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Die Dorfschelle
Nummer 9 - Ausgabe Dezember 1989
Der Geist in der Backstube
Ein Bäcker lebt nicht nur vom Brot allein um seine Familie mit Fleisch und Wurst zu versorgen, es muss auch mal ein Schwein geschlachtet werden. So ein Schlachttag ist dann ein besonderes Ereignis und erfordert einige Vorbereitungen. Das Schwein spielt dabei die Hauptrolle, außerdem muss mit dem Metzger der Termin vereinbart werden, an dem das ahnungslose Opfer zu Schinken und Wurst werden soll.
Da sich diese Umwandlung im Hof des Bäckers und später in der Backstube vollziehen sollte, musste für diese Zeit die Brotproduktion ruhen. Um dies auszugleichen arbeitete der Bäcker mit seinem Gesellen am Tag vor der Schlachtung etwas länger, um die tägliche Verkaufsmenge an Brot vorrätig zu haben. Bei dieser Tätigkeit wurde auch über den nächsten Tag, dem Schlachttag, gesprochen. Schelmisch meinte der Bäcker, man müsste dem Metzger mal einen kleinen Schabernack spielen. Der Geselle war kein Spielverderber und sagte ja zu den Vorschlägen, die sich der Bäcker ausgedacht hatte.
Als am nächsten Tag das Schwein getötet und die nötigen Vorbereitungen zum Wurstmachen getroffen waren, verabredeten sich der Bäcker und der Metzger für den nächsten Morgen.
Der Metzger kam pünktlich. Im Kessel kochte schon das Fleisch, und als er in die Backstube kam, war der Bäcker dabei etwas mehr Platz zu schaffen. Das Schneidbrett und die zahlreichen Schüsseln und Wannen mussten so platziert werden, dass man gut daran arbeiten konnte. Die große Teigmischmaschine wurde - vom Bäcker wohlbedacht - so vor die Türen des unteren Vortreibraumes gestellt, dass diese kaum sichtbar waren. Dies gehörte zur Taktik des Planes. Der Geselle war inzwischen - vom Metzger unbemerkt - in die Kammer neben der Backstube geschlichen und wartete den Moment ab, in dem sein Meister den Metzger zum Kessel bat. Schnell huschte er aus seinem Versteck in die Backstube und kroch in den unteren Vortreibraum, zog die beiden Türen bis auf einen Spalt zu und wartete bis der Metzger wieder zurückkehrte. Der Aufenthalt in diesem Raum, der zum Vortreiben des Brotes diente, war alles andere als bequem, denn er befand sich direkt unter dem Backofen und konservierte lange dessen Wärme. Außerdem war der Raum nur ca. vierzig Zentimeter hoch und begrenzte somit die Bewegungsmöglichkeit des Gesellen. Ganz geheuer war‘s ihm nicht, aber er hatte nun mal sein Versprechen gegeben, und so war er auch bereit diesen Spaß mitzumachen.
Bald kam der Metzger zurück in die Backstube, um seine Arbeit aufzunehmen. Durch den Türspalt konnte der Geselle diesen beobachten und hielt nun den Zeitpunkt für günstig in Aktion zu treten. So ließ er denn seine Stimme - etwas zaghaft, mehr flüsternd - aus dem Vortreibraum hören: "H e i n r i c h". Er konnte sehen, wie der Metzger sich umschaute. Es schien, als sei er nicht sicher, dass da jemand gerufen hat oder ob es ein anderes Geräusch war. Er öffnete die nach draußen führende Tür und als er auch hier niemand entdeckte, ging er wieder an seine Arbeit.
Nach kurzer Pause tönte es wieder aus dem Vortreibraum - diesmal etwas lauter - :
"H e i n r i c h". Nun zeigte die Geisterstimme beim Metzger mehr Wirkung. Er schimpfte und drohte dem unsichtbaren Geist, hob die Deckel der Backtröge hoch, schaute in die Teigmischmaschine und stellte sich auf einen Stuhl, um auf der Ablage unter der Decke nachzuschauen. Auch den oberen Vortreibraum inspizierte er, dachte jedoch nicht an den unteren Raum, der durch die davorstehende Maschine verdeckt war. Nach einigen Minuten intensiven Suchens gab der Metzger auf und ging, diesmal sichtlich nervös, wieder an seine Arbeit.
Der Bäcker hatte vor der Backstubentür gelauscht und - obwohl er nichts sehen konnte - doch vernommen, wie der Metzger schimpfte und den vermeintlichen Geist aufforderte herauszukommen. Nun ging er hinein, tat so als habe er nichts mitbekommen und wurde vom Metzger sofort angesprochen. "Hier spukst, hier gibst nen Geist", sagte dieser, worauf der Bäcker ihm antwortete: "Mach doch ko Sache, in meiner Backstub hots noch nie ne Geischt geb". Doch der Metzger sagte: "Er hot sogar mei Nome geruf, ich hons deitlich gehert". Der Bäcker schüttelte den Kopf und sprach von Einbildung und Halluzination und lenkte alsbald von diesem Thema ab, um sich mit dem Metzger über das Würzen der Wurst zu unterhalten. Nachdem man sich wenigstens hierüber einig geworden war, verließ der Bäcker die Backstube, um seinem Gesellen die Gelegenheit zu geben wieder in Aktion zu treten.
Bald kam wieder die Stimme aus dem Versteck "H e i n r i c h - H e i n r i c h". Nun war es mit der Geduld des Metzgers vorbei. Wütend ergriff er sein Messer und ging - laute Drohrufe ausstoßend - in der Backstube umher, um den rufenden Geist aufzuspüren. Der Geselle konnte aus seinem Versteck den wütenden Metzger sehen und bekam nun doch Angst. Er überlegte, ob er sich sehen lassen sollte, um den Metzger zu beschwichtigen, zog es aber dann doch vor in die hintere Ecke des Vortreibraumes zu rutschen, hoffend, dass ihn der Metzger dort nicht entdecken und erreichen konnte.
Dieser lief - schimpfend und drohend - noch einige Minu¬ten mit seinem Messer im Raum umher und suchte dann den Bäcker auf, um ihm von dem erneuten Spuk zu berichten. Beide gingen nun in die Backstube und suchten nach dem rufenden Geist, wobei es der Bäcker nicht versäumte auch in den unteren Vortreibraum zu schauen. So konnte er - vom Metzger unbemerkt - seinem Gesellen sagen, dass er nun mit diesem in die Küche gehe; diese Gelegenheit sollte er nützen, um aus seinem Versteck wieder in den Nebenraum zu verschwinden.
Und so geschah es dann auch. Nachdem der Metzger mit dem Bäcker die Backstube verlassen hatte, kroch der Geselle - schweißgebadet - aus seinem heißen Verlies und versteckte sich im Nebenraum. Bald kamen Bäcker und Metzger aus der Küche zurück und arbeiteten nun gemeinsam an der Wurstzubereitung.
Der Geselle schlich sich nach Hause, zog sich um und er¬schien nun - ganz unschuldig tuend - in der Backstube, um auch mal die Wurst zu probieren. Der Metzger, dem die Spukgeschichte immer noch keine Ruhe ließ, erzählte nun dem Gesellen von den Vorkommnissen, wobei er allerdings etwas übertrieb. Der Geselle meinte, sowas gäbe es nicht. Der Metzger jedoch bestand darauf, dass ein Geist hier ge¬wesen sei und drohend sagte er: "Wenn ich den erwischt hätte, dann …. und er machte mit dem Messer eine unmissverständliche Bewegung, so dass der Geselle nochmals Angst bekam und nun doch froh war, sein Geisterspiel vorzeitig abgebrochen zu haben.
Wie ich mir sagen ließ, wurde bei der nächsten Haus¬schlachtung keine Geisterstimme mehr vernommen. Heinrich, der Metzger, führte dies auf seine unerschrockene Haltung und sein Messer zurück. Am nächsten Tag begann wieder die Brotproduktion. Der Bäcker und sein Geselle hatten ihre Freude an diesem gelungenen Streich; aber noch einmal würde der Geselle nicht in den Vortreibraum gehen, denn beide hatten daraus die Lehre gezogen, man soll nicht versuchen den Geistern ins Handwerk zu pfuschen. Es könnte auch einmal schief laufen.
Gerfried Hepp
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