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Die Dorfschelle
Nummer 20 - Ausgabe Dezember 2002
Das dörfliche Leben in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in Aspisheim
März, April, die Reben wurden gebogen und mit Heftstroh am Pfahl oder
Draht befestigt. Heftstroh wurde aus handgedroschenem Roggenstroh zu einem
"Wisch" gebunden. Gedroschen wurde mit dem Dreschflegel. Bevor
die erste Dreschmaschine (angetrieben von einem dampfgetriebenen Lokobil)
vorhanden war, wurde alles mit Dreschflegeln im Takt gedroschen. Aus
Roggenstroh wurde außer den Wischen auch Seile zum binden des Strohes
gemacht. Mit der Windmühle wurden anschließend die Spreu und der Staub
von den Körnern getrennt.
Wenn dann im Frühjahr das erste Unkraut (heute Wildkräuter) wuchs,
wurde mit der Haa (Hacke/Harke) "geschuffelt", d.h. leicht
gehackt. Wenn ein neuer Wingert auf einem Feld, das im November/Dezember
mit Spaten und Schaufel gerodet war, gepflanzt wurde, dann waren das so
genannte Blind- oder Wurzelreben. Veredelte Pfropfreben, deren Wurzelteil
resistent gegen die große Schäden verursachende Reblaus war, wurden erst
in den 30er Jahren zur Pflicht. Die Reben wurden meist am Hof veredelt.
Ein Auge der gewollten Rebsorte wurde mit dem Zungenschnitt auf die
Wurzelrebe (amerikanische Unterlage) gesteckt. Die schnellwüchsigen
Unterlagen (Amerikaner) wurden in den Rebmuttergärten angebaut. Die
veredelten Reben wurden dann mit Sägemehl oder Torf in Kisten gepackt und
in einen Vortreibraum gebracht. Nachdem die jungen Triebe groß genug und
keine Maifröste mehr zu befürchten waren, wurden sie in die
"Rebschulen" eingepflanzt.
Den Maifrösten oder auch Eisheiligen rückte man mit verschiedenen
Mitteln mit mehr oder weniger gutem Erfolg zu Leibe. Von den örtlichen
Handwerkern wurde aus Ölfässern Geräte gebaut, in denen mit brennendem
Teer Rauch erzeugt wurde, der die jungen Triebe der Weinberge bei der
aufgehenden Sonne schützen sollte. Ein fortschrittlichter Winzer
verfügte über ein Thermometer, das via Leitung mit einer Klingel im
Schlafzimmer des Winzers verbunden war und bei 0° Celsius den gewollten
Klingelton von sich gab. Die Entfernung des Weinbergs war sicher nicht so
groß, aber das galt ja dann für alle Weinberge, insbesondere bei
Frostlagen. Dies bedeutete Alarmstufe eins. Sank die Temperatur dann
weiter ab, wurden die Winzer alarmiert und es wurde bis zum Sonnenaufgang
geräuchert. Da der Erfolg oft ausblieb, wurde die Räucherei wieder
eingestellt.
Wenn die Eismänner vorbei waren, ging es mit der Bodenbearbeitung
weiter. Es wurde "aufgezackert". Mit dem Pflug, von Pferd, Ochs
oder Kuh gezogen, wurde beiderseits der Rebenzeile abgezackert (was vor
Winter als ergänzender Frostschutz "zugezackert" wurde) und
dann zwischen den Stöcken mit der "Haa" ausgeputzt. Die
Arbeiten gingen dann ohne Unterbrechung weiter. Ausbrechen (überflüssige
Triebe entfernen), "Rebstichler" und andere Schädlinge
absuchen, mit Handgeräten schwefeln und spritzen. Gespritzt wurde mit
Kupferkalk-Brühe, die zuhause angerührt wurde. Die Waren-Genossenschaft,
kurz "Kunnsumm" genannt, die auch Saatgut, Kohlen, Besen und
vieles mehr verkaufte, installierte später an der Weed (heutige
Wasserentnahmestelle) eine Spritzbrühanlage. Hier konnte nun die fertige
Brühe getankt werden. Gifthaltige Mittel wie Arsen, Nikotin usw. gegen
verschiedene Schädlingen konnte nach Bedarf zugesetzt werden. Eine
Erleichterung beim Spritzen waren nun die ersten Batteriespritzen. Mit
Pressluft oder gar mittels Motorpumpe erzeugtem Luftdruck in der
"Batteriespritze" brauchte man nun nicht mehr die Brühe aus der
Spritze mit der Hand pumpen. Mit ca. 20 Liter und dem Eigengewicht der
Spritze auf dem Rücken und dann den Hippel hoch, das war Schwerstarbeit.
Dass es bei dieser Arbeit auch Durst gab und dieser mit
"Trinkwein" gelöscht wurde hatte oft nach vier (16) Uhr seine
Folgen. Trinkwein, oder auch Haustrunk genannt, wurde aus
aufgeri(e)ppelten Trestern, Wasser und mehr oder weniger Zucker (Alkohol)
gemacht. Alkoholfrei war nur was aus der Wasserleitung kam. Die
Wasserleitung gab es in Aspisheim schon seit Ende des letzten
Jahrhunderts. Ein erfrischendes Getränk war auch das Wasser aus dem
"Guurebrünnelche", unserem Gutenborn am oberen Ende der
Kirchstraße, Namensgeber unserer Gutenborn-Halle und ein Brausewürfel
für 5 Pfennig.
Zwischen den 14-tägigen Spritzterminen wurde geheftet und wo noch
keine Drahtanlage war mussten die Austriebe mit Heftstroh an den Pfählen
befestigt werden. Der "Schlopp" (Schleife) wurde so gedreht,
dass er das ganze Jahr hielt. Wenn die Reben hoch genug waren, wurde mit
der Sichel entspitzt, ausgegeizt und abgeschnitten. Heute macht das alles
der Laubschneider. Zur Wingertsarbeit kam die Heu- und Getreideernte hinzu.
Über diese Arbeiten und über die Weinlese werde ich in der nächsten
Dorfschelle berichten.
Peter Rudolph
Rebveredelung

hintere Reihe 2. von rechts Theodor Dautermann, links daneben Heinrich Hothum
Spritzbrühanlage

Friedrich J. Luff mit Tochter Wilhelmine verh. Dettmann
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