|
Die Dorfschelle
Nummer 20 - Ausgabe Dezember 2002
Die Kerb in den 20er und 30er Jahren
Am 2. Sonntag im September eines jeden Jahres wurde die Kerb
(Kirchweih) gefeiert. Die Arbeiten auf dem Feld waren getan und man konnte
2 bis 3 Tage Kurztreten. Das heißt, wenn das Vieh gefüttert war. Das
waren die Hühner, die Schweine, die Pferde und die Kühe, die auch noch
gemolken werden mussten. Und das morgens und abends an 365 Tagen im Jahr.
Einige Tage vor der Kerb war "Kerweputz" angesagt. Tore und
Fensterläden wurden mit Farbe oder Leinöl gestrichen. Leinöl konnte man
in jedem der 4 Gemischtwarengeschäfte kaufen. Im Haus war dann
Generalreinigung. Fußboden und Treppe wurden mit Fußbodenöl oder
Leinöl und die "Gute Stube" mit Bohnerwachs behandelt. Am
Kerwesamstag wurden dann Kuchen gemacht und bei einem der 2 Bäcker
gebacken. Der Backlohn pro Kuchen betrug 10 Pfennig. Die ersten
Elektroherde mit Backofen kamen erst Mitte der 30er Jahre. Am Nachmittag
wurde Hof und Straße gekehrt und geschwenkt. Wasser gab es schon aus der
Leitung. Nach Einbau der Wasseruhren kosteten die 1000 Liter Wasser 10
Pfennig. Wer den Pfennig nicht ehrt ist des Talers nicht wert. Dieser
Spruch stammt aus jener Zeit. Und wer bückt sich heute noch wegen eines
Pfennigs?
Kerwesamstagabend, die Feier beginnt. In vier Gasthäusern geht es hoch
her. Die Wirte haben alle frisch geschlachtet, denn Essen und Trinken ist
bei einer Feier die Hauptsache. Am Samstagabend traf man auch viele
Geschäftsleute aus Bingen und Umgebung, sie mussten sich
"sehen" lassen. Wer Lust zum kegeln hatte, der konnte sich auf 2
Bahnen austoben. Am Sonntag kamen dann die Kerwegäste, Verwandte und
Bekannte aus Nah und Fern trafen sich zum Familientreffen. Nach dem
Kerweessen war dann der Höhepunkt für die Kinder. Onkel und Tanten waren
nicht kleinlich mit dem "Kerwegeld" und dann ging es auf den
Rummelplatz. In der Hauptstraße, Ecke Weedgasse stand das
doppelstöckige Karussell (die "Reitschul") vom Schau-steller
Barth, am Germaniaplatz waren Zucker und Spiel-warenstand, Schießbude und
Glücksrad. Das Glücksrad von Karl Wittlinger aus Kreuznach, nur
Schnackeler genannt, fehlte auf keinem Fest t. Ob Karussell, Schießbude
oder Schnackeler, 10 Pfennig war der Einsatz. Am Nachmittag zogen dann die
Kerweborsch und Kerwemeed mit Musik und Kerwehammel durchs Dorf und holten
die "Kerb". Das war eine Flasche Wein die im Jahr zuvor bei
einer Winzertochter begraben worden war. Die Flasche wurde ausgegraben und
mit einer Stütz Wein (die der Vater schon bereitgestellt hatte,) zum
Tanzboden getragen. Nachdem 1926 die Turnhalle gebaut war, gab es neben
dem Saalbau Butz noch einen Tanzsaal. Der Kerwejahrgang feierte dann
abwechselnd. Auch der Montag war noch ein ganzer Feiertag mit Tanzmusik in
beiden Sälen. Am Dienstag war dann, nach den Freifahrten für die Kinder,
der Kerweausklang. Schluss war dann am späten Abend, wenn der
Kerwejahrgang die Kerb (eine Flasche Wein) begraben hatte, wo sie dann im
nächsten Jahr wieder geholt wurde.
Noch vieles gäbe es über die Kerb zu erzählen. Das werde ich für die
nächste Dorfschelle aufschreiben.
Im Sommer 2002 Peter Rudolph |