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Die Dorfschelle
Nummer 24 - Ausgabe Dezember 2006
Die Hebamm‘ ...
Heut‘ ist ein strahlender Tag. Ich komme aus dem Kindergarten und hüpfe und springe, dass meine Zöpfe nur so fliegen: Eins, zwei, eins, zwei! Da höre ich die Glocken läuten: 12 Uhr. Ich soll nicht in die Schuhmacherwerkstatt meines Vaters kommen, sondern zu meinen Großeltern gehen. Sicher ist wieder Waschtag! Das wird lustig, wenn Großmutter, Mama und ihre Schwestern dort große Wäsche machen. Dann riecht es nach Waschpulver und es dampft mächtig, wenn die Wäsche gekocht und ausgewrungen wird. Schnell biege ich um die Ecke, in das Gässchen, auf das Haus meiner Großeltern zu.
Aber was ist denn das, da steht ja ein Auto?! Vorne ist es rundlich und hinten hat es ein Fensterkreuz: Das ist ein VW Käfer, er ist hellbraun! Und den kenne ich gut, denn es gibt nicht viele Autos bei uns in Dromersheim. Dieser gehört Frau Rudolph aus Aspisheim! Sie kommt immer zu meinem Vater in die Werkstatt, um ihre Schuhe neu zu besohlen oder um sich neue Absätze machen zu lassen. Dabei wartet sie oft bis die Reparatur fertig ist. Immer hat sie ein gutes Wort oder ein „Gutsje“ für mich. Die Leute im Ort nennen sie aber nicht Frau Rudolph, sondern sie sagen einfach: „die Hebamm „.
Neugierig gehe ich auf ihr Auto zu und steige auf das Trittbett, um hinein¬zuschauen: Einen großen geflochtenen Waschkorb sehe ich da. Doch Waschtag, mh? Aber was macht Frau Rudolph dabei? Neugierig öffne ich das Tor zum Hof: Die Waschküche ist zu, keine Dampfwolken, kein Ge¬lächter, der Holzdeckel auf der Regentonne ist geschlossen.
Durch das kleine Fenster sehe ich Frau Rudolph in der Küche sitzen. Sie hat ein fein geschnittenes Gesicht und ihre Haare trägt sie seitlich mit einem Kämmchen eingeschlagen. Aber Waschtag ist keiner, der Wäschekorb in ihrem Auto war auch leer, seltsam! Langsam öffne ich die Haustüre und gehe in den Flur. Der dunkle Stein-Fußboden, in dessen Mitte ein weißer Stern eingearbeitet ist, ist blitzblank. Die Küchentür ist offen, Frau Rudolph sitzt am Küchentisch und hat einen Suppenteller vor sich. Sie ruft mich beim Namen, ich gehe hin, sage ihr „Guten Tag!“. Sie schaut mich freundlich an.
Und dabei sehe ich, was sie da in ihrem Teller hat: Buchstabensuppe!!! Die kocht meine Großmutter doch nur für mich! Und ich darf dann immer raten, welche Buchstaben das sind: A, B oder C. Aber wieso isst Frau Rudolph meine Buchstaben-Suppe?! Suchend schaue ich mich um. „Deine Mama ist oben im Schlafzimmer von deiner Großmutter“ sagt Frau Rudolph. „Und geh mal hinauf, da wartet eine große Überraschung auf Dich!“.
Ich renne auf die Holztreppe zu und gehe hinauf. Die Treppe glänzt und duftet vertraut nach Bohnerwachs. Durch ein kleines Fenster über der Treppe kommt Licht herein und ich sehe die grauen Tontöpfe aufgereiht auf dem weiß gemauerten Treppensims stehen. Nichts ist zu hören, alle Zimmertüren sind geschlossen, auch die Tür zum Dachboden. Dort gibt es viele Geheimnisse und wenn die Sonne durch die Ziegel scheint, dann glänzen die Spinnweben unter den Dachziegeln wie silbrige Fäden. In den Kisten finden sich immer interessante Sachen: altes Spielzeug, ein Kaufladen, ein Bauernhof, Porzellan-Puppen, aber auch Hüte und Kleider. Aus Amerika sagte Mama. Auch der Schlitten für den Winter, das Schaukelpferd, eine Wiege und mein Kinderbettchen stehen dort. In das Bettchen passe ich nicht mehr rein, deshalb habe ich zum 5. Geburtstag ein neues bekommen.
„ Mama!? “ ruf ich. Aber nicht Mama, sondern Tante Lisabeth kommt aus dem Schlafzimmer: „ Pssst, ganz leise sein, Aloisia!“ Sie nimmt mich bei der Hand. Aber was ist denn das? Mama liegt in dem Bett meiner Großmutter und schläft! Und daneben steht ja jetzt mein altes Kinderbettchen!? Und ich sehe unter der kleinen Bettdecke oben und unten ein Köpfchen. Staunend schaue ich hin: Das sind ja zwei richtige „Bobbelcher“! Eines mit einem rosa Mützchen, das andere mit einem blauen! Die kleinen Fäustchen liegen oben neben ihren Köpfchen und ich sehe die winzigen Fingerchen. Verwundert schau ich auf.
„Schau, heut‘ hast Du zwei Geschwisterchen bekommen“, sagt Tante Lisabeth. Frau Rudolph hat die Kinder mit Deiner Mama zusammen aus dem Boomere Brünnelche geholt, dort wo die kleinen Kinder herkommen!“
Und sie sagt, ich müsste ganz leise sein. „Sie schlafen und die Mama auch nach der schweren Arbeit“. Aha! Also deshalb der leere Wäschekorb im Auto von Frau Rudolph. Sprachlos schaue ich mich langsam um. Vor dem Fenster steht ein Tisch mit einer weißen Wolldecke und Jäckchen, Hemdchen und Windeln, alles ganz zart, weiß, rosa und hellblau. Und kleine Döschen und Fläschchen. Tante Lisabeth arbeitet doch beim Bäcker im Laden und hilft in der Backstube. Oft hole ich dort Brot und manchmal darf ich auch Zwetschgen dorthin bringen für den Blechkuchen. Nun geht sie hier leise hin und her. „Am besten gehst Du jetzt wieder runter in die Küche und lässt Dir ein bisschen Suppe geben“ sagt sie. Und bald kommt sicher dann auch Dein Papa, der ist ja heute Morgen mit dem Motorrad nach Mainz gefahren, um neues Leder einzukaufen.“
Ach ja, Frau Rudolph, die Suppe und mein Papa! Leise gehe ich die Treppe hinunter. Nicht nur auf die Buchstaben-Suppe, auch auf meinen Papa freue ich mich jetzt sehr!!! Ich muß ihm sofort erzählen, was passiert ist. Und da steht er plötzlich atemlos in der Eingangstür, hat noch seine Motorradkappe auf und seine Fischgrätenjoppe an. Und: Er hat die Neuigkeit schon am Kutschereck gehört! Mit einem Satz schnappt er mich, ich lege meine Arme um seinen Hals und schon läuft er mit mir die Treppe hinauf. Als wir oben ankommen und er die kleinen Zwillinge sieht und Mama, immer noch tief schlafend, rinnen ihm die Tränen die Backen hinunter; ich werde ganz nass. „Warum weinst Du Papa?“, frage ich. Er schluchzt, als ihm die Tante Lisabeth die Hand gibt und ihm gratuliert. Dann reden sie ganz leise. Ich verstehe, dass der Doktor Schinke gleich noch mal käme und auch die Hebamm‘ käme jetzt jeden Tag um nach Mama und den kleinen Zwillingen zu schauen!! Die wären zwar klein, aber ganz gesund. „Gott sei Lob und Dank“, sagt Papa und hat immer noch Tränen in den Augen.
„Wie sollen Sie denn nun heißen, Schoh, die Zwei?„ fragt jetzt leise meine Tante. „Hermelinde hatte Gertrud oder Walter ausgesucht“, sagt er. „Na“, antwortet sie darauf: „Dann habt Ihr ja jetzt eine Gertrud und einen Walter!“.
Papa drückt mich fest: „ Ja, jetzt haben wir drei Kinder: Dich und die Zwillinge. Sie wären zwar noch klein, aber wir würden sie schon groß kriegen: Das hätt‘ die Hebamm‘ gesagt!
Aloisia Spitaler, geb. Kronebach, Darmstadt
Auszug aus der Schreibwerkstatt in Sarns/Brixen, Südtirol Oktober 2005:
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