1988
Wein und Computer
Wir wissen, daß Computer, offen oder versteckt, unser Leben in
vielen Bereichen begleiten. Glauben Sie der Werbung, so gehört zu
einem Restaurantbesuch in Zukunft auch der Weincomputer.
Ich gehöre zu denjenigen, die dieser Werbung erlegen sind und
möchte von meinen Erfahrungen berichten. Der "Wine Computer", natürlich
aus Japan, ähnelt einem Taschenrechner, ist mit DM 135,-
nur erheblich teurer. Er hat Tasten für 17 rote und weiße Weinsorten
aus 4 Ländern, sowie eine Tastatur für die Eingabe des Jahrgangs.
Die "Produktbeschreibung" verheißt: "So klein wie ein Taschenrechner
können Sie ihn auch im Restaurant bei sich tragen." Das
stimmt, und ich habe es getan. Die Weinkarte lag vor mir und ich
wünschte mir einen Computer, der aus der ellenlangen Liste den
besten Wein aussuchen könnte. Der Ober steht neben mir und wartet.
Jetzt den Computer aus der Tasche holen? Nein, damit wurde ich Unkenntnis
signalisieren. Ich mag ja auch nicht die Frauen im Supermarkt,
die mit dem Taschenrechner alles Eingekaufte addieren, um
an der Kasse nicht mehr bezahlen zu müssen, als das Haushaltsgeld
hergibt.
"Welchen Wein würden Sie mir empfehlen?" Prompt schlägt der Ober
mir einen 86-er Chablis vor, ich nicke, er verschwindet.
Raus mit dem Computer:
on....Chablis 86....8
Die Anleitung auf der Rückseite des Computers erklärt:
8: besonders guter Jahrgang, im Keller lassen.
Ich bin enttäuscht, während ein Herr am Nachbartisch mich etwas
mitleidig anlächelt. Für ihn habe ich den Eindruck erweckt, als ob
ich die Preise addieren und mit meinem Taschengeld saldieren
würde.
Den Wein im Keller lassen geht nicht mehr. Er steht auf dem Tisch.
Offen.
Nun will ich es genau wissen. Mein Lieblingswein, ein 71-er
Riesling, muß geprüft werden. Der Computer sagt, daß es sich um
einen sehr guten Jahrgang handelt, er sollte aber bald getrunken
werden. Und ich hüte ihn. Nun wird das kleine Gerät aber meinen
Weinkeller neu ordnen!
Beruhigend ist die Bedienungsanleitung. Sie macht darauf aufmerksam,
daß der Computer nur generelle Daten gespeichert hat und es
immer Ausnahmen gibt. Man solle mit dem Computer die Vorselektion
treffen und die Zunge Über die endgültige Wahl entscheiden lassen.
Ob sich die DM 135,- gelohnt haben? Die Batterien werden, wie bei
meinem Taschenrechner, wohl ewig halten. Moment!! Aber was ist in
ein paar Jahren? Der vor mir stehende Chablis wird bei richtiger
Anwendung des "Wine Computer" nie aus dem Keller kommen. Noch in
10 Jahren wird der Computer mit der letzten Kraft seiner Batterien
signalisieren: "Im Keller lassen".
Trotzdem wird er getrunken werden. Warum? Natürlich weil nicht jeder
einen "Wine Computer" hat.
P.S.
ich werde das Gerät wohl umtauschen. Wenn ich noch DM 40,- drauflege,
bekomme ich ein Antischnarch-Gerät. Im Katalog steht, daß
beim ersten Schnarchen das Gerät ein Signal von bestimmter Frequenz
abgibt, das das Schnarchen sofort stoppt, ohne den Schnarcher
selbst aufzuwecken. Das ist bestimmt eine solide Investition,
die auch die Zustimmung meiner Frau finden wird.
Vielleicht mache ich es noch ganz anders. Für den Betrag kaufe ich
evtl. eine Kiste Aspisheimer Scheurebe. Das wird für einen guten
Schlaf sorgen. Ich scheue mich dann nicht zu schnarchen; wenn
meine Frau mittrinkt schlafen wir beide gut. Und wen stört schon
unser Schnarchen?
Klaus Grundstein
Nichts macht mit der
Landschaft vertrauter
als der Genuß der Weine,
die auf ihrer Erde
gewachsen und von ihrer
Sonne durchleuchtet sind.
Ernst Jünger |