Die Dorfschelle
Nummer 23 - Ausgabe Dezember 2005
Erkenntnisse über weitere vorzeitliche Siedlungshinweise und neuere Bestattungsfunde auf dem sog. „Fränkischen Gräberfeld“ zu Aspisheim.
Von Klaus W. Grundstein
Bei Bauaktivitäten mit Bodenbewegungen im Gebiet der Gehren- und Germaniastraße sind dort stets Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege, Abt. Bodendenkmalpflege, anzutreffen. Im Bereich des ehemaligen fränkischen Friedhofes stellten sie erneut weitere Bestattungen fest.
Aspisheim ist mit seinen gut 582 ha eine der kleineren rheinhessischen Gemarkungen. Es steht aber wegen der dokumentierten Dichte und der Qualität seiner archäologischen Fundstellen mit an der Spitze der archäologisch am besten bekannten Gemarkungen im Arbeitsbereich des Mainzer
Amtes der Bodendenkmalpflege. Viele Fundstellen belegen die guten Besiedlungsmöglichkeiten der Aspisheimer Gemarkung für den Menschen. Bereits im frühesten Abschnitt der Menschheitsgeschichte durchstreiften eiszeitliche Jäger im Zeitalter des Neandertalers dieses Gebiet; vielleicht sogar schon im Zeitalter des Heidelberg- Menschen vor Jahrzehntausenden und Jahrhunderttausenden.
Hinweise gibt es jedoch keine auf die sog. Mittelsteinzeitlichen Jägerkulturen der Nacheiszeit (ca. von 10.000 v. Chr. bis nach 6.000 v.Chr.). Dieser Zeitraum ist jedoch durch Funde, nicht weit von Aspisheim, jenseits der Nahe in der Waldalgesheimer Gemarkung nachgewiesen.
Seit dem Beginn der Jungsteinzeit (ca. Mitte des 6. Jahrtausends vor Chr.) mit bäuerlichen Lebensformen finden sich auf dem Aspisheimer Gebiet immer wieder Siedlungsspuren in den nachfolgenden Abschnitten der Bronze-, Eisen-, Römerzeit. Es ist durch die sich anschließende fränkische Zeit bis heute besiedelt geblieben.
Anfang 1990 dehnte sich die Aspisheimer Ortsbebauung weiter nach Südwesten aus. Bereits 1934 wurde auf dem dortigen ansteigenden Gelände über der Germaniastraße ein fränkisches Gräberfeld entdeckt, das mit der Geschichte Aspisheims eng verbunden ist. Bei den jüngsten Ausgrabungen entdeckte Dr. Ronald Knöchlein zusätzlich Scherben und deutliche Siedlungsspuren in Form von Gruben aus der vorrömischen Eisenzeit (ca. 1300 bis 1400 v. Chr). Das Hanggelände wurde somit schon vor dem fränkischen Friedhof besiedelt.
Um 750 v. Chr. verdrängte das Eisen vor allem bei Waffen und Gebrauchsgeräten die Bronze. Die während der vorangehenden Spätbronzezeit zu höchster Meisterschaft gelangte Bronzeverarbeitung wurde auf hohem Niveau im kunsthandwerklichen Bereich beibehalten. Der ältere Teil dieser Eisenzeit -auch Hallstattzeit genannt- dauerte bis ca. 470 v. Chr.. Die damalige Besiedlung belegen kleinteilige Tongefäßbruchstücke und Lehmbrocken mit länglichen Hohlräumen, die durch ehemals eingelagertes Holz entstanden. Die damaligen Gebäude wurden nach einem schon in der Jungsteinzeit bekannten Prinzip errichtet: In ein skelettartiges Grundgerüst aus Pfosten wurden Wände aus Flechtwerk eingezogen und mit lehmartigem Material beworfen. So entstanden Bauten, die sich nicht wesentlich von den uns noch heute vertrauten mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Fachwerkhäusern unterscheiden. Die gefundenen Tongefäßbruchstücke stammen von vielfältigen großen, fassartigen Vorratsgefäßen bis hin zu kleinen individuellen Trinkbechern. Unter den Keramikfunden verdient ein tönerner Spinnwirtel besondere Beachtung. Zur Herstellung textiler Garne wurde er als Schwungrad auf eine geschnitzte Spindel (aus Holz oder Knochen) zur Drehung aufgeschoben, um dabei mit seinem Gewicht den Faden zu straffen. Dies war über viele Jahrtausende für Mädchen und Frauen ein alltäglicher Vorgang. Erst mit dem Aufkommen verschiedener Spinnräder im Spätmittelalter verbesserte sich diese Art der Garnherstellung wesentlich.
Auf der Grundlage der späthallstädtischen Bevölkerung und ihrer Kultur entwickelte sich bald nach 500 v. Chr. die Kultur der jüngeren Eisenzeit, die auch als „Latènezeit“ bezeichnet wird. Für diese sog. „keltische Epoche“ von ca. 470 v. Chr. bis zur Einbeziehung unseres Gebietes ins römische Reich
kurz vor Christi Geburt gibt es keine eindeutigen Siedlungshinweise auf dem Gelände oberhalb der Germaniastraße. Insgesamt ist die Latènezeit in unserer Gemarkung bisher eher dürftig vertreten. Aus der sich zeitlich anschließenden römischen Zeit gibt es seither keine römischen Funde und Siedlungsspuren auf dem Hanggelände jenseits der Germaniastraße.
Im alten Ortskern um die evangelische St. Martinskirche offenbart sich die römische Antike. 1984 wurden dort bei Bauarbeiten an der Kirchenmauer die Reste der Badeanlage eines römischen Gutshofes (Villa rustica) entdeckt, die zwischen 250 - 275 n. Chr. erbaut wurde. Hier handelt es sich mit Sicherheit um den Teil eines größeren Gebäudekomplexes. Römische Keramikfunde lassen sich bis zum 1. Jhdt. n. Chr. zurück datieren. Wo die Römer ihre Toten begruben, ist (noch) nicht bekannt. Die römische Besiedlung reicht bis ins 5. Jahrhundert hinein. Sie endet wohl um 460 n. Chr. durch die Einbeziehung dieses Gebietes in das von Köln ausgehende rheinfränkische Königreich.
Die fränkische Besiedlung Aspisheims bedeutete keinen völligen Bruch mit der römischen Vergangenheit sondern ging mit dem Weinbau ineinander über. Bald nach 500 werden erste fränkische Begräbnisse auf dem abfallenden Hanggelände südwestlich der Germaniastraße vorgenommen. Im 6. und 7. Jahrhundert steht dort ein ausgedehnter fränkischer Friedhof, der für weitere 200 bis 250 Jahre genutzt wird. Dieser Friedhof liegt in kurzer Entfernung zum alten Ortszentrum, das die Franken nach den Römern besiedelten. Besonders bemerkenswert ist, dass sich die Dorfkirche St. Martin über antiker Bausubstanz befindet. Von einem komplexen Beziehungsgeflecht zwischen spätrömisch-weltlichem und frühem kirchlichen Grundbesitz ist auszugehen.
Auf dem fränkischen Friedhof stand jedem Toten im Normalfall ein eigener, langrechteckiger Grabschacht zu. Dessen Größe lag im Mittel zwischen 2,0 bis 2,5 m Länge, die Breite zwischen 1,0 und 1,20 m. In diesem Grabschacht wurde der Tote in einem eng bemessenen Holzsarg beigesetzt, was sich in Form von Verfärbungsspuren der Erde direkt nachweisen lässt. Im Prinzip war die Graborientierung West-Ost. Der Tote wurde mit dem Kopf im Westen und den Füßen nach Osten beigesetzt. Regelrecht aufgereiht folgte ein Grabschacht dem anderen. So sind fränkische Friedhöfe oft recht planmäßig gewachsen und erinnern äußerlich gesehen an die Anlage unserer modernen Friedhöfe. Es ist davon auszugehen, dass die
fränkischen Gräber oberirdisch durch leichte, längliche
Erhöhungen erkennbar waren. Besondere Kennzeichnungen durch Grabplatten oder Grabsteine mit christlichen Symbolen und lateinischen Inschriften waren in unserem ländlichen Raum nicht üblich.
Der besondere Wert dieser Gräber als geschichtliche Dokumente ergibt sich aus Grabbeigaben, die der persönlichen Habe der Toten entstammen. Frauen- und Mädchengräber enthalten Schmuckbeigaben in Form von Perlenketten, Ohrringen und dekorativen Gewandschließen in Form von Fibeln aus Bunt- oder Edelmetall. In den Gräbern männlicher Toter finden sich Waffen und Gürtelgarnituren. Gemeinsam waren Brotzeit-Beigaben für den Weg ins Jenseits, was anhand von Ton- und Glasgeschirr nachweisbar ist. Grabbeigaben ermöglichen auch eine mehr oder weniger zeitliche und soziale Einordnung der Toten. Anhand der Gegenstände sind Rückschlüsse auf eine auswärtige Herkunft möglich, z. B. die Einheirat von Frauen aus weit entfernten Regionen. Beispielhaft sei hier die Grabausstattung eines im Alter von ca. 3 Jahren verstorbenen Mädchens erwähnt: ein bronzenes Ohrringpaar, eine kleine Anzahl Glasperlen von einem Halskettchen, Teile eines kleinen Amulettgehänges. Die Art der Ohrringe und Glasperlen offenbaren, dass das Kind um die Mitte des 7. Jhdts. verstorben ist.
Aus der gleichen Zeit stammt eine „männliche“ Grabausstattung: ein eiserner Riemenbeschlag mit einem prächtigen Dekor in Form von plattiertem Silber und eingelegten Messingfäden.
Die Gesamtausdehnung des fränkischen Friedhofes mit der vorgefundenen Gräberdichte lässt vermuten, dass sich dort ca. 350 Gräber befinden. Aus dieser Zahl kann vorsichtig auf damals 50 lebende Personen geschlossen werden. Diese sind wohl die eigentlichen frühesten Aspisheimer. Unter ihnen befand sich sicherlich auch Ascmund, der Namensgeber von Ascmundesheim, dem heutigen Aspisheim.
In den Jahrzehnten um 700 n. Chr. unterbleiben Bestattungen auf dem fränkischen Friedhof, denn überall im Lande werden nunmehr die Toten in neu entstehenden „Kirchhöfen“ bei den Pfarrkirchen bestattet. Die früher üblichen Grabbeigaben unterbleiben und wandeln sich in eine Abgabe an die Kirche um. Wenige Jahrzehnte später wird Aspisheim erstmals als „Ascmundesheim“ schriftlich per Urkunde erwähnt mit der eine Dame namens Rothlindis am 6. März 767 ihren gesamten Aspisheimer Besitz an Ackerland und Weinbergen dem Kloster Lorsch überträgt.
Wie lange sich das Dunkel der Geschichte über das ehemalige fränkische Friedhofsgelände im Hanggebiet zwischen Gehren- und Germaniastraße senkte und wie lange es brach lag, bevor es landwirtschaftlich genutzt wurde, kann nicht festgestellt werden. Erst im Spätmittelalter (nach dem 14. bzw. 15. Jhdt.) zieht sich durch dieses Gelände eine südost-nordwest verlaufende Trasse, die auf einen Feldweg oder eine Altstraße schließen lässt.
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