Die Dorfschelle
Nummer 21 - Ausgabe Dezember 2003
Aktuelles vom Gemeinderat - vor hundert Jahren
Im Jahre 1903 fanden 16 Sitzungen zwischen dem 11. Januar und dem 27.
Dezember statt. Die Besetzung entsprach der des Vorjahres, siehe Dorfschelle
Nummer 20 Dezember 2002.
Schulgut
Zur Besoldung der Lehrer gehörte sei jeher die Überlassung von Weinbergen
und Äckern. An der damaligen Volksschule war jeweils ein Lehrer mit ev.
und kath. Glaubensbekenntnis tätig. Insofern gab es auch für den
jeweiligen Lehrer ein Schulgut (ev./kath.). Nach einem Lehrerwechsel ging
das Schulgut also an den Nachfolger über. Problematische wurde es, wenn
ein Lehrer verstarb und der Nachfolger noch nicht in Sicht war, so
geschehen 1903.
Zunächst wurde im Februar mit der Witwe ein Tausch für einen Teil der
Pachtgrundstücke vereinbart. Im April war der neue Lehrer immer noch nicht
in Sicht, es musste hinsichtlich der Bearbeitung gehandelt werden. Es
konnte keine neue, anderweitige Verpachtung getroffen werden, man kannte die
Vorstellungen und Forderungen des neuen Lehrers ja nicht. Deshalb wurde der
Beigeordnete Luff, das Ratsmitglied Weinmann und der Schulvorstand Becker
beauftragt, die erforderlichen Arbeiten an
"Unternehmungslustige" zu vergeben, eine schriftlichen Vertrag
hierüber zu schließen und über die Ausführung der Arbeiten die
Aufsicht zu führen. Weiterhin beschloss man, die Weinberge mit
künstlichem Dünger und zwar in einer klar vorgegebenen Mischung zu
düngen. 2 Zentner waren auf 100 Klafter aufzubringen, 21 Zentner
insgesamt. Es ging also um 1050 Klafter, mithin 6400 qm. Außerdem sollten
250 imprägnierte Weinbergspfähle Verwendung finden. Es handelte sich
also um "Pohlwingert", jede Rebe hatte ihren eigenen Pfahl,
diese Erziehungsart findet man heute teilweise noch in den Steillagen der
Mosel.
Schule
Aufgrund unterschiedlicher Entwicklung der Schülerzahlen in der ersten
und zweiten Klasse (Schuljahrgang 1-4 und 5-8) wurden die Klassenräume
getauscht. Das heutige Rathaus war die neue aus 1880 stammende Schule mit
einem Klassensaal, die andere Klasse wurde in der alten Schule
(Schulstraße 5 Focht) unterrichtet. Die Schulräume im heutigen
Kindergarten gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Endlich konnte sich der Rat gemeinsam mit dem Schulvorstand am 16.
April mit der Auswahl eines Lehrers für die 1. Lehrerstelle befassen. Dem
Schulvorstand gehörten an: Pfarrer Haustein, Pfarrer Wehrheim, Lehrer May
sowie Huff, Becker und Gruber. Das Gremium war der Auffassung, dass die
von der Großherzoglichen Kreisschulkommission angebotenen Bewerber Nr. 1
und Nr. 5 nicht infrage kämen. Zu den restlichen 3 Bewerbern war der Rat
und der Schulvorstand einhellig der Meinung, dass die Schulbehörde die
Entscheidung unter den 3 treffen sollte und dabei der Auffassung, dass der
die Stelle erhaltende Lehrer nicht zu jung, wenn möglich verheiratet und
hauptsächlich von guter Gesundheit sein sollte, überhaupt für die
hiesigen Verhältnisse angemessen sein sollte.
Feldbereinigung (Parzellenvermessung)
Wie bereits im Vorjahr wurde für die Parzellenvermessung ein Betrag von
3500 M in den Hauhalt eingestellt. Ein höherer Bedarf sollte dann durch
eine Kapitalaufnahme (Kredit) bereitgestellt werden.
Feldschütz
In der ersten Sitzung am 11. Januar wurde mit Johann Eckard ein neuer
Feldschütz gewählt. Wahlberechtigt hierzu waren neben dem Rat noch
die Meistbegüterten (Jakob H. Zelt & Peter Becker III). Festgehalten
wurde auch, dass sich keine Veränderungen in den Dienst- und
Gehaltsverhältnissen ergeben.
Reichstagswahlen
Für die Reichstagswahlen wurde beschlossen, in einem Nebenraum des
Gemeindehauses (Rathaus) zusätzlich eine so genannte spanische Wand
aufgestellt wird (Wahlkabine).
Gemeindekasse
Seitens des Gemeindeprüfungsamtes war wiederholt gefordert worden, dass
zur Aufbewahrung der Staats- und Gemeindegelder ein Kassenschrank
angeschafft werden sollte. Man beschloss am 3. Mai, die Anschaffung erneut
zurückzustellen. Der Betrag sollte im nächstjährigen Haushalt
vorgesehen werden. Übrigens ist dieser Kassenschrank heute noch
vorhanden.
Feuerwehr
Auf eine Verfügung des Kreisamtes wurden für die zwei! Kommandanten
Uniformröcke angeschafft und der Haspelschlauchwagen mit einem Standrohr
versehen.
Baumschule
Der Zaun der Gemeindebaumschule (s. Beitrag Baumpflanzungen in
napoleonischer Zeit) war an einer Stelle offen und musste mit einem
Drahtzaun wieder geschlossen werden.
Rathaus
Dem Gemeinderatsmitglied Weinmann wurden die Arbeiten zur Errichtung eines
Pissoirs im Gemeindehaus übertragen. Einen Kanal gab es zu diesem
Zeitpunkt allerdings noch nicht.
Wörrstadter Straße (Alte Straße, alt Strooß)
Geschrieben steht hierzu: Da die Brücke an der alten Wörrstadter Straße
wieder Reparatur erfordert, beschließt der Gemeinderat um hier
gründliche Arbeit zu schaffen, das schadhafte Gewölbe herauszunehmen und
durch zwei Zementröhren zu ersetzen
Kerb (Kirchweih)
Der Rat beschließt am 23. August, dass die diesjährige Kirchweihe am
Sonntag den 6. und Montag den 7. September gefeiert wird.
Straßenbeleuchtung
Ebenfalls am 23. August befasste sich der Rat mit den Straßenlampen und
beschloss deren Neuanschaffung, sofern eine Reparatur nicht mehr möglich
ist. Zum Verständnis muss ergänzt werden, dass elektrischer Strom für
eine Beleuchtung heutiger Art nicht vorhanden war, es handelte sich wie
auch im Hause üblich um Petroleumlampen, die angezündet, natürlich auch
wieder gelöscht werden mussten.
Weinlese
Am 27. September wurde der Beginn der Burgundertraubenlese (rot) auf den
1. Oktober, am 11. Oktober der Beginn der Portugiesertraubenlese auf den
16. Oktober festgesetzt. Am 18. Oktober wurde der Beginn der allgemeinen
Lese ab Montag dem 26. Oktober erklärt.
Die Weinberge blieben noch bis zum 11. November geschlossen, nur zur
Lese konnten diese betreten werden. Der Tageszeitraum wurde durch das
Läuten der Polizeiglocke am Morgen und zum Feierabend bestimmt.
Beigeordnetenwahl
Durch den Tod des bisherigen Beigeordneten Luff war eine Wahlkommission
mit dem Bürgermeister Scholl als Vorsitzender und den Ratsmitgliedern
Friedrich Weinmann und Christoph Hothum als Beisitzer zu bilden. Bereits
vorher war Jakob Dautermann Nachfolger als Feldgeschworener berufen
worden.
Fazit aus diesem Beschluss ist auch, dass seinerzeit nicht nur der
Bürgermeister direkt von der Gemeinde gewählt wurde, sondern auch der
Beigeordnete, sein Vertreter.
Frieder Hothum |