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Die Dorfschelle
Nummer 8 - Ausgabe März 1989
Das Achtelche
Kleine Fässchen spielen im Keller des Winzers oft eine große Rolle, und nicht selten liegen sie - fast unsichtbar - zwischen den großen Fässern eingebettet und ihr Inhalt kann von besonderer Qualität sein. So sind sie denn auch begehrt, wenn beim Abstich kleinere Mengen des köstlichen Getränkes untergebracht werden müssen.
Einem Winzer, der beim Abstich war, fehlte ein solch kleines Fässchen - ein Achtelchen -, um einen Rest guten Weines unterzubringen. Da seine Fässchen alle gefüllt waren, ging er zum Nachbarn und klagte diesem seine Schwierigkeiten. Dieser wusste nicht genau ob er etwas frei hatte. Also ging man ins Gewölbe - wie er zu sagen pflegte - um nachzusehen, denn Irrtum war möglich. Als sie dann unten waren und das Schläuchelche in greifbarer Nähe hing, probierte man auch mal aus diesem oder jenem Fass, denn welcher Winzer ist nicht bestrebt dem Nachbarn seine Kostbarkeiten zu präsentieren.
Damit war jedoch das Problem des fehlenden Fässchens nicht gelöst, und man beschloss zu einem anderen Nachbarn zu gehen; vielleicht konnte dieser helfen. Sie trafen ihn auch an, und da seine Frau an diesem Tag in Bingen war und er nichts anderes vor hatte, ging man auch hier in den Keller um nachzusehen. Da lagen nun etliche kleine Fässchen, unter ihnen auch ein Achtelche, das ziemlich hohl klang wenn man daran klopfte; es war aber doch wohl noch etwas Wein darin. Also nahm der Nachbar das Schläuchelche, führte es vorsichtig ins Spundloch ein, um dann beim Herausziehen die Höhe des Inhaltes abschätzen zu können. Nachdem man sich nicht über die Menge des Inhalts einigen konnte, beschlossen sie solange zu probieren, bis man auf dem Boden des Fässchens angelangt war. So wurde dann Glas um Glas aus diesem Achtelchen gezogen, begutachtet, gelobt und dem Gaumen zur Weiterbeförderung überlassen. Ab und zu klopften sie an den Boden des Fässchens und stellten fest, dass der Klang immer dumpfer wurde; ein Zeichen, dass man mit der Entleerung erfolgreich war.
Als dann der Zeitpunkt gekommen war, da das Schläuchelche nichts mehr hoch beförderte, war man am Ziel und die drei Nachbarn waren in ihrer Beschwingtheit stolz ein Fass geleert zu haben. Nun bestand kein Grund mehr noch länger im Keller zu verweilen. Das Achtelche wechselte seinen Besitzer, die Nachbarn bedankten sich für den guten Tropfen und gingen nach Hause.
Der spendable Winzer legte sich in der guten Stube aufs Sofa und die Geister des Weines verhalfen ihm zu einem tiefen Schlaf. Als seine Frau abends von Bingen zurückkam, musste sie ihren Mann zunächst einmal suchen und fand ihn schließlich in der guten Stube. Er war nicht ansprechbar. Erst durch lautes Rufen und Rütteln konnte er -vorübergehend- in die Gegenwart zurückgeholt werden und bruchstückweise erfuhr sie den Grund seines so tiefen Schlummers. Sie machte sich sofort auf den Weg zum Nachbarn, um ihn zu fragen, was man mit ihrem Mann angestellt hätte.
Der Nachbar war zwar auch vom Geist des Weines schwer gebeutelt worden, aber da er - wie man in Winzerkreisen sagt - gut geeicht war, vertrug er schon etwas. "Nun", sagte der Gefragte zur Nachbarin: "Mer hon nix met em gemacht, mer hon nor des Achtelche leergedrunk". Nun wusste die besorgte Nachbarin warum der Ehemann so schwer wach zubekommen war. Ehe sie wieder ging sagte sie noch: "Do sieht mer emol werre, eich Männer kann mer net emol ne Dag elon losse".
Am nächsten Tag war die Welt wieder in Ordnung. Der Nachbar hatte seinen Abstich - trotz Schlagseite - beendet und den Rest des guten Weines im geliehenen Achtelchen untergebracht.
Ob dies nun auch wieder vorzeitig benötigt wurde und die Nachbarn hierbei Trinkhilfe leisten mussten, ist nicht bekannt. Kopien jedoch sind nicht auszuschließen, denn wo Wein wächst werden auch Achtelcher gebraucht.
Gerfried Hepp
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