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Die Dorfschelle
Nummer 21 - Ausgabe Dezember 2003
Der ungeduldige Weihnachtsstollen
Es war einmal ein Weihnachtsstollen, der war ganz durchknetet von dem
Gedanken, als leckeres Frühstücksbrot mit Butter zu dienen. Ja, es wurde
ihm sogar in Aussicht gestellt, zum Nachmittagskaffee serviert zu werden,
wie Kuchen, wie richtiger Kuchen.
Nun lag der süße Stollen aber schon wochenlang im Brotfach, lag da in
durchsichtigem, glänzendem Weihnachtspapier mit Schneelandschaft und
Christkind-Schlitten und musste mit ansehen, wie alle anderen Brote
gebraucht wurden: das Schwarzbrot, das Vollkornbrot; sogar das Weißbrot
und das Knäckebrot kamen regelmäßig an die Reihe und durften sich
bewähren.
Ich glaube, der Stollen wurde ganz blass vor Neid und vor Ungeduld,
aber das konnte man nicht sicher sagen, weil er ja über und über mit
Puderzucker bedeckt war.
"Da hat man soviel Aufhebens um mich gemacht," dachte der
Stollen bitter wie Sukade, "hat mich gesüßt und mit Rosinen
gespickt. Ja, sogar Marzipanstückchen hat die Hausfrau in mich
hineingebacken. Und nun? Nun bin ich überflüssig und gammele hier 'rum,
schön und lecker, aber unnütz."
Doch dann kam Heiligabend. Die Hausfrau stellte im Wohnzimmer die
Geschenke auf. Und nun, nun deckte sie in der Küche den festlichsten
Kaffeetisch des Jahres; und das Beste, das Edelste und das Leckerste, das
sie zu bieten hatte, das war der Weihnachtsstollen.
Leider konnte er seine große, feierliche Wichtigkeit nicht lange
genießen, denn er schmeckte gar zu gut und war nach einer halben Stunde
gegessen.
von Helmut Wördemann |