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Die Dorfschelle
Nummer 19 - Ausgabe Dezember 2001
Das dörfliche Leben in den 20er und 30er Jahren in Aspisheim
Die Aspisheimer lebten überwiegend vom Acker- und Weinbau. Auch die
rund 30 Handwerker, Gastwirte und Händler waren im Nebenerwerb
Kleinbauern und Winzer oder auch alles zusammen. Gearbeitet wurde immer
nach dem selben Muster. Von November bis Februar war Winterzeit gleich
Ruhezeit, d.h., wenn die Arbeiten in Haus und Hof gemacht waren.
Morgens mußte erst einmal Feuer im Küchenherd gemacht werden und
Wasser "aufgestellt". Sodann waren Hühner, Schweine, Pferde,
Kühe zu füttern, z.T. auszumisten und zu melken. Inzwischen war der
Kaffee gekocht und es wurde gefrühstückt bzw. Kaffee getrunken. Es hieß
Kaffee getrunken, doch Bohnenkaffee gab es nur Sonntags. Werktags wurde
Kathreiner oder den aus Gerste selbst gerösteten
"Zeppelinkaffee" gekocht; hinten und vorne spitz (die Gerste).
Die Frauen hatten dann noch außer der üblichen Hausarbeit die frisch
gemolkene Milch zu "separieren", also die Milch im Separator zu
entrahmen. Der Rahm wurde in einem Steintopf aufgehoben und einmal in der
Woche im Butterfaß gebuttert. Die Butter wurde dann in Bingen auf dem
Markt oder an feste Kundschaft verkauft. Anfang der 30er Jahre wurde eine
Milchsammelstelle eingerichtet und die Milch mußte nun fortan abgeliefert
und zur Molkerei nach Bingen gebracht werden.
Die Bauern mußten von nun an ihren Eigenverbrauch an Butter und Käse
von der Molkerei beziehen. Den Begriff Schwarzarbeit kannte man damals
noch nicht. Heute kann man sagen, er wurde damals in den 30ern erfunden.
Man schöpfte heimlich einige Löffel Rahm, der ja oben schwamm, ab. In
den zwei Wagnereien im Ort wußte man ganz genau, wie man einen
Butterstößel auf der Drechslerbank herstellt, der dann genau auf einen
bestimmten Steintopf paßte, um darin dann "schwarz" zu buttern.
Ende Oktober waren die Arbeiten auf dem Feld und im Wingert bis auf
einige Äcker mit Stoppelrüben getan. Die Stoppelrüben wurden erst nach
der Getreideernte gesät und von Ende Oktober bis November als Viehfutter
gerupft, wobei es oft kalte Finger gab. An den langen Abenden wurde nach
dem Essen mit den Kindern gespielt. Üblich waren die Spiele Mensch
ärgere dich nicht, Mühle, Dame, Halma; hinzu kam noch das Kartenspiel
oder die Würfel.
Radio gab es auch noch nicht. Die erste Musik hörte ich 1927 aus einem
Kopfhörer. Es war Wilhelm Mai (den älteren Aspisheimern als Tüftler,
Uhrmacher, Ohrlochstecher usw. bekannt), der die ersten Radiowellen aus
Frankfurt empfing. Die Technik: eine fast 100 Meter lange Antenne,
angeschlossen an einen Kasten, auf dem eine Spule und eine Röhre stand.
Daneben eine Anoden-Batterie so groß wie ein Zigarrenkasten. Über den
angeschlossenen Kopfhörer konnte man nun "Radio" hören. Die
neuesten Nachrichten hörten dann die Männer am Morgen, wenn sie sich in
den warmen Werkstätten beim Schuhmacher, Schreiner, Wagner oder Schmied
einfanden. Es ging halt viel ruhiger zu als heute. Man hatte noch Zeit.
Eine Binger Zeitung gab es auch, jedoch nicht in jedem Haus. Die
Zeitungen wurden mit der Bahn zum Bahnhof Gensingen - Horrweiler gebracht
und von dort durch den Horrweilerer Zusteller mit dem Handwagen abgeholt.
Er brachte auch die Aspisheimer Zeitungen mit, die dann von den Söhnen
oder der Tochter des Aspisheimer Zustellers (und Polizeidieners) in
Horrweiler abgeholt wurden. Das geschah auch mit dem Handwagen, der die
10% Gefälle nach Horrweiler mit Caracho , die Deichsel zwischen den
Beinen des Lenkers, nahm. Im Winter gab es alternativ eine Schlittenfahrt.
Schnee und Kälte gab es damals im Winter ja fast immer. Im Frühjahr 1929
fror der Rhein noch im März zu, man konnte bis zum Mäuseturm laufen.
Im Februar, wenn das Wetter es zuließ, wurde mit dem
"Schneiden" in den Weinbergen begonnen. Anschließend wurden die
Reben (abgeschnittenen) gerafft, zu Wellen gebunden, heimgefahren und
unter ein Dach zur Trocknung gebracht. Das Rebholz wurde hauptsächlich
zum täglichen "Feuer machen" gebraucht wie im Küchenherd, im
Ofen und im Kessel, wenn geschlachtet, gewaschen oder auch nur Latwerge
gekocht wurde. Die Wellen wurden aber auch gebraucht, wenn die Jugend an
Fastnacht ihr "Fastnachtsfeuer" abbrannte. Die Wellen wurden im
Ort gesammelt und mit dem handgezogenen Karren die Chaussee hinauf bis zur
Ritsch gebracht. Das war keine leichte Arbeit, bergauf half kein Teufel,
aber bergab halfen alle Schutzengel. Dann saßen alle Helfer im Karren,
eine Person lenkte mit den Füßen und es ging mit Hurra die Chaussee
hinunter. An Fastnachtdienstag wurde am Abend das Feuer angezündet, es
war weit ins Land hinein sichtbar. Bevor es ganz abbrannte, wurden die
selbst gefertigten Fackeln angezündet und es ging nach Hause. Die
Fastnacht war vorbei.
(Fortsetzung folgt in der nächsten Dorfschelle).
nacherzählt, selbst erlebt und aufgeschrieben
Peter Rudolph |