Die Dorfschelle
Nummer 20 - Ausgabe Dezember 2002
Aus dem Gemeinderat - vor Hundert Jahren
Es ist immer wieder interessant, sich mit der Themenvielfalt des Rates
vor Hundert Jahren zu beschäftigen, wobei allerdings einige für das
Erwerbsleben wichtige Punkte immer wieder im Vordergrund standen, z.B.
rund um die Bullenhaltung. Bemerkenswert ist auch, dass die Sitzungen
regelmäßig während des Tages bzw. schon am frühen Morgen erfolgten,
alle Bürger waren ja sozusagen vor Ort. Das Protokoll über die Sitzung
durfte fast regelmäßig die Person schreiben, die die leserlichste
Handschrift hatte. Dankenswerterweise haben wir heute nun Schreibmaschinen
bzw. PCs mit Drucker, die Schriftform ist beliebig. Die Sitzungsprotokolle
waren kurz und bündig, nur das Ergebnis wurde festgehalten. Alle
Ratsmitglieder unterschrieben dann in dem festen Buch das Protokoll, heute
ja nur noch die für die jeweilige Sitzung bestimmten Urkundspersonen.
1902 fanden 21! Sitzungen statt, dem Ortsgemeinderat gehörten an:
Jakob Huff III, Christoph Hothum, Friedrich Luff IV, Wilhelm Becker,
Johann Scholl IX erneut seit 1899 gewählt), Friedrich Kreutzer (erneut
gewählt), Friedrich Weinmann, Friedrich Becker I (erstmals gewählt) und
Peter Dern (erstmals gewählt). Beigeordneter war seit 1894 Friedrich Luff
VII , Bürgermeister war seit 1892 Johann Scholl I (nun wieder bei I
beginnend). Gemeinderechner war Johann Huff V. Zu ergänzen ist, dass die
oder der Beigeordnete direkt von der Bevölkerung gewählt wurde, genau
wie damals und heute die Bürgermeister.
Gemeindestraßen
Am 18. März wurde die Pflasterung der Gossen in der Wörrstadter Straße
und im Fußpfad beschlossen. Den Auftrag erhielt hierzu der
Pflasterermeister Andreas Senn aus Gensingen zum Preis von 1M 80 pro m².
Der Auftrag zur Sandlieferung hierzu wurde am 22.3. an die Landwirte
Konrad Schleif der III und Peter Harth der II zum Preis von 2M80 pro m³
vergeben. Auf die Beschwerde eines Ratsmitgliedes in eigener Sache
beschäftigte sich der Rat am 10. August mit der Straßensäuberung. Da
der Vorfall außerhalb der eigentlichen Ortslage (Ortsbauplan) war, wurde
eine Maßnahme abgelehnt, obwohl sich der Beschwerdeführer bereits vorher
an das Kreisamt in Bingen gewandt hatte.
Landstraßen
Im Februar nahm die Gemeinde einen Kredit zur Finanzierung eines
Geländeankaufes für die Straße nach Appenheim auf. Die nicht benötigte
Restfläche wurde später für 1M90 pro Klafter (6,25m²) wieder verkauft.
Elektrizitätsversorgung
Am 8. Mai kommt der Rat zu dem Schluss, dass für die Errichtung einer
"elektrischen Zentrale" (Trafo-Station) oder derartiger Anlagen
in hiesiger Gemeinde kein Bedürfnis vorliegt. Dem vorausgegangen war ein
Schreiben bzw. eine kreisamtliche Verfügung zur Ermittlung und
Stellungnahme, dass in Teilen Rhein-Hessens, so auch im Kreis Bingen, diese
Absicht bestehe. Zu Einführung bzw. Installation der elektrischen
Straßenbeleuchtung dauerte dann bis Mai 1912, 10 Jahre später.
Hierzu ist eine Anekdote überliefert. Zwei Ortsbürger standen in der
Straße und begutachteten die Verlegung der Leitungen. Fragt der eine
Bürger seinen Nachbarn "Kannscht Du mer jetz emol soo, wie die dass
Stoo El in die Leitunge kriee?"
Gemeindeeinnehmer
oder auch Rechner genannt.
Der Gemeindeeinnehmer beantragte den Austausch der Sicherheitsleistung
für die verwalteten Gemeindegelder. Anstelle eines Hauses bot er 6
Grundstücke mit 10487 m² an. Mit dem Klafterpreis (wie vorstehend) von
1M80 entsprach dies einem Wert von rd. 3000 Mark. Heute würde man für
diese gestückelte Fläche gut 10000 € erzielen.
Landwirtschaft
Im April beschloss der Rat die Auslegung von Gifthafer zur
"Vertilgung" der Feldmäuse sowie den dazu notwendigen
Verlegplan über die einzelnen Gemarkungsteile (Äcker). Die Maßnahme
war offenbar nicht mit großem Erfolg verbunden, am 23.7. beschäftigte
man sich erneut damit und beschloss darüber hinaus ein
"Kopfgeld" für alte Hamster von 50 Pf und 10 Pf für junge
Hamster. Übrigens war das noch bis in 30er Jahre Praxis, da verdiente
sich manch junger Bursche sein Taschengeld. Man verfügte auch über
bestimmte Techniken, aus jungen Hamstern alte Hamster zu machen und freute
sich in der diebisch, wenn man den oder die Abnehmer hereingelegt hatte.
Im April beschloss man die Herstellung des Kaltenborner Weges
einschließlich einer Drainageverlegung zur Trockenlegung eines
Teilbereiches.
Am 8. Mai wurde die Grasnutzung der Gemeindebleiche (Trockenplatz für
Wäsche) zum Preis von 2 Mark vergeben.
Im Dezember wurde der Feldschütz wegen "Vertrauensverlustes"
seines Amtes enthoben. Näheres ist nicht vermerkt. Er hatte erst ab
Februar einen Nachfolger.
Am 16. September wurden die Weinberge geschlossen, einmal wöchentlich
konnten danach gegen Erlaubnisschein unterbliebene Arbeiten ausgeführt
werden, immer donnerstags. Die Vorlese der Portugiesertrauben war auf den
15. Oktober! festgelegt, Die allgemeine Lese begann erst am 30. Oktober.
Bis zum 11.11. waren die Weinberge geschlossen, sie konnten nur innerhalb
der Freigabe mit dem Polizeigeläute (s. Beitrag Glocken) betreten und
waren z.B. auch beim Polizeiläuten wegen schlechten Wetters unverzüglich
zu verlassen.
Im März war Heinrich Adam aus Horrweiler für 25 Mark zum Wasenmeister
(Abdecker) gewählt worden, im Oktober wurde die Entlohnung auf 5 Mark
für Großvieh und 1M50 für Kleinvieh wie Ziegen, Schweine, Hunde und
Kälber bis zu einem halben Jahr festgelegt.
Im August bestand Milz- und Rauschbrand (Viehseuche in Haut und
Muskulatur), es wurden Wertschätzer für den Viehverlust schriftlich
gewählt.
Faselvieh
(Bullenhaltung)
Zur Aufnahme von sprungfähigem Faselvieh wurden für den Unterort
Friedrich Becker I und Wilhelm Becker V, für den Oberort Johann Scholl IX
und Peter Dern bestimmt. Im Juli wurde beschlossen, einen neunen
Ziegenbock als auch einen neuen Bullen anzuschaffen. Man war bereit, für
einen guten Bullen 475 - 500 Mark anzulegen.
Arbeitswelt / Arbeitseinkommen
Zum Jahresende wurde durch den Gemeinderat jeweils die Entgelte für
Knechte und Mägde als Jahreslohn sowie die Sätze für den Tagelohn
beschlossen. Neben der Kost und Logis gehörte zur Entlohnung, meistens zu
Weihnachten, wenn keine Wanderungsabsichten erkennbar waren, ein Paar
Arbeitsschuhe und ein Arbeitsanzug, blauer oder eher in grün
eingefärbter Anton.
Für 1903 galten dem Beschluss entsprechend folgende Vergütungen in Mark:
| Jahreslohn | Taglohn |
| Erwachsene Arbeiter | 550 | 1,80 |
| Junge Arbeiter | 350 | 1,-- |
| Erwachsene Arbeiterinnen | 350 | 1,-- |
| Junge Arbeiterinnen | 250 | -,70 |
Schulwesen
Im Juni wurde über die notwendige Instandsetzung des "ersten"
sprich älteren Schulhauses im unteren Teil der Schulstraße (heute Nr. 5)
beraten. Man beschränkte sich bei der Renovierung zunächst auf die
Wohnung, die Küche sollte an der "alten" Stelle verbleiben. Zur
Schule gehörte selbstverständlich eine Scheune für die Bewirtschaftung
des Deputats des oder der Lehrer.
Im August ging es um die Abhaltung einer zweiten, also einer weiteren
Religionsstunde bzw. um die dafür zur Verfügung zu stellenden
Geldmittel, was abgelehnt wurde. Dem Protokoll ist noch zu entnehmen, dass
der örtliche Pfarrer "bereit" war, die 2. Stunde kostenlos
abzuhalten, sofern diese unmittelbar im Anschluss an seine Stunde
abgehalten werden könnte. Nach dem abschließenden Wortlaut war es dem
Rat mit seinem Appell aber wichtiger, dass die offensichtlich seit
längerer Zeit vakante Lehrerstelle und die damit einhergehende
Problembeseitigung neu besetzt wird.
Schuldendienst
Wie bereits in einer früheren Dorfschelle ausgeführt wurden
Stellungnahmen zu Kreditaufnahmen durch Bürger bei der Binger Spar- und
Leihkasse eingeholt. Die Gemeinde wurde auch bei säumigen Schuldner bzw.
Stundungsanträgen eingeschaltet. So wurde am 10. August beraten, bei wem
eine Stundung angebracht oder gar notwendig war und wen man als durchaus
zahlungsfähig hielt; Orts- und Sachkenntnis war auf diesem Weg als
Entscheidungshilfe gefragt.
Fazit
Wie man sieht, war 1902 ein ganz normales Jahr. Aber es gab schon den
ersten praktischen Kontakt zur Versorgung mit elektrischer Energie.
Frieder Hothum |