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Die Dorfschelle
Nummer 18 - Ausgabe Dezember 2000
De Wooner
der Wagnermeister Peter Schmidt ( mein Großvater )
In Sargenrot im Hunsrück kam er 1873 auf die Welt. Er verlor schon sehr früh seine Eltern. Sein älterer Bruder Jakob, Schuhmachermeister in Bingerbrück, besorgte ihm eine Lehrstelle als Wagner (Jakob ist der Urgroßvater von Thomas, dem Goldmedaillengewinner bei der Olympiade 2000 in Australien). Peter kam nach der Lehre als Wagnergeselle nach Aspisheim und arbeitete in der Wagnerei Geyer in der Kirchstraße. Hier lernte er seine Frau Susanne Köberlein kennen. Sie heirateten 1896 und am 31.Mai 1897 wurde seine erste Tochter Maria (meine Mutter) geboren. Das war in der Dörrgasse, am damaligen Dorfgraben. Hier gründete er auch seine Wagnerei.
Über den Dorfgraben baute er aus Eisenbahnschwellen einen Steg, über den man auf die Chaussee (Germaniastr.) gehen konnte. Der Steg diente auch als Auflage für schweres Holz, das behauen oder gesägt werden musste. Maschinen hatte er noch nicht. Handwerkzeuge waren in der Hauptsache Säge, Beil, Hobel und eine Drechslerbank. Die Drechslerbank wurde über ein Pedal mit dem Fuß angetrieben. Bei großen Stücken (z. Beispiel einer Nabe) musste die Familie treten helfen.
Als er das Haus in der Steinstraße kaufte, erstand er die ersten Maschinen. Über eine Transmission wurden eine Bandsäge und die umgebaute Drechslerbank angetrieben. Später kam noch eine Apfelmühle dazu, auf der viele Aspisheimer Äpfel und Birnen mahlen ließen, um Haustrunk daraus zu machen. Hohenastheimer nannte man das Gesöff.
Das Holz, das verarbeitet wurde stammte überwiegend aus dem Binger Wald. Es wurde in einem Binger Lokal versteigert und wenn es bezahlt war, bekam man den Abfuhrschein. Um auch das Richtige zu ersteigern, war es gut, das Holz im Wald anzusehen. Mit Notizbuch und Bleistift bewaffnet, marschierte Peter zum Bahnhof Büdesheim-Dromersheim und fuhr nach Bingen (einen Omnibus nach Bingen gab es erst in den zwanziger Jahren). Von Bingen aus ging es dann nach Bingerbrück, über Forstamt Heilig Kreuz, Jägerhaus und oft auch bis zur Lauschhütte.
Mehrere Los-Nummern wurden notiert. Das waren Eichen- und Buchenstämme, Tannenstangen usw.. Es wurde noch darauf geachtet, dass das Holz gut abzufahren war. Oft lag es mitten im Wald und musste erst mit dem Gaul herausgezogen werden. Der Heimweg war nicht weiter, dafür aber um Stunden länger. Alle Forstämter waren bewirtschaftet und man musste sich mit dem Förster gut verstehen. Der Weg führte in Bingerbrück am Schuhhaus Schmidt (seinem Bruder), am Kutscher und an der Wirtschaft Weingärtner vorbei. Der damaligen Wirtin hatte er versprochen, nie mehr am Haus vorbeizugehen, nachdem er einen Weinberg von ihr gekauft hatte. So kam er oft erst abends voll geladen zu Hause an.
Im Frühjahr, wenn die Tage wieder länger waren, wurde das Holz geholt. Mit dem Pferdewagen, seinen Söhnen Willi und Karl war man in 4 bis 5 Stunden an dem Ziel. Nachdem das Holz aufgeladen war, hat man sich mit dem Mitgebrachten, Wurst, Brot und Wein aus dem Steinkrug, gestärkt. Ab Bodmannstein über Heilig Kreuz bis Bingerbrück ging es steil bergab. Die Mick (Bremsklötze) war oft so stark angezogen, dass die Radreifen heiß waren und sich lockerten. Ein Radkeil, der zwischen 2 Felgen geschlagen wurde, half dann. In Bingerbrück fuhr man in der Schloßstraße am Schuhhaus Schmidt vorbei. Jakob (der Bruder) kam heraus, streichelte den Gaul und gab ihm ein Stück Brot. Wenn Stämme geladen waren, konnte man die gleich in Bingerbrück an das Gatter fahren und schneiden lassen. Das Sägewerk war dort, wo heute das neue Rathaus steht Die nächste Station war das Brückenhaus, ein Gasthaus an der Drususbrücke. Es stand am Ende der Brücke auf der Binger Seite. Der Gaul bekam Heu und einen Eimer Wasser und die Fuhrleute ein oder 2 Glas Bier. Dann kamen die letzten 10 Kilometer. Ein Halt am Kutschereck, der Gaul musste ja mal ruhen, die Männer trinken und dann ging es bis zum Gasthaus Weingärtner, an dem nie vorbeigegangen wurde. Promille kannte man noch nicht. Aber der brave Gaul hätte auch allein den Weg nach Hause gefunden.
Aufgeschrieben aus Erzählungen und zum Teil selbst erlebt
Aspisheim im November 2000
Peter Rudolph
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