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Die Dorfschelle
Nummer 7 - Ausgabe Dezember 1988
Auswanderungen
Eine Wohnsitzverlegung nach Frankreich oder generell innerhalb
Europas verstehen wir heute nicht mehr als Auswanderung.
Wenn wir Auswanderungen beschreiben/erklären müßten, so würde
wohl vielfach eine Übersiedlung nach Amerika (ob Nord oder
Süd) oder Australien genannt. Dies hängt auch damit zusammen,
daß in den letzten Jahrzehnten - in stärkerem Umfang unmittelbar
nach dem letzten Krieg - Auswanderer überwiegend diese
Länder zum Ziel hatten. Die Beweggründe waren meist wirtschaftlicher
Art, man suchte einen neuen oder überhaupt einen Beginn
wirtschaftlich und beruflich aufbauender Art. Hinzu kommen
noch Auswanderungen im Zusammenhang von Verheiratungen insbesondere
mit US-Bürgern. In den vergangenen Jahrhunderten kamen
neben den damals noch schlechteren wirtschaftlichen Verhältnissen
weitere Gründe hinzu. Pauschal kann man diese Beweggründe
mit mangelnder Freiheit bezeichnen. Im wesentlichen handelt
es sich bis weit in das 18. Jahrhundert hinein um die fehlende
Religionsfreiheit und die persönliche Unfreiheit (z.B. die
in unserem Ort bis 1793 gültige Leibeigenschaft). Hinzu kam
die immerwiederkehrende Aushebung von jungen Männern für Kriegsdienste,
nicht immer unbedingt für das "eigene Land".
Aber nicht nur von Auswanderungen war unsere Heimat betroffen,
genauso auch von vorhergehenden Einwanderungen. So versuchte
der pfälzische Churfürst Carl-Ludwig (1649-1680), ein
toleranter Calvinist, eine Wiederbevölkerung des nach dem
30-jährigen Krieg verödeten Landes durch Einwanderer jeglicher
Konfession. Churfürst Karl II (1680-1685) führte diese Politik
fort. Mit seinem Tod starb die Linie Pfalz-Simmern aus.
Philipp-Wilhelm (1685-1690) von Pfalz-Neuburg hielt sich an
den Erbvertrag, nach dem z.B. die Evangelischen in statu quo
zu belassen waren. Mit dem Churfürst Johann-Wilhelm (1690-1718)
begann jedoch eine Rekatholisierung, die u.a. für Aspisheim
zur Folge hatte, daß 1706 im Zuge der Kirchenteilung
die Aspisheimer Kirche in das Los der Reformierten fiel. So
ist es auch zu verstehen, daß zahlreiche damalige Einwanderer,
z.B. Mennoniten, nach 1690 erneut oder weiter den Rhein
abwärts fuhren und meist über Amsterdam Auswanderungsschiffe
in das "Neue Land" Amerika, auch Südamerika, bestiegen. Hauptsächlich
kamen diese Auswanderer aus Tirol, der Steiermark
und aus Schweizer Gebieten (Calvinisten). Es waren regelrechte
Trecks, die gemeinsam aufbrachen, deren Truppe je nach Wegstrecke
unterwegs durch verschiedene Einwirkungen jedoch immer
kleiner wurde, sei es durch Krankheit oder Tod, aber auch
durch Verheiratungen im Zusammenhang mit kurzfristigen Aufenthalten.
Reste solcher Trecks siedelten dann auch gemeinsam
an, z.B. in oder um untergegangene Dörfer (Wüstungen) und
erfüllten diese so mit neuem Leben. Kenntnisse von solchen
Zügen und Wanderern erhält man teilweise auch aus unseren
Kirchenbüchern, dann, wenn solche Andersgläubige im Zuge von
Verheiratungen die Konfession des Ehepartners akzeptierten.
So wandten sich z.B. Abkömmlinge eines Fried mit Vornamen
Rügen (Rüdiger) sowohl aus Canada als auch den USA (Kalifornien)
an unsere Gemeinde mit der Bitte um Hilfe, wer die Vorfahren
gewesen sein könnten und wann ggfl. die Auswanderung
erfolgte. Es konnte dann ermittelt werden, daß dieser Urahn
Fried nur einige Jahre und zwar in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts
hier ansässig war und offensichtlich als Mennonit
nach der Herrschaftsübernahme durch Johann-Wilhelm von Pfalz-Neuburg
endgültig ausgewandert ist (s. Dalberger Zinsbuch
von 1668 Rüdiger Fried, 1698 Heinrich Friedt).
Die Anfragen aus den U.S.A. richten sich in der Regel darauf,
eine Beschreibung unseres Ortes - möglichst mit Bild - zu
erhalten. So ergaben sich z.B. auch Nachfragen zu den Familiennamen
Schleif, Mundo, Manubach und Geyer; Namen, die teilweise
bei uns nicht mehr vorkommen. Bei diesbezüglichen Nachforschungen
ergaben sich auch wieder Hinweise darauf, wo die Stammväter
herkamen. Im Falle der Namen Geyer und Mundo gibt es
Hinweise, die auf das Elsaß und/oder Lothringen hinweisen,
die zeit- und teilweise zur Churpfalz gehörten.
Über das Schicksal eines Auswanderers mit Namen Heichrich
Becker ist zufolge eines Eintrages im Sterberegister von 1856
bekannt, daß er im August 1843 zu Neu-London im Staat New
York in einem Teich ertrunken sei. Diese Erklärung gab am
26.4.1856 eine Susanna Becker aus der Stadt Salina vor dem
Friedensrichter und erklärte weiterhin, daß sie Heinrich Becker
deshalb gekannt habe, da er bei ihrem Vater, Friedrich Arnold
Becker, während der Dauer des Winters 1842/43 "seinen Tisch"
gehabt habe und er daneben erklärt habe, er sei im Jahre 1842
in Amerika "gelandet" und stamme aus Aspisheim im Großherzogtum
Hessen aus der Gegend von Bingen. Im übrigen habe sie
seine Papiere gesehen, die auf H. Becker gelautet hätten.
An diesem Vorgang wird deutlich, daß viele Auswanderer das
neue Land erreichten, jedoch dort ohne konkreten Plan dieses
neue Land auf der Suche nach einem neuen Abschnitt durchwanderten,
ähnlich wie die Mennoniten sich auf ihrer Suche in
unserem Land verhielten.
Allgemein wurde unter Auswanderung jedoch schon der Wegzug
aus der Hoheit des jeweiligen Landesherrn verstanden. Bei
den Kleinst-Staaten, die bestanden, lagen sehr oft diese Gegebenheiten
schon bei einem Wegzug mit geringer Entfernung vor.
Von der Auflösung etwa vorhandenen Vermögens, z.B. Erbteile,
stand dem Landesherrn eine entsprechende Gebühr zu. Ohnehin
durfte ohne Erlaubnis niemand, auch keine Leibfreien, auswandern.
Selbstverständlich geschahen Auswanderungen häufig
auch ohne Erlaubnis, bei Nacht und Nebel, wie man sagt. Daß
die Vergangenheit gar nicht so sehr Vergangenheit ist, wissen
wir alle, wenn wir in den anderen Teil Deutschlands sehen.
Auch dort ist jegliche Auswanderung von der Genehmigung abhängig.
Es wird jedoch Aussiedlung genannt. In einem Buch
über Auswanderungen im 18. Jahrhundert können wir folgende
Aspisheimer Bürger feststellen, die scheinbar den vorgeschriebenen
Weg eingehalten haben (erstellt nach Unterlagen der
früheren Chur-Pfalz).
| Name |
Jahr |
Land |
| BECKER, Adam, (Jon. Adam) mit Frau |
1741 |
Preußen |
| BOEHR, Peter, offensichtlich Bahr ausgestorbener Name |
1769 |
Ungarn? |
| BÄR, Johann, über Wien nach Neu-Sirac |
1785 |
Ungarn |
| DESOYE, Martin, Gerneindeschmied mit Frau und 6 Kindern |
1748 |
Amerika |
| OECHSEL, Martin, offensichtlich Exel |
1766 |
? |
| EMICH, Adam, ausgestorbener Name |
1732 |
? |
| EMICH, Agnes und 2 Kinder ausgestorbener Name (Nachzug?) |
1742 |
? |
| FUSCH, Johann Karl, (unbekannter Name) |
1753 |
Amerika (Psy) |
| FRANK, Nicolaus, heimlich nach (Name in Horrweiler) |
1789 |
Ungarn |
| GEYER, Elisabeth |
1732 |
Ungarn |
| GEISEL, Andreas, Schwesterkind von Jon. Nikolaus Haas |
1766 |
Holland (AM) |
| LUFFT, Jakob (Luff) nach Amsterdam |
1765 |
Holland (AM) |
| MANNBACH, Nicolaus (Manubach) |
1740 |
? |
| MARTIN, Anna Maria |
1756 |
? |
| MÜSLER, Johann, mit Frau und 2 Kindern |
1729 |
? |
| MÖRBEL, Niklas |
1731 |
? |
| PRIßL, Johann, 4 Personen |
1784 |
Ungarn |
| SCHNEIDER, Lorenz |
1739 |
? |
| SCHNEIDER, Konrad und andere |
1740 |
Amerika |
| SCHNEIDER, Heinrich mit Frau und Kindern |
1741 |
Amerika |
Frieder Hothum |