Die Dorfschelle
Nummer 18 - Ausgabe Dezember 2000
Das unsterbliche Reh
Es war im März 1945, die US-Streitkräfte hatten den Rhein erreicht und seit einigen Tagen hatten amerikanische Soldaten unser Dorf besetzt. Nach all den Schrecken, die der Krieg mit sich brachte, waren die Einwohner einerseits erleichtert, dass der Krieg, hier jedenfalls, zu Ende war, andererseits aber hatte die Ungewissheit über die Behandlung der Bevölkerung durch die Besatzungssoldaten bei den Einwohnern einen gewissen furchtsamen Respekt hervorgerufen.
Der “Polizeidiener“ Adam Weinmann hatte inzwischen mit Unterstützung seiner Schelle die Verfügungen des amerikanischen Standortkommandanten über die Verhaltensvorschriften und Pflichten der Einwohner bekannt gemacht.
So wurde zu Beispiel bestimmt, dass die Einwohner ihre Häuser zwischen 17:00 und 9:00 Uhr nicht verlassen und die Ortsgrenzen in der übrigen Zeit nur mit Passierschein verlassen durften. Die ehemaligen “Parteigenossen“ hatten ohnehin Arrest und mussten in ihren Häusern bleiben. Zu dieser Gruppe gehörte auch mein Vater.
Durch die kriegerischen Ereignisse hatten sich die Bestellung der Äcker und die Frühjahrseinsaat verzögert. Aspisheim hatte in diesen Tagen nämlich auch einen Bombenangriff, dem 10 Menschen zum Opfer fielen, sowie Jagdfliegerbeschuß beklagen müssen.
Mein Vater Hausarrest, mein Bruder gefallen, unser treuer Knecht Philipp beim Militär; ich musste als Siebzehnjährige die Bestellung der Felder alleine übernehmen. Den Passierschein hatte ich mir bei der Ortskommandantur, damals im Hause Jakob Weyell, Germaniastraße, ausstellen lassen, gültig für diesen Tag bis 17.00 Uhr.
Mein Nachbarjunge, Hans Andel, half mir die Egge aufladen und die Ochsen einspannen. So fuhr ich hinaus auf die “Oberwiese“, ein Acker, der nahe der Gemarkungsgrenze zu Dromersheim liegt, um ihn für die dringende Einsaat vorzubereiten. Ich hatte schon einige Touren geeggt, da sah ich drüben auf dem Feld jenseits der “Dromersheimer Chaussee“ einen amerikanischen Soldaten mit dem Gewehr unter dem Arm. Ohne mir Gedanken zu machen eggte ich noch eine Runde und sah beim Zurückfahren den Soldaten schnellen Schrittes auf etwas zulaufen. Er bückte sich, hob etwas hoch, einen Schuss hatte ich zwar nicht gehört, aber ich erkannte, dass es ein Reh war, das er erlegt hatte. Er ließ es gleich wieder fallen, ging zur Straße und verschwand.
Wie ich, hatte dies auch ein Dromersheimer Bauer beobachtet. Der lief mit seiner Hacke auf der Schulter flott aus seinem Wingert beim “Brückelchen“ über die Straße zu besagtem Acker. Er packte das Reh an der Läufen, und schleifte es über das Feld in eine am Weg befindliche “Dickwurzkaut“, scharrte es mit der Hacke zu und machte sich aus dem Staub.
Kaum hatte er auf dem Rückweg zu seinem Wingert die Chaussee überquert, kam ein Jeep mit 6 Soldaten. Sie gingen da hin, wo der “Jäger“ das Reh hatte liegen lassen, um die schwere Jagdbeute abzuholen. An dem heftigen Gestikulieren konnte ich erkennen, dass der Schütze Mühe hatte, den Helfern die Tatsache des Jägerglückes glaubhaft zu machen.
“Das Reh war sicher nicht tot und hat sich fortgeschleppt“! Sie suchten noch eine Weile in der näheren Umgebung des “Tatortes“ und fuhren dann ohne Beute wieder weg. Ich befürchtete schon, dass sie jetzt vielleicht zu mir kämen und mich in die Sache einbeziehen würden. Was würde ich sagen?
Als sie dann aber den Rückweg angetreten hatten und mit ihrem Jeep abgefahren waren, war ich sehr erleichtert und setzte meine Arbeit fort. Am anderen Gewannenende wendete ich mein Gespann und fuhr, den Blick zur Chaussee, zurück. Ich traute meinen Augen nicht. Auf der Straße fuhr ein großer Lastwagen an, dem entstiegen zwölf Soldaten. Diese verteilten sich in einem großen Kreis im Gelände und veranstalteten ein Kesseltreiben. Wie weit sie dieses Treiben fortgeführt haben, konnte ich nicht mehr beobachten, da ich einerseits das Gelände nicht weit genug einsehen konnte, andererseits mit meinem Ochsengespann den Heimweg antreten musste, um rechtzeitig um 17.00 Uhr im Gehöft zu sein.
Jedenfalls war ich erleichtert und froh, dass diese Burschen mich nicht mit ihrer Affäre belästigt hatten und darüber, dass ihnen der mir bis heute unbekannt gebliebene Dromersheimer rechtzeitig entwichen war.
Trotz der Angst, mit der wir alle leben mussten, empfanden ich und alle, denen ich damals davon berichtete, ein kleines Maß an Schadenfreude.
Marlitt Braun
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