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Die Dorfschelle
Nummer 22 - Ausgabe Dezember 2004
Romantische Weinlese?
Mit Sonne, Lachen und Gesang,
so wie in den Zeitschriften zu lesen
oder mit Regen, Kälte, Eis und Schlamm,
wie es oft gewesen.
Heute ist die Romantik bei der Weinlese so oder so
vorbei. Wie ich die Weinlese in den 20er und 30er
Jahren erlebt und in Erinnerung habe, darüber will ich
hier berichten.
Ende August, wenn die ersten Trauben reiften, wurden
die Weinberge, nachdem der Gemeinderat dies
beschlossen hatte, geschlossen. Vor Lesebeginn, den
der Gemeinderat festlegte, durfte niemand mehr die
Weinberge betreten, auch nicht die Eigentümer. Für
dringende Arbeiten musste auf der Bürgermeisterei ein
„Wingertsschein“ (20 Pfennig) geholt werden. Kontrolliert
hat das der Weinbergsschütz, der auch für die
Starenabwehr mit seiner Vorderladerpistole (geladen
mit Schwarzpulver und Papier) und mit einem Zündhütchen
zum Knallen brachte. Er nahm es mit seiner
Aufgabe sehr genau, da er für jeden Weinbergsschein,
den er einsammelte, 10 Pfennig bekam.
Hierzu passt genau, das von Albert Hey gedichtete
„Stickelche“ aus seinem Buch
„Ufgeschnappt“:
Am Sunndaachmoje treffe sich in de Wertschaft „bei de
Gret“ de Bollemoschter Heinerich un sei Gemonerät.
De Herbscht steht jetzt vor de Deer, drei Woche noch bis
Kerb.
Un war aachs Wetter bisher schee, die Trauwe werre merb.
Ob mer die Lees beginne soll, daß wird sich heit entscheide.
Wie se aach ausgeht die Geschicht, soll koner Schade leide.
Winzermoschter Kall der säht: Die Trauwe bleiwe hänge,
jeder Daach bringt Qualität, ich peif eich uff die Menge.
De Jab sieht das ganz annerschter, er säht: In ganz Rheihesse
gibt’s Staare werre masseweis, die duhn uns alles fresse.
Un aach de Fritz meld sich zu Wort: Es faule schon die Stiel,
das bißje Sunn am Nohmeddaach, bringt uns net meh viel.
So geht’s e Zeitlang hie un her, bis mer am Newedisch
de Wingertschitz, de Schoo, entdeckt, do säht de Heinerich:
Du hockscht do in de Wertschaft rum, duhscht saufe un
krageele, do kann jo drauß in de Gemark jeder die Trauwe
stehle.
Ach was, säht dodruf hie de Schoo un duht am Peifche kaue,
ehr seid do allminanner do, wer soll dann ebbes klaue?
Ein bis zwei Wochen vor dem Lesebeginn wurden alle
Fässer und Bütten sauber und dicht gemacht. Sie waren
alle aus Holz und übers Jahr „verlöchelt“ (eingetrocknet).
Mit Wasser und nassen Säcken wurden die
Bütten dicht gemacht. Die Fässer wurden mit kochendem
Wasser geschwenkt. Da die Keller keinen Abfluss
hatten, mussten die Fässer über die Kellertreppe in
den Hof gehoben werden. Dazu brauchte man eine
oder zwei Fasstangen, die man hatte, sich lieh oder
man holte den Küfer, der alle Geräte hatte. Der Küfer
machte nicht nur Fässer, er wurde auch beim Abstich
des neuen Weines mit seiner Weinpumpe gebraucht.
Der Lesebeginn wurde, wie alle Bekanntmachungen,
durch den Polizeidiener mit der Dorfschelle verkündet.
Jeder Lesetag begann morgens, wenn die Glocke läutete
und endete mit dem Feierabendläuten. Danach
waren die Weinberge bis zum nächsten Morgen geschlossen.
Morgens wurde der Ackerwagen, auf dem
ein oder zwei Bütten standen, mit Pferd, Ochs oder
Kuh an den Wingert gefahren und das Gespann wieder
heimgebracht. Andere Winzer nahmen die Traubenmühle
mit ins Feld. Dann wurden die Trauben vom
Legelträger direkt in eine Bütte gemahlen und mit dem
Ladfaß (ca. 600 Liter) Stück für Stück nach Hause gefahren.
Man hatte also das abendliche Mahlen der Trauben
vor dem Keltern gespart. Zu welchem Zeitpunkt
die Bütte(n) dann voll waren und geholt werden
mussten, hing von der Anzahl der Leser und Leserinnen
ab.
Da fast jeder Aspisheimer Weinberge hatte, wurden
auch viele Leser und noch mehr Leserinnen gebraucht.
Die kamen fast alle aus dem Hunsrück. Sie fuhren mit
der Hunsrückbahn bis nach Klonigersmühle
(Langenlonsheim) und mussten dort mit ihrem Gepäck
abgeholt werden. Wenn morgens die Glocke läutete,
ging es zu Fuß mit Eimer, Traubenschere, Regenjacke
usw. an die Arbeit. Eine oder Einer hatte das Kommando
und wurde scherzhaft Feldwebel genannt. War
es morgens nass vom Tau, dann gab es zwar kalte Finger,
aber man konnte noch am Morgen mit Sonne rechnen.
Das war dann ein Herbsttag, der auch Spaß machte.
Es wurden Witze erzählt, gelacht und gesungen.
Das Singen war auch dem Winzer recht, er dachte, wer
singt, isst keine Trauben. Der Legelträger, der die Trauben
in die Bütte brachte, der sah auf seinem Weg, ob auch
sauber gelesen und die heruntergefallenen Perkel
aufgerafft wurden.
Eine Pause gab es, wenn das Mittagessen im Weidenkorb
an den Wingert gebracht wurde. Es bestand in der
Hauptsache aus Hausmacher Wurst, denn man hatte ja
kurz vor der Lese geschlachtet. Was nicht fehlen durfte
waren die „Gequellten“ (noch heiße gekochte Kartoffeln).
Bei schönem Wetter wurde alles auf einem Tischtuch
auf dem Boden hingestellt und drum herum gesetzt. Das
war aber nicht immer so, die Lese dauerte zwei bis drei
Wochen und jeder Tag konnte anders sein. War am Morgen
dichter Nebel und dann Nieselregen, war es weniger
schön. Aber es konnte noch schlechter sein, wenn es
Tage vorher geregnet hatte. Die Wege waren fast unbegehbar
(befestigte Wege gab es noch nicht) und im Wingert
waren die Leseeimer und die Schuhe doppelt so schwer.
Es gab noch keine Gummistiefel, die man einfach abwaschen
konnte. Wollene, selbst gestrickte Handschuhe
hatte man und brauchte sie, wenn morgens noch Raureif
auf Blätter und Trauben war. Also, ob Kälte, Sonne oder
Regen, es war alles schon einmal dagewesen.
Wenn nach dem Feierabendläuten die ganze Mannschaft
zu Hause war, sich umgezogen, die Schuhe sauber
gemacht, mit Zeitungspapier ausgestopft und damit am
Morgen wieder trocken waren, die Trauben ggf. gemahlen
und auf die Kelter gebracht (aufgeschüttet) waren, erst
dann wurde zu Nacht gegessen.
Das war fast immer ein Festessen und der Tag war
noch nicht zu Ende. Man traf sich in verschiedenen
Kelterhäusern. Die jungen Männer bedienten weiterhin
die Kelter und die jungen Frauen, sie schauten zu oder
bandelten an, aber es ging immer lustig zu und manches
Hunsrücker Mädchen wurde später zur
Aspisheimer Ehefrau. Anfang der 30er Jahre bildete
sich eine kleine Tanzkapelle, die dann fast jeden Abend
in der Turnhalle zum Tanz aufspielte. Da war dann das
Anbandeln noch leichter. Am Ende der Weinlese, meist
an einem Samstag, gab es dann noch einmal eine große
Tanzveranstaltung. Im Saalbau Butz oder in der Turnhalle
war „Bremserball“. Heute müsste das
heißen Federweiserball.
Nach dem Ende der Lesezeit wurde durch den
Beschluß des Gemeinderates die polizeiliche Schließung
der Weinberge aufgehoben und es konnte
gestoppelt werden. Die gestoppelten Trauben konnte
man bei einem Weinhändler im Ort verkaufen oder
selbst zu Wein machen. Kinder besserten sich mit den
Stoppeltrauben ihr Taschengeld auf, wenn es überhaupt
welches gab. Von diesem Stoppelwein – der oft sehr
gut war, er war ja spät gelesen, also „Spätlese“ – wurde
dem Schoo ein Glas angeboten. Auf seine Frage, wie
habt ihr denn die paar Trauben gekeltert bekam er die
Antwort: „Ei nur zerdrückt und dann in der Wäscheschleuder
geschleudert“. Der junge Winzer fragte, als
er noch das Glas in der Hand hatte „in der selben
Schleuder, in der auch dem Schorsch seine
beschissenen Unterhosen geschleudert werden.
Ob er wohl getrunken hat?
Peter Rudolph |