Die Dorfschelle
Nummer 23 - Ausgabe Dezember 2005
Der neue, alte Rathausplatz oder am Roodes
Es steht schon lange nicht mehr, unser in den letzten Kriegstagen durch Bombeneinwirkung beschädigtes und letztlich dann 1950 endgültig abgerissenes Rathaus aus dem Jahre 1585.
Um den Abriss wurde nach dem Krieg über vier Jahre gerungen. Letztlich konnte sich die Gemeinde mit ihren Vorstellungen zum Abriss durchsetzen und erhielt am 30. September 1949 den entsprechenden „Genehmigungsbescheid zum Abbruch der Rathausruine in Aspisheim“.
Interessant ist zunächst aber die Bewertung des Landes- Konservators Dr. F.H. Klingenschmitt vom 25.9.1946, die nachstehend wiedergegeben wird:
Abschrift
Der Landeskonservator und Direktor
der Abteilung Kunst und Wissenschaft
bei dem Regierungspräsidium Rheinhessen
Mainz den 25. Sept. 1946
Betreff: Rathaus in Aspisheim, Kreis Bingen.
Kunsthistorische Bedeutung
Im Kreise Bingen haben sich drei typische Dorfrathäuser aus älterer Zeit erhalten: Appenheim, Aspisheim und Nieder-Hilbersheim. Das bedeutendste und besterhaltenste ist das von Aspisheim. Es ist aber darüber hinaus noch wichtig, weil es inschriftlich datiert ist! Weiter aber deswegen, weil bei ihm sich gothische Formen mit Renaissanceformen zusammenfinden!
Da die inschriftliche Datierung die Entstehung des Rathauses für 1585 bezeugt, ist es ein wichtiges Dokument für das zähe festhalten der spätgothischen Formensprache. Das aber verleiht dem Bauwerk eine grössere kunstgeschichtliche Bedeutung.
Schon um Deswillen ist seine Erhaltung und Wiederherstellung -in integrum- dringend geboten.
Baulicher Zustand
Bei meinem Besuch konnte ich feststellen, dass das Rathaus in der baulichen Substanz völlig intakt ist! Lediglich ein Teil des Daches war „stark“ beschädigt, so dass ein Teil des Obergeschosses Wind und Wetter ausgesetzt ist. In dem so beschädigten Raum lagerten bei meinem Besuch noch die Archivalien völlig vernachlässigt. Darunter auch solche älteren Datums! Dabei war das Gebäude unverwahrt und unbewacht. Es ist eine grobe Nachlässigkeit, dass man sich um das Gebäude und seinen Inhalt überhaupt nicht bekümmert hat. Die Archivalien hätte eine verantwortungsbewusste Ortsverwaltung unschwer in Sicherheit bringen können, aber man hat das Gebäude der Dorfjugend als Tummelplatz überlassen!
In seinem Urteil geht Klingenschmitt davon aus, dass die Gemeinde bzw. der Bürgermeister es sich (wörtlich) in den Kopf gesetzt hat, das Ding muss weg und zwar aus Verkehrsinteresse. In der Tat ragte der Baukörper weit in die Hauptstraße hinein, wie unschwer aus alten Katasterplänen abzuleiten ist. Seinem nachfolgend zitierten Vorschlag wurde dann nach langen Verhandlungen und Schriftverkehr doch nicht entsprochen. Die Gemeinde hatte in dem mitentscheidenden damaligen Landrat Trapp
sicher eine verständige Person für die Aspisheimer Belange; er war während des Krieges in Aspisheim evakuiert und kannte den Bau schon vor und auch nach der Zerstörung. Interessant sind jedoch einige Passagen des Vorschlages des Landeskonservators, sie könnten gestern geschrieben sein.
Sein Vorschlag lautete:
Vom Standpunkt der Denkmalpflege aus möchte ich dagegen vorschlagen: Das Rathaus zu Aspisheim sollte in integrum als Rathaus wiederhergestellt werden! Wie der Befund erkennen lässt, hatte es ursprünglich im Erdgeschoss eine offene Halle wie die Rathäuser in Michelstadt im Odenwald und in Alsfeld in Oberhessen. Rauch (Inventar der Kunstdenkmäler des Kreises Bingen) vermutet übrigens, dass das Gebäude noch ein drittes Fachwerkgeschoss gehabt hat. Ich bemerke das deswegen, weil der tüchtige Bürgermeister gegenüber meinem Vorschlag sicher vorbringen wird, das Gebäude sei als Rathaus zu klein! Für ein neues drittes Fachwerkgeschoss dürften sich im Kreis Bingen Vorbilder genug finden. Das Rathaus zu Aspisheim, als Rathaus wiederhergestellt, würde eine Zierde des Ortes sein. Und da die Gegend interessant ist (das malerische Horrweiler, Dromersheim mit seiner schönen Kirche und seinen bemerkenswerten Skulpturen liegen ja in unmittelbarer Nähe), so wird es möglich sein, auch den Fremdenverkehr dorthin zu lenken. Umso leichter als ja dort ein guter Tropfen wächst. Dann aber ist das wiederhergestellte Rathaus ein Aktivposten! Gez.: Dr. F.H. Klingelschmitt
Es war ein schöner Tag, der 29. Mai 2004, als ein lang gehegter Wunsch zur Umgestaltung des Platzes, auf dem das alte Rathaus stand, mit der Einweihung durch den Innenminister Walter Zuber feierlich begangen werden konnte. Das Relief in der Mitte des Platzes mit der Darstellung der alten baulichen Situation hält das Bild des alten Rathauses mit dem gegenüber liegenden Dorfbrunnen in uns wach.
Frieder Hothum
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