Die Dorfschelle
Nummer 24 - Ausgabe Dezember 2006
Sankt Martin
Der 11. November ist der Namenstag von Martin und geht zurück auf den hl. Martin von Tours. Mundartlich war es der Märdesdaach.
Er war zugleich ein Stichtag, zu dem alle Zahlungen für Pachten, insbesondere Handwerkerrechnungen usw. fällig wurden. Beim Schmied, Schlosser oder Wagner wurden das ganze Jahr über die Leistungen angeschrieben, z.B. für die Hacke (Haah) zu schärfen. Das Feuer in der Esse wurde zum Glühen gebracht, die Hacke in die glühende Kohle eingetaucht, anschließend das ebenfalls dann glühende Eisen der Hacke auf dem Amboss getrieben (durch Hammerschlag an der Schneide dünner, schärfer gemacht) und anschließend im Wasserbad wieder gehärtet. Dieses „Haahscherffe“ kostete 20 Pfennig und kam zu den bisherigen Anschreibungen dazu. Der Wagner schärfte die Stocksäge oder auch Fuchsschwanz genannt, Axt oder Beil wurde eingemacht (neuer Stiel) und dafür 10 Pfennig berechnet. Auch bei größeren Reparaturen, neuen Rädern oder der Bau eines neuen Ackerwagens wurde mitunter bis zum Märdesdaach aufgeschrieben.
Hintergrund für diesen Jahreszahltag waren die erst nach den Ernten vorhandenen Gelder aus Äckern und Weinbergen. Die Weinlese war frühestens Mitte Oktober abgeschlossen. Dann begann erst die Kartoffel- und Rübenernte. Bevor man das Getreide verkaufen oder als Mehl zum Bäcker für Brot bringen konnte, musste es ja zunächst gedroschen und gemahlen sein.
Auf einen „Sack“ (Doppelzentner bzw. 100 kg) Mehl bekam man beim jeweiligen Bäcker gegen Entrichtung eines Backlohnes (in den 50er Jahren 30 Pfennig) 66 Brote. Gebacken wurden 4 Pfund-Brote; Basis waren 3 Pfund Mehl zuzüglich Sauerteig, Wasser und sonstige Zutaten. 1 DZ Weizen kostete zwischen 62 und 64 DM, 100 Kilo Roggen brachten zwischen 58 und 62 DM. Aus 100 Kg Getreide ergaben sich 66 Kg Mehl. Mit dem heutigen Kilopreis des Brotes kann man dann leicht einen Preisvergleich vornehmen.
Bei schlechten Ernten saßen die Handwerker mit im Boot der schlechten Einkommen und mussten sich unter Umständen bis zum nächsten „Märdesdaach“ gedulden.
Ein anderer Märdesdaach war der 11. November 1938, es war nicht unbedingt der Tag des hl. St. Martin, des Bischofs in Tours. An diesem Tag fuhr ich (18 Jahre) am frühen Morgen mit meiner Mutter nach Mainz zum Besuch meiner Tante. Auf dem Weg vom Bahnhof in die Goethestraße kamen wir an der Synagoge vorbei, die lichterloh brannte. Die Feuerwehr war mit Strahlrohren vor Ort, jedoch löschte sie nicht. In der Stadt war die Hölle los. In der Schusterstraße bzw. Flachsmarkt befand sich die Firma Teppich Ganz. Dort flogen durch die Fenster aus dem ersten und zweiten Stock Büromöbel, Schreibmaschinen etc.. Bei einem ganz in der Nähe befindlichen Buchladen waren die Schaufenster-scheiben eingeschlagen. Die Bücherregale wurden umgeworfen, das gesamte Mobiliar zertrümmert. Die weitere Entwicklung ist bekannt.
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