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Die Dorfschelle
Nummer 22 - Ausgabe Dezember 2004
Die Kerb in den 20er und 30er Jahren
(Fortsetzung aus der Dorfschelle Nummer 20/Ausgabe 2002)
Wie schon in der Dorfschelle Nr. 20 erwähnt, wurde
Haus und Hof auf Hochglanz gebracht, „Kerweputz“
genannt. Für junge Mädchen und Frauen gab es noch
einen Putz. Das neue Kerwekleid, das auch meist das
einzige „Neue“ im Jahr war. Mit dem musste man
sehen und gesehen werden. Auch ein Vater sagte
damals zu seinem heranwachsenden Sohn: Hier hast
du 20 Mark (damals viel Geld), geh auf die Kerb und
lass dich sehen. Am nächsten Morgen fragte der
Vater: Wie viel Geld hast du noch? 25 Mark, ich habe
an der Kegelbahn Kegel aufgesetzt, da haben mich
alle gesehen und ich habe noch dazuverdient. Kegelbahnen
gab es im Gasthaus Wilhelmy in der Germaniastraße;
im Gasthaus Butz, Hauptstraße; im Gasthaus
Butz, Hauptstraße Ecke Reihstraße und nachdem die
Turnhalle 1926 gebaut war, gab es auch dort eine. Der
Auftakt zur Kerb war der Abend des Kerwesamstag.
Auf den Kegelbahnen rollten die Kugeln in die Vollen
und beim Essen wurde auch „voll“ zugeschlagen.
Geschäftsleute und Händler aus Bingen und Umgebung
mussten sich bei ihren Kunden „sehen“ lassen und
auch den einen oder anderen Schoppen spendieren.
Beim Essen hatte man die Wahl. Turnhalle, Butz oben,
Wilhelmy, Butz unten. Alle hatten frisch geschlachtet
und es gab nicht nur Wurst, Kotelett usw. Jede Wirtschaft
hatte ihre Spezialitäten. Bei Mutter Butz (unten)
gab es Hähnchen (selbst aufgezogen), bei Butz oben
Kalbsnierenbraten und Rumpsteak. Die beste Bratwurst
mit Soße gab es in der Turnhalle.
Was ist das für eine gute Soße und wer macht die,
wurde oft gefragt. Es war Frau Jung. Sie wohnte mit
Ihrer Familie in der Turnhalle und war gleichzeitig
Vereinsdiener. Die gute Soße machte sie ganz einfach
mit Wasser und „MAGGI“ Soßenwürfel (die gab
es damals auch schon) und kosteten nur ein paar Pfennig.
Die Musikkapelle, die auch mit den Kerbeburschen,
ihren Damen und dem Kerwehammel durch den Ort
marschierten, spielten dann im Saal ab 16.00 Uhr zum
Tanz. Richtig los ging es aber erst am Abend. Obwohl
in 2 Sälen getanzt wurde, war der Andrang der Tanzpaare
so groß, dass „Solo“ gemacht wurde. Das heißt,
die Paare stellten sich hintereinander auf und die
ersten 10–12 Paare hatten nun die Tanzfläche für sich.
Als die Kapelle kurz Pause machte, klatschte der Solo-
Mann in die Hände und die Herrn brachten ihre Damen
auf ihre Plätze und die nächsten Paare hatten wieder
freie Bahn. Das Solo machen hatte noch einen Vorteil.
Die Paare konnten kontrolliert werden, ob der Tanz
bezahlt war. Bezahlen mussten nur die Herrn. Die hatten
die Wahl, entweder ein Tanzbändchen, das 2.00 Mark
kostete und den ganzen Tag galt, oder für jeden Tanz
20 Pfennig zu zahlen. Dafür hatte man echte Musik und
nicht wie heute ohrenbetäubenden Krach über Mikrofon,
Mischpult und bis zu 1000 Watt Lautsprecher. Es
waren halt andere Zeiten.
Andere Zeiten gab es auch nach 1933. Die neue Regierung
(sie nannte sich das 1000-jährige Reich) wollte
keine englische, amerikanische oder überhaupt ausländische
Musik. Die Kerb wurde aber – wie seither –
mit kleinen Einschränkungen weiter gefeiert.
Das 3. Reich dauerte nur 12 Jahre. 1945 nach dem
2. Weltkrieg dachte niemand, dass es noch einmal so
werden würde wie früher. Doch die Zeit heilt Wunden
und es dauerte nicht lange, bis wieder eine Kapelle im
Saalbau Butz aufspielte. Die Kapelle nannte sich die
Optimisten. Es waren Soldaten aus dem berüchtigten
Gefangenenlager Bretzenheim. Wie es dann weiterging
in der „Kottelzeit“, in der es für die kaputte Reichsmark
nichts mehr zu kaufen gab und nach der
Währungsreform 1948 ein neues Zeitalter begann, darüber
werde ich in der nächsten Dorfschelle berichten.
Peter Rudolph |