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Die Dorfschelle
Nummer 20 - Ausgabe Dezember 2002
Die suspekte Taube
Mein Großvater war nicht nur ein passionierter Jäger, er war auch ein
leidenschaftlicher Taubenliebhaber, wobei seine Leidenschaft nicht der
Taubenzucht, sondern vielmehr der Gourmandise galt.
Zwei begehbare Taubenschläge in unserem Haus zeugen von dem Ausmaß
seiner Taubenhaltung. Zu meiner Jugendzeit allerdings, befanden sich in
unserem Gehöft nur noch zwei, drei Meter lange Nistkästen, die an der
Außenwand des Getreidespeichers unter dem Dachgesims aufgehängt waren.
Darin waren je sechs Nistplätze. Man konnte sie aber nur mit Hilfe einer
Leiter erreichen. Diese beiden Schläge waren, seit ich denken kann,
belegt und mein Vater regulierte die Population, indem er, sobald die Brut
flügge wurde, die jungen Tauben aushob und sie von der Oma zu einem
delikaten Schmaus zubereiten lies.
Nun kam der zweite Weltkrieg Es war in den letzten Kriegstagen, die
amerikanischen und alliierten Truppen hatten den Rhein erreicht, und das
deutsche Heer zog sich über den Rhein zurück. In diesen Tagen bemerkten
wir, dass sich auf der Sitzstange an unserem Taubenschlag eine fremde
Taube niedergelassen hatte. Sie fiel uns zwischen unseren graublauen
Tauben durch ihr hellbraunes Gefieder auf. Sie verweilte meistens auf
ihrem rechten Bein vor dem Nest. Als wir ein paar Körner hingestreut und
uns etwas entfernt hatten, kam sie heruntergeflogen und wir sahen, dass
sie am linken Bein eine Kapsel trug. Also eine Brieftaube, die sicher eine
wichtige Nachricht mit sich trug, und infolge Ermattung ihren Heimatschlag
nicht mehr erreicht hatte. Sie war so gut "erzogen" und sich der
Bedeutung ihrer geheimen Botschaft bewusst, dass sie, wenn sie auf der
Stange saß, stets das linke Bein mit der Kapsel hoch in das Gefieder zog.
Nachdem am 18. März 1945 amerikanische Soldaten Aspisheim besetzt
hatten, ließen sie bekannt machen, dass alle Taubenschläge geschlossen
werden und die Tauben eingehalten werden müssten. Dieser Befehl
bestätigte unsere Vermutung, dass die Wehrmacht zur
Nachrichtenübermittlung Brieftauben einsetzte.
Welche Nachricht wird wohl die Kapsel unserer Taube, nennen wir sie der
Einfachheit halber "Rosa", enthalten?
Was tun? Unser Schlag bestand wie schon erwähnt aus zwei Nistkästen,
die nicht abschließbar waren. Wenn wir wenigstens die Rosa beseitigen
könnten! Wir befürchteten, dass die Amerikaner uns der Kollaboration mit
den deutschen Truppen, die noch auf der rechten Rheinseite Widerstand
leisteten, bezichtigen würden, wenn sie die Brieftaube entdeckten.
Wir waren alle sehr verängstigt, da wir nicht ermessen konnten, zu
welchen Repressalien die amerikanischen Soldaten imstande sein könnten.
Hörte man doch von der Erschießung des Müllers Graf in Gensingen durch
einen amerikanischen Soldaten, weil er ihm keinen Wein geben wollte.
Die Taube abschießen konnten wir leider nicht, da auf Anordnung der
amerikanischen Besatzung alle Waffen abgeliefert werden mussten. Leider
ist auch ein alter Vorderlader meines Vaters mit kunstvoll ziseliertem und
mit Perlmuttintarsien verziertem Schaft dem Aufruf zum Opfer gefallen.
Aber zurück zur Rosa.
Wir versuchten, sie zu fangen. Sie saß ja meistens im Schlag auf der
dritten Stange. Wir warteten die Dunkelheit ab, dann stellte mein Vater
die Leiter an die Wand, vorsichtig, vorsichtig. Da aber unter dem Schlag
die Mistkaut war, sackte die Leiter beim Besteigen ein und schrubbte an
der rauen Wand so ächzend entlang, dass die Rosa erschrak und weg war
sie. Sie kam aber wieder zurück. Beim nächsten Versuch umwickelten wir
die Leiterholme mit Lappen, um nicht an der Wand zu kratzen. Als wir
vermuteten, dass die Taube schlief, stieg mein Vater hoch. Doch sobald er
oben angelangt war und den Arm ausstreckte, ergriff sie die Flucht.
Dann versuchten wir sie mit Hilfe einer Falle zu fangen. Mein Vater
benutzte dazu einen Rebbeler (ein grobmaschiges Sieb, um Trauben zu
entrappen). Diesen legte er auf den Boden, stellte ihn auf einer Seite mit
einem Stöckchen, an dem eine Schnur befestigt war, ca. 20 cm hoch. In der
Hoffnung, dass Rosa sich an den Körnern unter dem Reppeler laben wollte,
legte sich mein Vater auf die Lauer. Rosa pfiff uns was, hatte sie die
List erkannt?
Mit Herzklopfen ging ich schließlich zur Ortskommandatur, die sich
damals im Hause Weyell, Germaniastr. 22, befand und schilderte dort einem
Dolmetscher die Situation. Ich schlug vor, dass die amerikanischen
Soldaten die Taube abschießen möchten. Ein Kommando von drei Soldaten
wurde mit mir geschickt, um sie an Ort und Stelle aufzuklären. Sie sahen
sich dann im Gehöft um, schickten meinen Vater und mich mit mürrischem
Kopfschütteln, befehlerischem Armwinken und "go go" ins Haus.
Gespannt warteten wir auf die Entscheidung des Kommandos. Aus dem Zimmer
konnten wir die Männer beobachten, wie sie gestikulierend und zum
Taubenschlag aufschauend über ihr Vorgehen berieten. Die schlaue Rosa
hatte sorgsam ihr Beinchen hochgezogen und die Kapsel im Gefieder
versteckt. Nach einigen Minuten Diskussion sind die Soldaten wieder
abgezogen, ohne dass ein Schuss gefallen war. Rosa ist dann bei uns
geblieben, und hat sich in die Gemeinschaft unserer Tauben integriert.
Nach einigen Wochen, es war ein schöner sonniger Frühlingsabend, ich
wollte gerade meine Mistschubkarre entleeren, leuchtete mir ein kleiner,
rubinrot strahlender Punkt aus der Mistkaule entgegen. Es war die Kapsel,
die sich vom Beinchen unserer Rosa gelöst hatte. Die Kapsel hatte an der
Stirnseite eine winzige Leuchtplakette. In der Kapsel befand sich ein
kleiner zusammengerollter Zettel. Er trug eine verschlüsselte Nachricht:
"Taubert schwer verwundet, sitzt im Käfig"; und eine
Feldpostnummer.
Unvorstellbar, was passiert wäre, wenn die Amerikaner diese Nachricht
bei uns gefunden hätten!
Marlitt Braun |