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Die Dorfschelle
Nummer 25 - Ausgabe Dezember 2007
Aspisheim über drei Jahrhunderte
(aus Erzählungen und selbst Erlebten)
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, 1873, wurde mein Großvater Peter Schmidt in Sargenroth im Hunsrück geboren. Er erlernte das Wagnerhandwerk und kam als Geselle nach Aspisheim. Hier arbeitete in der Wagnerei von Wilhelm Geyer in der Kirchstraße. Er heiratete die Susanne Köberlein (meine Großmutter) und machte sich selbständig. Seine Werkstatt hatte er in der Dörrgasse am Ende der Schlossergasse, heute Friseursalon Frei. Durch die Schlossergasse ging damals noch der Dorfgraben. Über den Dorfgraben machte Peter, de Wooner Pere , wie er im Dorf genannt wurde, einen Steg. Über den Steg konnte man nun direkt auf die Chaussee, heute Germaniastraße, laufen. Auf dem Steg konnten auch größere Hölzer, wie sie in der Wagnerei gebraucht wurden, bearbeitet werden. Elektr. Maschinen hatte er noch nicht. Spannsäge, Beil, Hobel und eine mit dem Fuß angetriebene Drechslerbank waren die Hauptwerkzeuge.
1997 kam seine erste Tochter Maria (meine Mutter) zur Welt und bis 1911 folgten noch 6 Kinder. In dieser Zeit kaufte er sein Haus in der Steinstraße. Hier hatte er nun auch elektr. Strom und die Wasserleitung. Aspisheim war auch damals schon fortschrittlich und baute schon 1996 eine Wasserleitung.
Nach dm 1. Weltkrieg, den er als Wachsoldat im Mainzer Bahnhof mitmachen musste, wurde der erste Elektromotor in der Werkstatt installiert. Über eine Transmission wurde die Drechslerbank mit einem Bohrer und eine neu Bandsäge angetrieben. Später kam noch eine Apfelmühle, auf der im Lohnverfahren Äpfel und Birnen gemahlen wurden, dazu. Auch in Aspisheim wurde Apfelwein getrunken. Damals gehörten wir als Rheinhessen auch zu Hessen.
1920 am 12. Oktober, mitten in der Weinlese, kam der Wagnermeister. Landwirt und Winzer am frühen Morgen ganz außer Atem in den Wingert gelaufen und verkündete, wir haben unseren ersten Enkel. Das war ich.
Bis Ende 1923/24 habe ich kaum Erinnerungen. Ich weiß nur noch, dass wir mit Millionen gespielt haben. Eine Münze über 5 Millionen habe ich heute noch. Damals druckte jedes Land sein eigenes Geld.
Nach 1924 wurde dann wieder mit dem Pfennig gerechnet. 1925, mit 4 Jahren, war ich der Jüngste im Turnverein 1861 (heute bin ich der Älteste). Geturnt wurde auf dem Turnplatz. Der war hinter der neuen Schule, heute Kindergarten. Mitten auf dem Platz stand ein großer Baum, in dem eine Seite der Reckstange eingelassen war. Der Barren war ganz aus Holz.
Hinter dem Turnplatz war die Bleiche. Hier konnte man seine Wäsche bleichen und Wasser zum begießen an einem Wasserhahn holen. Der Hahn war nur mit einem bestimmten Schlüssel, den man beim Bürgermeister kaufen konnte, aufzudrehen.
1926 baute der Turnverein 1861 die Turnhalle. Jetzt konnte der Turnbetrieb unter Dach und im Winter in der beheizten Halle betrieben werden. Auf der Bühne der Halle wurden jährlich Theaterstücke von Turnverein und Gesangverein aufgeführt. Der Gesangverein brachte mehrmals Operetten zur Aufführung. Chorleiter war Herr Kost aus Horrweiler.
Die erste Bühnendekoration, sowohl vor als auch auf der Bühne, malte der „ Alleskönner“ Adam Weinmann Er konnte nicht nur malen, er fuhr auf See, baute Schiffe in einer Flasche, reparierte Waffen, fuhr eine Feldlokomotive, brachte jede Nähmaschine und jedes Schloss in Ordnung. Mit seinem Motorrad fuhr er unfallfrei fischen, auch wenn er einige Halbe getrunken hatte. Er konnte gut Witze erzählen usw., usw.
Nach Ostern 1927 war mein erster Schultag. Wir waren ein Nachkriegsjahrgang und zählten 20 Kinder, 10 Buben und 10 Mädchen. Lehrer Jakob Keller unterrichtete die Klassen 1 bis 4 in der neuen Schule (heute Kindergarten, s. Beitrag Gemeinderat). In der alten Schule (heute Rathaus) waren die oberen Klassen. Hier war der junge Lehrer Heinz Koch, der mit Zuckerbrot und Peitsche lehrte. Die Peitsche war ein langer Haselnussstock, der diente in erster Linie als Zeiger für die große Landkarte an der Wand.
In zweiter Linie zum bestrafen, mit festen Schlägen auf das Hinter-teil. Das war nur selten der Fall und es mussten schon schwere Untaten dem Lehrer bekannt werden. Das war zum Beispiel, wenn Vogelnester ausgehoben wurden, Kirchenfenster eingeworfen oder auch wenn Pfarrer, Lehrer Bürgermeister u.s.w. nicht gegrüßt wurden Zum Gruß musste mit einer leichten Verbeugung auch die Mütze abgenommen werden.
Das Zuckerbrot war, dass bei ihm das Lernen leicht gemacht wurde. Es wurde nicht nur theoretisch, sondern vieles praktisch gezeigt. Nachdem er Glasbläserutensilien angeschafft hatte, zeigte er, wie Glas gebogen und Gärtrichter daraus gemacht wurden. Nachdem die in der Naturlehrestunde gesuchten Brombeeren vergärt waren, wurden sie zu Alkohol gebrannt. Der gewonnene Alkohol brannte nicht nur auf der Zunge, sondern angezündet auch lichterloh. In den Pausen oder Freizeit war er ein echter Kumpel der Schüler. Bei einer Schneeballschlacht lag er am Boden und wurde mit Schnee bombardiert. Es wäre für Aspisheim und auch für ihn besser gewesen, Lehrer in Aspisheim zu bleiben. Aber er glaubte damals an das Neue. Er trat in die N.S.D.A.P. ein Die Kariereleiter zeigte schnell nach oben. Rektor an der Berufsschule Bingen, dann Direktor an der Adolf-Hitler-Schule in Mainz, danach Offizier der Wehrmacht und dann das dicke Ende. Im Lager hatte er Zeit zum Nachdenken, was er alles falsch gemacht hatte. In Bad-Neuenahr in einem Heim verbrachte er seine letzten Jahre, wo ihn eine seiner ersten Aspisheimer Schülerin noch besuchte.
1930 war in Aspisheim ein großes Turnfest mit allem was damals dazu gehörte. Ein Festessen gab es für 5 und mehr Gastturner bei vielen Gastgebern. Nach dem Essen ging der Festzug durch die mit Grün und Fahnen geschmückten Ortsstraßen. Das Besondere an diesem Fest war, dass auf allen Urkunden stand: „Im Jahre der Befreiung der Rheinlande“. Nach dem Versailler-Vertrag war das Rheinland besetzt mit Soldaten aller Hautfarben. Heimlich sangen wir: Warum ist es am Rhein nicht schön, weil der Franzmann, das Luder, am Rhein hat das Ruder, darum ist es am Rhein nicht schön.
Dass die Besatzung früher endete war dem damaligen Reichskanzler und Außenminister Stresemann zu verdanken. Nachdem er 1929 verstorben war, baute Mainz ihm zu Ehren ein Denkmal. Es war ein Pavillon aus Stein und stand am Fischtor. Nach 1933 war der Pavillon über Nacht verschwunden und es wuchs Gras an der Stelle wo es stand. Er war halt nicht in der richtigen Partei. In einem Lexikon von 1939 steht: Gustav Stresemann gründete die Volkspartei und war Reichskanzler und Außenminister bis 1929. Er war jüdisch versippt und Freimaurer.
Was ich im 3. Reich (dem tausendjährigen) und danach erlebt habe, darüber werde ich in der nächsten Dorfschelle berichten.
Peter Rudolph
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