Die Dorfschelle
Nummer 22 - Ausgabe Dezember 2004
Berichterstattung aus dem Gemeinderat - vor hundert Jahren
14 Sitzungen fanden im Jahre 1904 zwischen dem
14. Januar und dem 11. Dezember statt. Im Vergleich
zu 1903 waren es 2 Sitzungen, zu 1902 7 Sitzungen
weniger.
Bürgermeister war seit 1891 Johann Scholl I, Beigeordneter
Friedrich Becker I war gerade neu gewählt.
Ratsmitglieder waren Wilhelm Becker, Peter Dern,
Christoph Hothum, Jakob Huff III, Friedrich Luff VII,
Friedrich Kreutzer, Johann Scholl IX und Friedrich
Weinmann. Der Rat bestand also aus 10 Personen.
4 Sitzungen beschäftigten sich allein mit der Weinlese.
Am 14. und 21. August fanden die Ratssitzungen an
einem Sonntag statt, vielleicht mit anschließendem
Frühschoppen. Regelmäßig fanden die Sitzungen am
Morgen statt, die Ratsmitglieder waren ja alle im Ort.
Die Protokolle waren kurz und bündig, das Ergebnis
wurde festgehalten. Erwähnenswert ist, dass damals
– wie nun auch heute – nicht nur der Bürgermeister
unmittelbar von der Bevölkerung gewählt wurde, sondern
auch der Beigeordnete.
Volksschule
Bestandteil der Lehrerbesoldung war die Überlassung
von Weinbergen und Äckern zur besseren Versorgung
bzw. Aufbesserung des Einkommens.
Aus der Sitzung vom 10. Februar ergibt sich, dass der
damalige Lehrer Ihrig die Übernahme der Weinberge des
Ev. Schulgutes (Ev. Lehrer) zu dem geforderten Pachtpreis
ablehnte. Der Rat beschloss daher, die 4 Weinberge
erst einmal auf „Vordermann“ zu bringen und dann im
Folgejahr anderweitig zu verpachten. Offenbar waren die
Weinberge in keinem guten Zustand, über die Ursache
ist nichts festgehalten. Die Ernte wurde am 8. Oktober
meistbietend versteigert, Zahlungstermin war der
1. November 1904.
Im nächsten Tagesordnungspunkt wurde dem Lehrer Ihrig
gestattet, einen Nussbaum auf einem Feld Am Pflänzer
zu fällen.
Am 21. Februar beschloss man die Errichtung eines weiteren
Schulsaales. Mit dem Neubau sollte dann 1905
begonnen werden. Am 8. Mai wurde folglich beschlossen,
bereits Anfang 1905 eine 3. Lehrerstelle einzurichten.
Entsprechend dem Bevölkerungsanteil sollte der Lehrer
evangelisch sein.
Bullenstall
Über die Sitzung vom 8. Mai ist festgehalten, dass die
beiden Gemeindebullen „krank“ seien, also offensichtlich
ihren Dienst nicht mehr mit Erfolg verrichten konnten und
ein neuer Bulle zusätzlich angeschafft werden sollte.
Adjunkt (Beigeordneter) Becker und Ratsmitglied Dern
wurden mit dem Erwerb (sachverständige Begutachtung)
beauftragt. Offensichtlich sind die beiden alten Bullen wieder
leistungsfähig geworden oder die Neuerwerbung war
nicht mit Erfolg gekrönt. Unterm 5. Oktober ist zu lesen,
dass der angekaufte Bulle wieder veräußert werden soll.
Straßenreinigung
Am 11. Januar wurde beschlossen, dem Gemeindediener
Jung für die Reinigung des Germaniaplatzes
und am Rathaus einen jährlichen Betrag von 8 Mark zu
vergüten.
Darlehnsaufnahmen
Bei Darlehnsaufnahmen bei der Spar- und Leihkasse
in Bingen, der späteren Sparkasse, wurde seitens der
Kasse bei der Gemeinde hinsichtlich der Bonität
zurückgefragt. In zwei Fällen lagen in 1904 Anfragen
vor, die jeweils positiv entschieden wurden. Bei den
Beträgen von 100 bzw. 130 Mark waren jeweils Bürgen
vorhanden, der Betrag von 130 Mark war später in
5 Raten zu tilgen. Unterm 21. August ist zu lesen, dass
verschiedene Darlehnsnehmer mit ihren Zahlungen im
Rückstand seien und bis zum 1. November Zahlungsaufschub
eingeräumt wurde.
Drainagen / Wasserführung im Feld
In 3 Sitzungen beschäftigte sich der Rat mit der Durchführung
von Drainagemaßnahmen im Appenheimer
Weg. Am 1. März wurden nochmals Drainageröhren
bei der Firma Schnell in Sprendlingen nachbestellt.
Ende Oktober war die Maßnahme offensichtlich noch
nicht beendet. Die Arbeiten wurden nun in 4 Losen einschließlich
Grabenaushub vergeben.
Bereits am 21. Februar wurde beschlossen, den Graben
im „Neuen Bingerweg“ bis auf die Sohle auszuheben.
Zu der Namensnennung Neuer Bingerweg ist zu
bemerken, dass es sich hierbei um unseren heutigen
Binger Weg in der Ortslage handelt. Der „alte“ Bingerweg
befand sich hinter dem Ortsausgang Untere Pforte
in Höhe der Anwesen Wink/Weidmann. Einerseits ging
die „Straße“ von dort aus nach Bingen in westlicher
Richtung, andererseits war der Weg nach Appenheim
in östlicher Richtung. Unsere heutige Straße nach
Appenheim/Ober-Hilbersheim wurde erst 1841 mit dem
Durchbruch am Neuenberg geschaffen, die heutige
Germaniastraße war quasi eine Umgehungsstraße.
Gesundheitsdienst / Pflegewesen
Am 1. März beschloss der Rat die Unterbringung
eines betagten Bürgers in der „Siechenanstalt“ in
Heidesheim, was die betreffende Person offensichtlich
nachhaltig ablehnte. Weiter ist dann zu lesen, dass
der Sohn sich dann bereit erklärte, gegen eine Vergütung
von 100 Mark den Vater lebenslang zu versorgen.
Die Vereinbarung war beiderseits unkündbar.
Weed
Unsere heutige Brauchwasserentnahmestelle Weed
war am 5. Juni Gegenstand der Beratung. Man kam
überein, die Weed in diesem Jahr nicht auszuputzen,
weil sie im nächsten Jahr überwölbt werden sollte. Zu
ergänzen ist in diesem Zusammenhang, dass es sich
um eine offene Wasserstelle handelte, in der Gänse
und Hühner ihr „Bad“ nehmen konnten, Zimmerleute
ihr Holz wässerten, als Viehtränke genutzt wurde. Ein
Beispiel solcher Wasserstellen ist in Ober-Hilbersheim
in gemauerter Form in der Wassergasse zu sehen.
Weinlese
Am 14. August wurde die Weinbergsschließung für
Burgunder Trauben beschlossen, am 21. August für
alle Sorten. Die Weinbergsschließung bedeutete das
Verbot, die Weinberge zu betreten, was von dem Feldschützen
überwacht wurde.
Als so genannter Weinbergstag wurde der Donnerstag
festgelegt, bei schlechtem Wetter sollte dies dann
der Freitag sein. Bei diesem Weinbergstag handelte
es sich um die Möglichkeit, gegen einen bei der
Bürgermeisterei zu erwerbenden Erlaubnisschein evtl.
unterlassene Arbeiten im Weinberg nachzuholen. Dem
Feldschützen war bei seiner Kontrolle dann der Erlaubnisschein
vorzuzeigen.
Die Portugießer Trauben konnten am 26. und 27. September
gelesen werden, Tafeltrauben konnten vorher
nicht geschnitten werden. Ergänzend ist vermerkt, dass
Winzer, die an diesen Tagen mit der Dreschmaschine
beschäftigt sind, die Lese am Folgetag nachholen können.
Die allgemeine Weinlese begann dann am 13. Oktober,
die Schließung der Weinberge wurde bis zum 25.
Oktober aufrecht erhalten. 1904 waren die Trauben
offensichtlich früh reif, es muss sich um eine sonniges
Jahr gehandelt haben.
Entlohnung der Bediensteten
Wie bereits in der Dorfschelle Nr. 20 ausgeführt, wurde
zum Jahresende vom Gemeinderat die Entgelte für
Knechte und Mägde beschlossen. Das Gremium des
Gemeinderates wurde ergänzt durch 2 Vertreter der
Arbeitgeber und 2 Vertreter der Arbeitnehmer. 1904
waren diese für die Arbeitnehmer Valentin Ehrhardt III
und Philipp Huff II sowie für die Arbeitgeber Jakob Heinrich
Zelt und Johann Huff VI.
Es blieb bei dem bisherigen ortsüblichen Lohn, und
zwar in Mark:
| Jahreslohn | Taglohn |
| Erwachsene Arbeiter | 550 | 1,80 |
| Junge Arbeiter | 350 | 1,00 |
| Erwachsene Arbeiterinnen | 350 | 1,00 |
| Junge Arbeiterinnen | 250 | 0,70 |
Frieder Hothum |