Die Dorfschelle
Nummer 20 - Ausgabe Dezember 2002
Ein besonderes Jubiläum
50 Jahre Glockeneinweihung der Ev. Kirche
Die Kerb des Jahres 1952 war für die ganze Gemeinde mit einem
besonderen Höhepunkt verbunden.
Zum x-ten Mal durften oder auch mussten neue Glocken für die Ev.
Kirche geweiht werden. Dies geschah unter großer Anteilnahme der gesamten
Bevölkerung. Was war der Hintergrund?
Glocken als auch Orgelpfeifen dienten in den vergangenen Jahrhunderten
als Rohstoffsicherung für Rüstungszwecke. Glocken waren, im Gegensatz
zur heutigen Zeit, regelmäßig aus Bronzematerial, welches für die
vielseitigen Anforderungen der Rüstungsindustrie in einem rohstoffarmen
Land gebraucht wurde. So wurden halt immer wieder solche
"Ressourcen" im Wege der Beschlagnahmung und Konfiszierung
eingezogen. Für das so genannte Polizeiläuten wurde immer eine Glocke
zurück gelassen, natürlich die kleinste Glocke.
Doch zunächst zur Vorgeschichte, den vorherigen drei Bronzeglocken. In
der Chronik der Ev. Kirchengemeinde ist in den Ausführungen zum Jahr 1917
gemeinsam für Aspisheim und Horrweiler vermerkt:
"Im Februar fand die Beschlagnahme der Orgelpfeifen durch die
Heeresverwaltung statt. Die Beschlagnahme der Glocken erfolgte einige
Wochen später".
Erstmals im Jahre 1920 kann man wieder etwas über die Glocken lesen
und zwar wie folgt: "Außerdem ist noch folgendes zu erwähnen. Der
Wunsch nach neuen Glocken wurde immer lauter in der Gemeinde und so wurde
eine freiwillige Sammlung in der Gemeinde vorgenommen. Da aber keiner der
Reichen das Herz hatte einen namhaften Betrag zu zeichnen, wurde nicht viel
erreicht und die Sache verlief im Sande".
Die Eintragung im Jahre 1921 beginnt sofort wie folgt::
In diesem Jahr richteten wir nochmals einen kräftigen Appell in Sachen
der Glocken an unsere Gemeindemitglieder. (Wie) viele Gemeinden hatten
schon wieder ein schönes neues Geläute, die ärmer waren als Aspisheim.
Zwei Kirchenvorsteher übernahmen nochmals das Sammeln und brachten
diesmal wirklich die schöne Summe von beinahe 50000 Mark zusammen. Bei
der Firma Andreas Hamm, Frankenthal, welche auch die vorigen Glocken
geliefert hatte, wurden die beiden Neuen bestellt und einen Vertrag für
68000 Markt mit 6monatlicher Lieferungsfrist abgeschlossen. Wie freute
sich nun Jedermann, dass wir nun endlich soweit waren. Mögen ihre ehernen
Stimmen uns bald wieder das ""Ehre sei Gott in der Höhe &
Friede auf Erden & den Menschen ein Wohlgefallen""
zurufen! Dies war der Alten Glocken Inschrift und die Neuen sollten
dieselbe wieder tragen.
Bedauerlicherweise wurde nach dem Weggang von Pfarrer Köhler die
Chronik für die beiden Kirchengemeinden nicht fortgeführt, es liegen
also keine konkreten Aufzeichnungen über die erneute Konfiszierung durch
den Staat vor. Ein Hoffnungsschimmer bestand darin,
eventuell etwas im Protokollbuch der Ortsgemeinde zu finden, jedoch auch
Fehlanzeige.
Ein Zeitzeuge ließ sich jedoch mit Peter Hieronymus finden. In seiner
Tätigkeit als Zimmermann begleitete er den Transport der Heidesheimer
Glocken zum Hafen in Bingen. Dort sah er zwei Glocken mit der Bezeichnung
Aspisheim zum Abtransport stehen. Seiner Erinnerung nach war das Ende
1941/Anfang 1942.
Nun verfügte die Gemeinde neben dem Glöcklein in der kath. Kirche in
der Hauptstraße nur noch über die kleine Glocke, die bereits den 1.
Krieg als so genannte Polizeiglocke überstanden hatte. Die Polizeiglocke
wurde immer bei Notfällen in der Gemeinde wie Bränden o.ä. eingesetzt.
Aus den alten Protokollbüchern der Gemeinde ist auch zu entnehmen, dass
im vorletzten Jahrhundert bei ungeeigneter Witterungslage während der
Weinlese mit der Polizei- oder auch Ordnungsglocke das Ende der
Lesetätigkeit in den Weinbergen für jedermann "eingeläutet"
wurde, also alle Tätigkeiten im Feld beendet werden mussten. Die
Überwachung erfolgte durch einen oder gar mehrere Feldschützen. Eine
offenbar notwendige Regelung, ein Schelm, der sich dabei etwas Schlechtes
denkt.
Zurück zu unseren Glocken. Wie auch nach dem ersten Krieg wollte die
Gemeinde wieder ein Läutewerk in angemessener Form haben.
Dies begann wieder mit Sammlungen zu Gunsten der Neuanschaffung nicht nur
der fehlenden zwei, sondern von 3 neuen Glocken. Die Erfahrung hatte ja
gelehrt, dass Glocken aus Bronzematerial immer der Begehrlichkeit des
Staates als Rohstofflieferant ausgesetzt waren. Das sollte nun künftig
verhindert werden indem man sich auf die weniger klangvollen Stahlglocken
besann. Die höherwertige Bronzeglocke wurde seinerzeit in Zahlung gegeben
und 3 neue Stahlglocken in Auftrag gegeben. Leider ist auch hier nichts
Näheres über den Umfang und das Ergebnis der Sammlungen festgehalten.
Der Verfasser kann sich mit anderen Personen jedoch noch gut an die
Sammlung selbst erinnern, die Spender erhielten - im heutigen
Sprachgebrauch - einen Sticker in der Form von zwei Glocken. Vielleicht
ist er in dem einen oder anderen Haushalt bei intensiver Suche noch
auszugraben und könnte der Kirchengemeinde eine gute Erinnerung sein.
Übrigens hatten wir Jungs in dieser Zeit bunte Käppchen auf, je mehr
Sticker darauf waren, umso interessanter war die Kappe bzw. der Träger.
Selbstverständlich hatte jeder von uns einen solchen Sticker, was ja auch
bedeutete, die Familie hatte gespendet.
Nach einem Bericht der Zeitzeugin Gertrude Huff wurden die Glocken in
Gau-Algesheim an der Bahn übernommen und zunächst im Anwesen ihres
Schwagers aufgestellt und geschmückt. Mit zwei Rollen der Marke Butz und
Pferdefuhrwerk wurden die Glocken nun in Begleitung von Ehrenjungfrauen
und des Kirchenvorstandes durch den Ort gefahren und der Bevölkerung
präsentiert (s. Bilder im oberen Bereich der Kirchstraße vor dem alten
Haus des Anwesens Dautermann). Die Ehrenjungfrauen oder Ehrendamen bestand
aus den Turnerinnen des TV mit einheitlichen, aus einem Ballen mehrmals
gebleichtem (ursprünglich cremefarbig) Nessel genähten Kleidern, so
erzählen G. Huff und W. Dettmann.
Die Einweihung der Glocken fand an Kerb (Kirchweih) am 13. Sept. 1952
(Samstag) statt. In der Binger Zeitung (AZ) wurde am 15. Sept. 1952
ausführlich mit der Überschrift "Glocken der Heimat rufen die
Menschen" berichtet. So war u. a. zu lesen:
"Ein Tag der Glockenweihe ist ein Festtag für eine Gemeinde. Er
lässt die Herzen höher schlagen und stellt sie in Harmonie mit den neuen
Glocken, die hoch vom Turm ihre Stimmen erklingen lassen. So war es in der
Gemeinde Aspisheim am Samstagnachmittag, als in einer feierlichen
Weihestunde die gesamte Gemeinde und darüber hinaus Freunde und Gäste
den denkwürdigen Tag feierten. Drei neue Glocken wurden in den Tagen
zuvor im Kirchturm aufgehängt - und in dieser Stunde läuteten sie
erstmals zum Lobe des Allerhöchsten".
Nach dem Bericht war die Kirche für die vielen Mitglieder und Gäste
zu klein, äußerlich mit Grünschmuck und Blumen geschmückt. Im
Chorgestühl saß neben dem wie üblich dort sitzenden Kirchenvorstand Landrat Trapp (während der
Kriegstage Gast in Aspisheim) und Pfarrer Valentin Hain von der Kath.
Kirchengemeinde Dromersheim - Aspisheim sowie weitere Geistliche der
Umgebung.
Mit einem Choral der Ev. Posaunenchors Horrweiler und "Glocken der
Heimat" sowie einem Beitrag des Männergesangverein Aspisheim unter
der Leitung von Rony Franz wurde die Feierstunde mit stimmlichem Wohlklang
eingeleitet. J. Zehmer sprach den Weihespruch.
Festprediger war Pfarrer Zentgraf aus Appenheim, der die zu diesem
Zeitpunkt nicht besetzte Pfarrstelle mitversah. Erst 1954 wurde die
Pfarrstelle mit Gustav Jung wiederbesetzt.
Pfarrer Zentgraf sprach mit eindringlichen Worten - so der Bericht -
von den ehernen Stimmen der Glocken, die Gottes Stimme seien, die die
Menschen gerade in den Tagen des damals so empfundenen Niederganges und
Gottlosigkeit rufen. Wenn die opfervollen Spenden der Dorfgemeinschaft es
zu Wege brächten, dass wiederum Glocken in Aspisheim läuteten, so
sollten diese Opfer Dankopfer sein für den Allerhöchsten.
Dekan Seyerle schilderte den Tag der Glockenweihe als einen Tag der
inneren Verbundenheit und stellte einen Vergleich mit einer Kirchweih an.
Ihm oblag es auch, die einzelnen Glocken aufzurufen mit den Worten:
Land höre des Herrn Wort - Haltet fest in brüderlicher Liebe - Noch
ist ein Ruf vorhanden dem Volke Gottes.
Weit in das Land hinaus erhoben sich nun die ehernen Stimmen vom
Kirchturm. Nach dem Gebet sang der Männerchor das "Heilig,
heilig" aus der Deutschen Messe von Schubert und abschließend mit
der ganzen Gemeinde "Nun preiset alle Gott". Beim Auszug der
Gemeinde aus der Kirche ertönten erneut die Glocken mit ihren ehernen
Stimmen und alle Blicke richteten sich himmelwärts zum Turm. Ein
bedeutsamer Tag im Leben einer Gemeinde ging dem Ende zu. Die Glocken
werden nun in den nächsten Tagen, Wochen, Monate, und Jahren die Menschen
der Gemeinde zum Beginn und zum Ende des Tagwerks, zur Mittagszeit sowie
in Freud und Leid begleiten.
Frieder Hothum

Der Höhentransport beginnt mittels Seilzug, davor von rechts Hans (Joh. Albert) Huff,
Friederich Becker und Jakob Hoch

Ab durch die Öffnung für das Ziffernblatt zum Glockenstuhl

Die große Glocke mit den Kutschern Walter Becker (l) und Hermann
Schleif, sodann die Ehrendamen von vorne rechts Edith Schleif verh. Mathias,
Ilse Hartwein verh. Bälz, Katharina Kistner verh Murach+, Irma Kreutzer
verh. Klos und Henny Hofmann verh. Neunzling;
vorne: Wilhelmine Luff verh. Dettmann,
die zwei weiteren sind unbekannt. Es folgen der Kirchenvorstand,
Helfer und Teile des Turnverein-Vorstandes und zwar von rechts Hans (Joh. Albert)
Huff, Theodor Dautermann, Karl Luff, Adolf Klein, Friedrich
Mörbel (Mainz), Jakob Weyell, Philipp Luff, Friedrich Becker (Vorsitzender des
Kirchenvorstandes), Pfarrer Zentgraf, Friedrich J. Luff, verdeckt Willhelm
Luff mit Mütze, Heinrich Kistner (Bürgermeister) und Walter Strub. Im
Hintergrund im Hausfenster Wilhelmine Hothum geb. Wilhelm und am Tor Adam
Wilhelm (Vater).

Die Mittlere und die kleine Glocke mit den Kutschern
Jakob Dautermann (l) und Karlfried Luff, die Ehrendamen von links Doris
Weinmann verh. Franke, Margot Mörbel verh. Christian und Marliese Emrich
verh Bäder.
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