|
Die Dorfschelle
Nummer 21 - Ausgabe Dezember 2003
Das dörfliche Leben in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in Aspisheim
Fortsetzung aus der Dorfschelle Nummer 20, Dezember 2002.
Wenn im Juni schönes Wetter war und die Weinstöcke blühten, dann war
auch Heuernte. Der erste Klee wurde gemäht. Das machte die Mähmaschine,
vorausgesetzt man hatte eine oder konnte eine beim Nachbar leihen. Wenn
nicht, dann kam die Sense zum Einsatz. Der Klee lag in Streifen und wenn
man Glück mit der Sonne hatte, wurde er am nächsten mit der Gabel
gewendet. Am übernächsten Tag wurde der getrocknete Klee und damit nun
das Heu mit dem Handrechen zusammengezogen und auf die dreibeinigen
Heuböcke aufgesetzt, von wo es dann später mit dem Heuwagen heimgefahren
wurde. Wenn das Wetter nicht mitspielte und es dazwischen regnete, zog sich
die Heuernte in die Länge.
Ende Juli gab es für die Schulkinder "Ernteferien", denn die
ganze Familie wurde für die Ernte gebraucht. Da es vor der
Feldbereinigung (1930/1933) viele kleine Äcker gab - nicht jeder Acker
hatte am jeweiligen Ende einen Weg - und in jedem Acker etwas anderes
angebaut wurde, konnte man mit der Mähmaschine nicht einfach anfahren. Es
musste mit der Sense erst eine Schneise geschnitten, es musste
"angehauen" werden. Erst dann konnte die Mähmaschine, gezogen
vom Pferd, Ochs oder Kuh, anfahren. Auf dem Sitz der Fuhrmann und daneben
der Glöckenschläger der die Glöcken (Gebund, Haufen) abschlug, die dann
von den Frauen mit der Sichel aufgenommen und auf die von den Kindern
ausgelegten Seile oder Stricke ablegten. Die Seile (Seilcher) waren aus
handgedroschenem Roggenstroh und waren schon im vorhergehenden Winter
gemacht worden. Einfacher war es mit Erntestricken. Die mussten gekauft
werden, aber man konnte sie mehrmals gebrauchen und sie waren leichter zu
binden. Um die Seile zu binden, benutzte man einen Knebel (ein ca. 50 cm
langer, angespitzter Stab, regelmäßig aus Holz), was Männersache war.
Gegen 16.00 Uhr wurde eine Pause gemacht, das war das Vieruhressen. Das
bestand aus hausgemachter Wurst, Schinken und Schwartenmagen in Essig mit
Zwiebeln eingelegt, auch Handkäse (auch selbst gemacht) oder Limburger,
den es in allen 4!!!! Geschäften zu kaufen gab. Das Brot wurde bei einem
der zwei Bäcker im Ort geholt, bei dem man das Mehl, das man in einer
Mühle mahlen lies, abgegeben hatte. Für einen Zentner Mehl wurden im
Brotbuch (kleines Notizbuch) 33 Vierpfundbrote gutgeschrieben. Der
Backlohn für ein Brot betrug 10 Pfennig. Getrunken wurde der Haustrunk
(Trinkwein) aus dem steinernen Krug und Wasser oder Tee aus dem
Henkelmännchen. War beides leer, wurde mit dem Henkelmännchen an einer
Quelle Nachschub geholt. Eine Quelle im oberen Teil des Appenheimer Weges
war noch bis in die 40er Jahre intakt. Die Quelle im Ort, das "Guirebrünnelche"
(Gutenborn) läuft und läuft, es lief schon bevor Ende 1800 die
Wasserleitung gebaut wurde. Die Quelle war auch der Namensgeber für
unsere Gutenbornhalle, sie speist auch den Brunnen auf dem Dorfplatz und
die Wasserentnahmestelle an der Weed.
War das Vieruhressen beendet und alle Garben gebunden, wurden sie zu
Haufen zusammengestellt. Mit dem großen Handrechen wurde dann der ganze
Acker abgerechelt, es sollte keine Ähre verloren gehen. Körner waren
dennoch verloren gegangen. Da fällt mir eine kleine Geschichte von meinem
Großvater ein. Er stammte aus dem Hunsrück. Dort gab es einen armen
Mann, der ein kleines Äckerchen hatte. Er zog die Garben mit dem Strick
nach Hause. Darauf angesprochen sagte er: Wo nix iss, geht auch nix
verlor.
Die auf Haufen gestellten Garben wurden dann mit dem
"Erntewagen" nach Hause in die Scheune gefahren und später mit
dem Dreschflegel gedroschen. Man konnte seine Ernte aber auch auf
den Dreschacker fahren (unterhalb des Friedhofes von der Horrweiler
Straße bis zum Sonnenberg). Dort stand eine Dreschmaschine, die mit dem
Dampflokomobil des Dreschmaschinenbesitzers aus Gensingen angetrieben
wurde.
Der Erntewagen war ein Mehrzweckwagen. Man konnte ihn im Ort vom Wagner
und Schmid anfertigen lassen. Das Fahrgestell mit den 4 eisenbereiften
Rädern war in der Länge verstellbar und man konnte Langholz (Stangen und
Stämme) u.a. aus dem Binger Wald holen. Mit 2 Feldbütten und 2 Balken
war der Traubenwagen fertig. Mit 2 Bordwänden und 2 Türchen aufgestockt
war es dann der Ackerwagen, mit dem man auch sein Getreide in die Mühle
fuhr. Die hohen Ernteleitern anstelle der seitlichen Bordwände machten
ihn dann zum Heu- und Erntewagen.
Ende der 20er Jahre gründete sich eine Dreschgenossenschaft, die eine
Dreschmaschine, eine Strohpresse mit einem Antriebswagen (Elektromotor)
anschafften. Diese wurde dann straßenweise von Haus zu Haus
"gerückt". So nannte man die Verlegung bzw. Aufstellung der 3
Einzelteile, die mit dem Kommando "Hau ruck" des
Maschinenführers zentimetergenau ausgerichtet wurde und die schweren
Antriebsriemen aus Leder aufgelegt werden konnten. Die Dreschmaschine
ging, nachdem die ersten Mähdrescher in den 60er Jahren in den Ort kamen,
bald in den Ruhestand.
Peter Rudolph |