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Die Dorfschelle
Nummer 24 - Ausgabe Dezember 2006
Willi vom Eimer
Eine wahre Geschichte aus dem November 1946
Der Krieg war aus. Die Reichsmark war im Eimer. Sie hatte ihre Kaufkraft verloren. Aber man konnte ja sowieso nichts dafür kaufen, es gab ja nichts. Also, hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.
Brennholz konnte man ohne Geld im Binger Wald holen. Oberhalb Bingerbrück, am Rheinberg, war der Wald durch Bomben beschädigt. Man konnte die angeschlagenen Bäume selbst fällen. Der Förster, der die Aufsicht hatte, wohnte in Aspisheim und musste oft beide Augen zudrücken, wenn er sah, dass so mancher gesunde Baum gefallen war. Wenn man Brennholz hatte, dann konnte man auch im großen Wasch- und Schlachtkessel aus Zuckerrüben " Drurie " kochen. Drurie war nicht nur Brotaufstrich, sondern auch Zuckerersatz. Der Kessel wurde auch gebraucht, wenn schwarz (ohne Genehmigung mit Ablieferungspflicht) geschlachtet wurde oder wenn Schwarzbrenner aus Weinhefe, vergorenem Obst o.ä. Schnaps brannten. Wenn dann verschiedentlich Laien am Werk waren und verschiedene Methoden ausprobierten, dann konnte das auch in die Hose, oder besser gesagt, an die Zimmerdecke gehen.
Wenn man sich abends abwechselnd bei Bekannten und Freunden in geselliger Runde traf, dann trug jeder etwas Naturelles zum Gelingen des Abends bei. Das konnten Wurst, Wein, Schnaps aus eigener Herstellung oder ein paar Scheite Holz für eine warme Stube sein. Man hatte sich damals viel zu erzählen. Fernsehen gab es ja noch nicht. In vorgerückter Stunde hatte so manch einer ein drückendes Bedürfnis. Das Häuschen mit dem Herz in der Türe war im Hof neben der Mistkaut. Und wie das oft so ist, wenn Zwei dasselbe wollen, blieb Willi nur der Eimer, der daneben stand. Kurt, der immer dabei war, wenn's nichts kostete, aber sonst ein guter Unterhalter war, nahm so Manchen auf den Arm und erzählte immer öfter von Willi auf dem Eimer.
An einem der nächsten Abende hatte Kurt nicht nur zu viel getrunken, sondern auch zuviel gegessen; soviel, dass es überlief. Das geschah dann vor dem Haus mit lauten Geräuschen über der Gosse. Willi hörte das und dachte an Rache. Er war damals als Schreibkraft auf der Bürgermeisterei. Er entdeckte einen leeren Briefumschlag mit dem Absender Amtsgericht Bingen. Er setzte sich an die Schreibmaschine und schrieb Kurt eine Vorladung betreffs:
Erregung öffentlichen Ärgernisses
und ausstoßen unartikulierter Geräusche
Unterschrift Amtsgericht Bingen
i.V. Willi vom Eimer
Der Brief wurde mit der Post zugestellt. Kurt bekam es mit der Angst zu tun, als er den Absender las. Erst als er das Papier mit der Unterschrift las, fiel ihm ein Stein vom Herzen.
Peter Rudolph
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