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Die Dorfschelle
Nummer 7 - Ausgabe Dezember 1988
Spätheimkehrer
Vereinsfeste sind besondere Höhepunkte im dörflichen
Leben. Sie fördern den Gemeinschaftssinn und fordern das
Engagement der Bürger, und da viele Einwohner Mitglied in
mehreren Vereinen sind, ist auch eine gehörige Portion
Idealismus gefragt. So auch bei einem Sängerwettstreit in
den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg. Man hatte in
den Kriegsjahren viel entbehren müssen und die fälligen
Jubeljahre und Feste durften nicht entsprechend feierlich
veranstaltet werden. Um so mehr freute man sich nun auf
den Wettstreit mit den Sängern aus den umliegenden Dörfern;
ebenso auf das gesellige Beisammensein. Alte
Bekannte wurden begrüßt und zum ersten Schluck eingeladen;
schließlich mußte die singfreudige Kehle angefeuchtet
werden und zu erzählen gabs auch genug. Wenn dann später
beim Singen ein Sangesbruder die Zeilen auf dem
Liederblatt nicht mehr genau wahrnahm, so fiel dies nicht
so sehr auf, denn die anderen bügelten dies mit ihrer
Stimme wieder aus. Die Zuhörer, besonders die ehemaligen
Sänger, die aus Altersgründen nicht mitsangen, lauschten
mit Andacht den schönen Weisen und lobten oder übten
Kritik. Auch wenn der eigene Verein als Favorit galt, so
zollte man ehrlicherweise auch den fremden Sängerchören
Lob und Anerkennung.
So ein Festtag - meist in der Sommerzeit veranstaltet -
währte lange, und wenn dann die Sonne noch für den nötigen
Durst sorgte, wurde so mancher Schoppen mehr als üblich
getrunken. Wenn es dann der Zufall wollte, daß Nachbarn
aus dem Dorf zusammen saßen, glücklich einmal die eheliche
Fessel abgestreift zu haben, dann glaubte man nach dem
dritten oder vierten Glas selbst einen Gesangverein
gründen zu müssen. Und da Fröhlichkeit ansteckt, wurde aus
dem Duo bald ein Quartett. Oftmals mußten dann die
eifrigen Sänger zur Ruhe gebeten werden, denn die
Gesangsvorträge der Vereine hatten schließlich Vorrang.
So wurde dann bis zum neuen Einsatz wieder tüchtig geölt,
man wollte denen da droben auf der Bühne ja was vorsingen.
Mit all den Vorträgen der Chöre und den Zwischenspielen
der singfreudigen Zecher ging der Tag allmählich zu Ende.
Wenn sich dann am späten Abend die Sonne hinter den Bergen
des Hunsrücks verabschiedete, wurde es erst recht
gemütlich. Die fremden Vereine traten den Heimweg an,
nicht ohne vorher noch ein Abschiedslied gesungen zu
haben. Man trank gemeinsam noch einen Schoppen und lud
sich gegenseitig zum nächsten Fest ein.
Bald waren nur noch die Einheimischen in der Gastwirtschaft
und manche Tischrunde schmetterte ihre Melodie
durch die offenen Fenster des Lokales in die anbrechende
Nacht. Aber einmal geht auch der schönste Tag zu Ende, und
man muß wieder an den nächsten Morgen und ans Aufstehen
denken.
So machte man sich dann auf den Heimweg und manchem war
das Treppengeländer eine willkommene Hilfe bei dem Versuch
sich vorwärts zu bewegen und die nun doppelt scheinenden
Treppenstufen zu überwinden. Wenn man dann auf ebener
Straße war konnte - damals noch - ihre gesamte Breite in
Anspruch genommen werden. Die vielen Schoppen machten sich
nun bemerkbar; der Diagonalschritt, der auch manche
Rückwärtsbewegung zur Folge hatte, ließ keine großen
Geländegewinne zu. Da die Straße beiderseits durch Häuser
begrenzt war, spielte sich die ganze Zeremonie in einem
vorgegebenen Rahmen ab. Wer sich so an Mauern und Wänden
entlangtastend auf dem Heimweg befand, hatte auch noch
Zuschauer und Begleiter, die - fairerweise - oft
freiwillig ihre Hilfe anboten. Zwei dieser sangesfreudigen
Heimkehrer waren J. und P.. Sie hatten sich nach dem
schwierigen Abstieg über die Treppe der Gastwirtschaft
untergehakt, um dadurch eine kompaktere Einheit zu bilden.
Sie kannten ihren Heimweg genau und lehnten jegliche Hilfe
ab. Auf Zurufe gaben sie Antwort: "Ja-ja, morje babbele
mer drüwer". Es ging schon auf Mitternacht zu, als sie in
die Nähe ihrer Häuser kamen. P. wollte J., der einige
Häuser weiter wohnte, begleiten. Dieser bestand jedoch
darauf seinen Nachbarn P. nach Hause zu bringen. Man
einigte sich auf das Letztere. Also marschierten sie zum
Hause von P.. Hier gab es jedoch ein Problem, denn wollten
sie zur Haustür, so mußten sie den schmalen Weg zwischen
Haus und Mistkaute benutzen. Diesen Gang peilten die
beiden Nachbarn nun an, was bei ihren ständigen
Querbewegungen nicht leicht war. Außerdem herrschte
Dunkelheit und so blieb es mehr oder weniger dem Zufall
überlassen, ob es ihnen gelingen würde den rechten Weg zu
finden. Es schien, als hätte sie gerade in diesem Moment
ihr Schutzengel verlassen, denn die beiden marschierten
Arm in Arm in die leere Mistkaute. Hier landeten sie einen
halben Meter tiefer in der Jauche und hatten alle Hände
und Füße voll zu tun, um sich aus der stinkigen Brühe zu
erheben. Das Ganze war begleitet von Flüchen und
Schreiereien, so daß die Frau von P. alsbald im Nachthemd
am Rand der Mistkaute erschien, das Hoflicht anknipste und
die Männer in der Jauche entdeckte.
Man kann sich vorstellen was nun fällig war. "P. komm mer
nor net so erinn, mach dich in de Kuhstall un wasch dich".
P. , der sonst immer das Sagen im Hause hatte, gehorcht
diesmal und tat wie ihm von seiner besseren Ehehälfte
befohlen. Die Nachbarn ringsum waren durch den Lärm
inzwischen auch wach geworden und beobachteten dieses
nächtliche Schauspiel, und man kann annehmen, nicht ohne
Schadenfreude.
J. hatte wegen seines Gewichtes einige Schwierigkeiten aus
dem stinkenden Loch zu kommen, machte sich jedoch, als er
wieder festen Boden unter den Füßen hatte, schleunigst auf
den Heimweg. Wie er dort empfangen wurde ist nicht
bekannt. Man kann sich jedoch nicht vorstellen, daß ihn
seine Frau mit offenen Armen begrüßte.
Sicher kann man annehmen, daß den beiden Nachbarn dieser
Sängerwettstreit noch lange in Erinnerung blieb. Wer
jedoch hierüber Schadenfreude empfindet, dem sei gesagt,
daß solche Erlebnisse mit Humor hingenommen werden
sollten; sie gehören zur Würze des dörflichen Lebens.
Wer noch nie einen Fehltritt tat - es muß ja nicht immer
die Mistkaute sein - der hat sich auch noch nie in
feuchtfröhlicher Runde wohlgefühlt.
Gerfried Hepp |