Die Dorfschelle
Nummer 19 - Ausgabe Dezember 2001
Aus dem Gemeinderat - vor Hundert Jahren
Mit Auszügen aus den Sitzungsprotokollen der damaligen Zeit will der
Verfasser versuchen, ein Bild der damaligen Themen- und Fragenstellungen
aus dem Gemeindeleben zu zeichnen. Gerade hier am Beispiel der
Themeninhalte wird der Wandel in der dörflichen Gemeinschaft sehr
deutlich, aber auch erkennbar, daß die oft zitierte gute alte Zeit gar
nicht so gut war...
Garantie- oder Bürgschaftserklärungen
Eng arbeitete die Gemeinde mit der Spar- und Leihkasse in Bingen zusammen.
Eigene Darlehen wurden dort aufgenommen, andererseits die
Kapitalansammlungen z. B. für einen Friedhoffonds angelegt. Eine weitere
Zusammenarbeit fand im Bereich der Darlehnsvergaben an Gemeindebürger
statt. Vor der Kreditvergabe durch die Spar- und Leihkasse, der heutigen
Sparkasse, wurde der Gemeinderat hinsichtlich der Bonität um
Stellungnahme gebeten. Im Ergebnis kann festgehalten werden, daß die
Kreditvergabe mit dem Inhalt der gemeindlichen Stellungnahme unmittelbar
verknüpft war. So ist denn auch unterm 11.8.1901 zu lesen, daß in zwei
Fällen eine Tilgungsaussetzung vertretbar ist, in einem anderen Fall
jedoch das Mahnverfahren uneingeschränkt durchgeführt werden soll.
Steuern
Am 18.11.1901 beschließt der Rat, daß die Mitglieder der
Steuereinschätzungskommission eine Entschädigung von 3 Mark pro Tag
erhalten. Die Steuereinschätzungskom-mission war hilfsweise für das
zuständige Finanzamt tätig.
Wasserleitung
Am 20. Januar wurde der Einbau eines Schlammablasses in die Sammelleitung
vom "alten Quellenschacht zum Reservoir" entschieden. Er sollte
in der Talsenke installiert werden. Die Kosten wurden auf 200 Mark
beziffert. Scheinbar war der Einbau doch nicht so einfach, denn am 28.
April beschloß man, dem Peter Gruber III für die Errichtung eines
Sammelschachtes den Betrag von 25 Mark, dem Johann Hothum VIII für die
Aufstellung eines Absperrschiebers 20 Mark und W. (Wilhelm) Huff IV für
die Beschädigung der Korneinsaat 3 Mark zu zahlen.
Friedhof
Am 11. Juni wurde eine Vergütungserhöhung für den Leichenwagenfahrer
und den Totengräber vorgenommen. Der Leichenwagenfahrer Andreas Wenz und
der Totengräber Jacob Müller II erhielten jeweils 60 Mark pro Jahr mit
Wirkung vom 1. April 1901.
Unter Punkt 2 der Tagesordnung vom 1. Dezember beschäftigte man sich
mit der Instandhaltung der Friedhöfe. Unser heutiger Friedhof wurde um
1890 neu angelegt. Bis dahin diente das Gelände um die Ev. Kirche
einschließlich des heutigen Spielplatzes in der
Wassergasse als Friedhof bzw. seinerzeit Kirchhof genannt. Der
Verfasser kann sich noch an restliche Gräber unmittelbar bei der Kirche
erinnern, der Bereich des heutigen Spielplatzes wurde bereits während des
letzten Krieges zur Anlage eines Brandweihers aufgelassen. Aus dem
Protokoll ergibt sich, daß man mit der Instandhaltung der Friedhöfe
durch den Friedhofswärter nicht zufrieden war und bestellte das
Ratsmitglied Weinmann als Aufsichtsperson, der die Arbeit des
Totengräbers und der Grabsteinaufsteller zu überwachen hatte. Er erhielt
dazu alle notwendige Kompetenz.
Schule
Am 20. Januar wurde eine Anhebung der Vergütung für die
"Industrielehrerin" von 10 Mark pro Monat mit Wirkung vom 1.
April an beschlossen. Über die Gesamtvergütung gibt es keinen Hinweis.
Straßen
Ebenfalls am 20. Januar wurde die Pflasterung der Kirchstraße und der
oberen Schulstraße beschlossen.
Aus zwei Beschlüssen ist erkennbar, daß damals offensichtlich die
Straße nach Appenheim beginnend mit der Abzweigung an der L 414 neu
gebaut oder ausgebaut wurde. Der Gemeinderat beschloß die Abgabe von Sand
aus der Sandkaut an die Unternehmer Dörrschuck aus Obersaulheim und
Laubenstein aus Zotzenheim zum Preis von 30 Pfennig pro cbm.
Vergleichsweise wird hier ergänzt, daß vor Schließung der Sandkaut die
Gemeinde durch eine Baufirma in 60er Jahren DM -,50, also 50 Pfennig für
Sandabbau erhielt. Die damaligen 30 Pfennig kann man daher als einen sehr
guten Preis bezeichnen. In unmittelbarer Nähe hat sich der Sandabbau bis
heute erhalten, im Rahmen der aktuellen Landesplanung ist das Gebiet
großflächig zur Rohstoffsicherung Sand vorgesehen.
Im zweiten Beschluß beschäftigte man sich am 25. September mit der
Übernahme von Gebühren für die "Meßbriefe", offensichtlich
die Einmessungkosten. Die Übernahme wurde abgelehnt mit dem Argument,
daß die Straße für Aspisheim keinen Vorteil hätte und die Kosten von
der Gemeinde Appenheim zu übernehmen wären. Über den Ausgang ist nichts
bekannt.
Letztlich entschied man am 24. November, daß in der heutigen
Germaniastraße entlang den rechtsseitigen Häusern eine Gosse vom Einlauf
des "Kanals" bis zur
Einmündung der Straße von Horrweiler hergestellt werden soll. Die
veranschlagten 1000 Mark sollten im Haushalt 1902/03 (1.4. bis 31.3.) zur
Verfügung gestellt werden.
Am gleichen Tag wurde die Umpflasterung des s.g. Fußpfades von der
Schulstraße bis zur Kirchstraße mit 6 gegen 3 Stimmen beschlossen.
Instandhaltung der Feldwege
Am 1. Dezember bemängelte man den Zustand der Feldwege und bestellte eine
Wegebaukommission mit den Mitgliedern Friedrich Weinmann, Friedrich Becker
I und Peter Dern. Der genannte Personenkreis wurde verpflichtet, nach
Begutachtung der Feldwege die Schäden im Tagelohn zu beseitigen. Die
Mitglieder erhielten pro Tag, an dem sie die Aufsicht führten, eine
Vergütung von 2 Mark.
Gesundheitswesen
Zum besseren Verständnis des Beschlusses wird voraus- geschickt, daß es
seinerzeit die heute selbstverständlichen Krankenversicherungen nicht
gab. Es war die Eigenversorgung bzw. die Unterstützung durch die Gemeinde
gefragt. Am 28. April beschloß man eine Leistungsverbesserung mit
folgendem Wortlaut: "Mit Rücksicht darauf, daß das aus den
Überschüssen der Krankenversicherung angesammelte und verzinslich
angelegte Kapital bereits die Höhe von über 900 Mark erreicht hat wird
hiermit auf Grund § 10 Absatz III des Krankenversicherungsgesetzes in der
Fassung vom 10. April 1892 beschlossen, daß in Krankheitsfällen bei
eingetretener Erwerbsunfähigkeit und dadurch bedingter
Krankenunterstützung dieselbe bereits vom ersten Tage der Erkrankung an
auf die Dauer von 13 Wochen gewährt werden. Als erster Tag ist derjenige,
an welchem ärztliche Hilfe in Anspruch genommen wurde, in Anrechnung zu
bringen. Dieser Beschluß soll am 1. Juli 1901 in Kraft treten."
Gewerbe
Am 11. Juni erkannte der Gemeinderat auf Antrag von Peter Joseph Butz,
daß zur Weiterführung der Wirtschaft im elterlichen Haus ein "Bedürfniss"
vorliege und erteilte ihm daher zum Fortbestand die Gastwirts-Konzession.
Bullenhaltung
Am 11. August ging es darum, ob die Gemeindebullen bei einer Bullenschau
präsentiert werden sollen. Dem stimmte der Rat unter der Voraussetzung
zu, daß die Schau tatsächlich in Dromersheim stattfindet. Sofern die
Bullen(Mehrzahl) einen Preis erzielen würden, solle dieser dem Halter
Johann Schmuck zufließen, anderer-seits habe er auch Kosten und Gefahren
abzudecken.
Weinlese
Am 21. August wurde die Schließung der Weinberge auf den 31. August
festgelegt. Später wurde die Schließung bis zum 31. Oktober als
Gesamtzeitraum festgelegt. Dringende Arbeiten konnten dann gegen einen bei
der Gemeindeverwaltung einzuholenden Erlaubnisschein nur noch an
Donnerstagen ausgeführt werden. Ab dem 17. September konnten
"Burgunder" Trauben, ab dem 3. Oktober Portugieser Trauben
gelesen werden. Den Beginn der allgemeinen Lese wurde auf den 14. Oktober
festgesetzt. Kontrovers war wohl die Festsetzung einer Vorlese bzw.
"Auslese" von überreifen Trauben; sie wurde in
"schriftlicher" Abstimmung mit 4 zu 3 Stimmen bei 4 Enthaltungen
auf den Donnerstag/Freitag, den 3. und 4. Oktober festgesetzt.
Frieder Hothum |