Die Dorfschelle
Nummer 23 - Ausgabe Dezember 2005
Unsere diamantene Hochzeit
und wie es vor 60 Jahren dazu kam.
Ich war Soldat und nach einer kostenlosen kleinen Weltreise durch Frankreich, Rumänien, Russland, Kaukasus, Frankreich im Frühjahr 1945 in Bayern. Ursel, meine damalige Verlobte, wohnte seit 1944 in Aspisheim bei meinen Eltern. Wir wollten am 23. März 1945 die Silberne Hochzeit meiner Eltern und unsere grüne Hochzeit feiern.
Um einen Heiratsurlaub zu bekommen, mussten alle damals notwendigen Papiere zu meinem Aufenthaltsort nach Bayern südlich von Nürnberg geschickt werden. Dabei handelte es sich jeweils um ein polizeiliches Führungszeugnis, eine Eheunbedenklichkeitsbescheinigung vom Gesundheitsamt, den Nachweis der arischen Abstammung bis zu den Großeltern mit allen Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden und noch manches mehr.
Wie die Papiere dann nach Georgensgemünd südlich von Nürnberg, kamen war eine kleine Odyssee (nachzulesen in der Dorfschelle Nr.14 von 1994.) Am 15. März war mein Urlaub genehmigt und ich hätte fahren können, wenn ich nicht am Abend zuvor im damaligen Wehr¬machtsbericht gehört hätte : Kämpfe östlich Bad Kreuznach.
Am 16. März fielen Bomben auf Aspisheim. Wie die Hochzeit dann am 19. Juni 1945 zustande kam ist einmalig.
Am 5. Mai, 2 Tage vor Kriegsende wurde unsere Einheit vom Kompaniechef aufgelöst. Wir waren frei, Zivilisten und ehemalige Soldaten warteten auf einem Bauernhof was kommt.
Schwerbewaffnete Amis entdeckten uns und machten uns klar, das Haus nicht zu verlassen. Sie feierten dann ihren Sieg und hatten uns dabei vergessen. Ein paar Tage später ging es dann zu Fuß in Richtung Heimat. Am 31. Mai, am Geburtstag meiner Mutter, war ich endlich daheim.
Ursel war mittlerweile auf der Bürgermeisterei als Schreibkraft tätig. Ein Gerücht machte die Runde: 10 Jahre Eheverbot für alle Deutschen. War es vielleicht doch kein Gerücht, sondern die Wahrheit?
Ein amerikanischer Offizier, der auf die Bürgermeisterei kam und nach dem „Gerücht“ befragt wurde, antwortete: wenn die heiraten wollen, dann sollen sie es doch gleich tun.
Bürgermeister Dautermann, der zugleich auch Standesbeamter war, sagte: kommt heute Abend (Dienstag, der 19. Juni 1945) mit 2 Trauzeugen, ich traue euch. So geschah es und es war damit die erste Trauung nach dem Krieg. Wir tranken noch eine Flasche Wein und Dautermann gab uns den Trauspruch mit auf den Weg: Lasst den Zorn mit der Sonne untergehen.
Am Sonntag, dem 24. Juni, bekamen wir den kirchlichen Segen von Pfarrer Trautwein aus Gensingen. Er traute uns in der Friseurstube meines Vaters. Die Kirche war geschlossen, die Decke war baufällig. Das Festessen für 28 Personen in der kleinen Wohnstube bestand aus einem Kilogramm Rindfleisch für 28 Teller Suppe, einem Stallhasen für den Festbraten und für den Streuselkuchen sorgte die Bäckerei Fleck in der Untergasse in Dromersheim.
Von einem richtigen langen, weißen Brautkleid hatte Ursel schon immer geträumt. Fast hätte sie auch eines bekommen. Bei einem vorherigen Urlaub war ich mit Ursel in Bingen. Auf der Heimfahrt sah ich, wie ein englischer Bomber abgeschossen wurde und ein am Fallschirm hängender Soldat ganz in unserer Nähe herunter kam. Er stand da und hob die Hände. Zu allererst dachte ich aber an den Fallschirm aus weißer Seide für Ursels Brautkleid. Das gute Stück war ruck zuck im Auto. Aber, kurz vor Dromersheim stand ein Volkssturmmann mit geschultertem Gewehr und sagte: den Fallschirm darfst du nicht mitnehmen, der bleibt in Dromersheim. Ich musste also das "Brautkleid" abliefern.
Eine junge Binger Frau, die in Aspisheim wohnte, sagte: ich habe mein Brautkleid hier in Aspisheim, das kannst du haben. Als sie später unser Hochzeitsbild sah, musste sie herzlich lachen und erklärte: du hast vorne mit hinten verwechselt.
Peter Rudolph
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