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Die Dorfschelle
Nummer 24 - Ausgabe Dezember 2006
Die Schulgass
Die Schulstraße in den 20er und 30er Jahren
Bei näherer Betrachtung der Bewohner der Schulstraße in diesem Zeitraum könnte man glatt von der Aspisheimer Gewerbestraße sprechen. Zum besseren Verständnis muss hinzugefügt werden, dass diese Gewerbetätigkeiten allein nicht die Familie ernähren konnte. Vielmehr war es so, dass daneben noch der eine oder andere Weinberg und Acker nebst Pflanzfeld bearbeitet wurde, manchmal stand auch noch Vieh im Stall. Interessant ist jedoch die Gewerbestruktur.
Die damalige örtliche Hausnummerierung war fortlaufend durch den ganzen Ort und nicht Straßenweise wie heute. Unser Haus hatte die Nr. 144, heute Hauptstraße 22. Der Teil der heutigen Hauptstraße vom alten Rathausplatz bis zur heutigen Untere Pforte wurde vorher mit Untere Pforte bezeichnet, vom alten Rathausplatz bis zum Bingerweg war die Obere e Pforte. Wie aus der Namensgebung leicht erkennbar, waren dort am jeweiligen Straßenenden Pforten des Dorfes. Bereits vor 1933 wurde sowohl die Untere als auch die Obere Pforte in Hauptstraße umbenannt. Zu Beginn des 1000-jährigen Reiches wurde die Hauptstraße nach dem neuen Ehrenbürger der Gemeinde in Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Unser heutiger Germaniaplatz wurde dabei gleichzeitig nach dem weiteren neuen Ehrenbürger in Hindenburgplatz umbenannt.
In dem heutigen Haus Schulstraße 2 befand sich die Schmiede von Schmiedemeister Friedrich Dern, Großvater von Hans Wilhelm Dern, Steingasse. In der Schmiede ( in’s Dern's Schmidd ) hing noch der große Blasebalg über der Esse an der Decke. Mit der Hand gezogen brachte er die Kohlen zur Heißglut, dass das Eisen mit dem schweren Hammer bearbeitet werden konnte. Wenn der alte Schmied mit dem Hammer zuschlug, dann krokste (schnaufte, stöhnte) er jedes Mal. Wenn im Spätjahr die Feldarbeit und die Weinlese beendet waren, dann war Winterpause. Man traf sich dann in den Werkstätten der Handwerker und sah zu, was gerade in Arbeit war. So war auch einmal ein kleiner Viehhändler dabei. Er sah eine Weile zu, dann sagte er, warum krokst du bei jedem Schlag? Wenn ich nicht krokse dann fliegt der Hammer weg. Kroks doch mal nicht, so der Viehhändler. Dern krokste mal nicht und der Hammer flog dem Viehhändler an den Bauch. Nu, dann kroks halt weiter!
Schräg gegenüber, Ecke Schulgass/ Dörrgasse, war die Metzgerei von Jean Klein, heute Poso. Bei ihm holten wir Kinder oft für 10 Pfg. Fleischwurst und beim Bäcker Balz oder Webler für 6 Pfg. einen Weck. Das war dann das Schulpausenbrot. Als ein Landstreicher einmal zum Metzger kam und für 5 Pfg. Fleischwurst wollte sagte er, unter 10 Pfg. nicht. Dann schneide für 10 Pfg. ab aber teile es in der Mitte durch. Er legte 5 Pfg. auf die Theke, nahm die Hälfte und ging.
Auf der anderen Seite des Schlachthauses, in der Dörrgasse, hatte Schneider Hoch seine Schneiderstube, heute Garagenfläche. Er hatte schon eine Nähmaschine, doch vieles musste noch mit der Hand genäht werden. Wenn z.B. ein Hochzeitsanzug in Arbeit war, dann saßen 2 Gesellen mit Nadel und Faden im Schneidersitz auf dem großen Zuschneidetisch. Für einen kompletten Anzug, zum großen Teil in Handarbeit, waren viele Arbeitsstunden erforderlich. Oft, wenn die Zeit knapp wurde und praktisch schon Hochzeitglocken läuteten, war er noch beim Bügeln. Es war dann höchste Eisenbahn. Aber der Anzug kam immer noch rechtzeitig und es war sogar noch Zeit, um den Hochtzeitswein zu probieren. Der gemeindeeigene Bullenstall war im selben Haus. Hier versorgte der von der Gemeinde angestellte Bullenwärter 2 Bullen und einen Ziegenbock. Im Haus oberhalb der Metzgerei Klein (Schulstraße) war das Kolonialwarengeschäft von Anna Hieronymus, ess Annaache genannt. Beim Annaache gab es alles auf engstem Raum. Supermärkte gab es nicht, das nächste Kaufhaus war in Mainz mit Namen Tiez (heute Kaufhof) in der Schusterstraße.
Das nächste Haus war bis 1912 ein Schulgebäude. Hier waren noch die Lehrerwohnungen bis in die 20er Jahre. Der Lehrer meiner Mutter, Lehrer May, von dem viele Geschichten und Anekdoten erzählt wurden, wohnte hier. Auch Lehrer Jakob Keller hatte seine Wohnung in diesem Haus. Der Binger Zahnarzt Krenz hatte dort auch ein Behandlungszimmer eingerichtet. Die Gemeindeschwester und Kindergartenleiterin, Schwester Anna, wohnte ebenfalls hier und hatte einen Raum, in dem sie Verletzungen und kleine Wehwehchen behandelte. Sie wohnte dort bis 1940. Anschließend war dann, bis Kriegsende, das so genannte Landdienstlager untergebracht. Hier wohnten junge Mädchen, die tagsüber in verschiedenen Haushalten, im Feld und Haus helfen mussten. Nicht allen, die meist aus der Stadt kamen, schmeckte die Arbeit. Dafür ging es aber am Abend oft lustig zu. Einige Aspisheimer könnten heute noch so manche Begebenheit aus dieser Zeit erzählen. Im Haus nebenan, im Dörrgässchen beim Enk, konnte man kleine Schweine (Ferkel) bestellen. Er war Makler für den Schweinehändler Donau, der regelmäßig in den Ort kam. Es gab ja fast kein Haus, in dem nicht ein oder mehrere Schweine für die Hausschlachtung gefüttert wurden. Gefüttert, nicht mit Fertigfutter, sondern mit fast täglich gekochten Kartoffeln, Schrot und Kleie.
Im übernächsten Haus wohnte Johann Albert Huff. Er war Landwirt und Winzer und Mitbegründer der freiwilligen Feuerwehr Anfang der 30er Jahre und lange Zeit deren Kommandant.
Im Haus schräg gegenüber hatte Phil. Baußmann bis 1927 sein Friseur und Kolonialwarengeschäft. Als er dann in seinen Neubau in der Germaniastraße umgezogen war, hatte der Tüncher und Malermeister Peter Porr hier seine Wohnung und Werkstatt. Im selben Haus, im Nebenbau, war noch die Schuhmacherei von M. Graf.
Im Haus schräg gegenüber war das Kolonialwarengeschäft meiner Eltern. Mein Vater war Friseur. Und da die meisten Kunden nur wöchentlich zweimal zum rasieren kamen, hatte er noch Zeit für weitere Beschäftigung. Er fuhr mit dem Fahrrad in die umliegenden Orte und nahm Bestellungen auf, die er danach mit dem Fahrrad mit großem Gepäckträger auslieferte. Das waren Arbeitshosen, Hemden, Schuhe und alles, was in Hof und Feld gebraucht wurde. Die Textilien wurden in Mainz bei verschiedenen Großhändlern eingekauft, die die Pakete an die Bahn brachten und dann ging es bis nach Gaulsheim, wo der Binger Bus auf den Zug aus Mainz wartete. Die Schuhe wurden in Bingerbrück bei einem Onkel, Bruder meines Großvaters mit Namen Jakob Schmidt, eingekauft, der dort ein Schuhhaus mit Schuhmacherei eröffnet hatte. Seine Söhne, Heinrich und Fritz, eröffneten dann in den 30er Jahren das Schuhhaus Schmidt in Bingen, Kapuzinerstraße. Sein Urenkel Thomas Schmidt holte bei der Olympiade 2000 in Australien eine Goldmedaille im Einer-Kanu. Im nächsten Haus hatte Johann Enk seine Schuhmacher-Werkstatt. Als Kinder saßen wir oft bei ihm und sahen zu, wie er mit Ahle und gepechtem Faden Riester (Flicken) aufnähte oder neue Ledersohlen mit Holzstiften aufnagelte.
Gegenüber war ein kleines Haus, in dessen Keller der Eingang zu einer Höhle war. Sie war mit einer Tür verschlossen. Man konnte nur ein paar Meter hineingehen, da sie zusammen-gefallen war. Man nannte sie Schinderhanneshöhle. Aber die Höhle war viel älter als der Räuberhauptmann Johannes Bückler, Schinderhannes genannt. Nachdem das Haus über der Höhle abgerissen war, baute 1934 der Schlosser Karl Schleif, auf diesem Grundstück ein Wohnhaus und eine Werkstatt. Er war auch der Wassermeister der Gemeinde.
Im nächsten kleinen Haus wohnte der Schneider Eckert. Ein Haus weiter hatte Philipp Hieronymus seine Klempnerwerkstatt. Er lötete nicht nur Löcher in Eimern, Kochtöpfen, Bettflaschen usw., er wurde auch gerufen, wenn das Licht nicht brannte oder eine neue Lampe installiert werden sollte. Er war ein Mann für alle Fälle.
Es gab wenig Geräte, die mit Strom betrieben wurden. Erst in den 30er Jahren machte der Stromlieferant, das EWR in Worms, dafür Werbung. Im Saal Butz wurden die neuesten Geräte vorgeführt. Das Motto hieß: „Strom kommt sowieso ins Haus, drum nütz ihn aus“. Heute macht das EWR Reklame wie man Strom spart. Das ist genau so, wenn ein Schuhmacher sagen würde: „lauf barfuss, schone deine Schuhe“.
Polizeidiener Jung hatte sein Haus auf der anderen Seite. Mit der Dorfschelle machte er nicht nur Amtliches bekannt, sondern auch Privates. Polizeigewalt hatte er auch, wenn jemand in Gewahrsam zu nehmen war, z.B. Obdachlose, die hier übernachten wollten. Im alten Rathaus war eine verriegelbare Kammer mit Pritsche und Stroh, in die sie dann bis zum Morgen eingeschlossen wurden. Es gab aber auch Schöneres in seinem Amt. Zum Beispiel an den vielen Stellen, an denen er die Bekanntmachungen verlas, stand ein gefülltes Glas natürlich mit Wein für ihn bereit. Es konnte vorkommen, dass zum Schluss seiner Bekanntmachungsrunde die Zunge schwer wurde. Auch Hochzeiten waren eine schöne Abwechslung. Das fing schon an, wenn er das Aufgebot am Rathaus in den Puplikationskasten hängte. Je schöner er es schmückte, je besser wurde der Wein. Wenn es auch an normalen Werktagen bei seinen Bekanntmachungsrunden nur Haustrunk gab, so gab es bei diesen Festen, bei denen er traditionell auch die Hochzeitsgesellschaft anführte, nur " Guten".
Nach der alten Schule, heute Rathaus, wohnte ganz oben der ehem. Bürgermeister Scholl. Er muß ein guter Bürgermeister gewesen sein, denn sein Sohn (Spitzname Vize) brachte manchen nachfolgenden Bürgermeister zur Weißglut, wenn er mal wieder sagte: mei Vadder hat das sooo gemacht.
Peter Rudolph
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