Die Dorfschelle
Nummer 25 - Ausgabe Dezember 2007
Aus der Tanzstundenzeit in den 50ern
Lang vergessen ist die so genannte Tanzstundenzeit. Nach der Entlassung aus der Volksschule stand die Vorbereitung auf das „gesellschaftliche Leben“. Für die jährlichen Tanzvergnügungen in den Sälen Butz und Turnhalle bedurfte es der guten tänzerischen Vorbereitung, also der Besuch einer Tanzschule. Bereits in der 2. Generation war die Familie Staab aus Mainz in Aspisheim im Saal Butz präsent. Dromersheimer, Ober-Hilbersheimer oder wo her sie immer je nach Fahrmöglichkeit kamen verstärkten die Runde. Mit dem Abschlussball konnte man dann seine tänzerischen „Qualitäten“ der Öffentlichkeit darstellen. So manche Amouren begleiteten die Tanzstunde, die sich auf dem Nachhauseweg dann nicht unbedingt tänzerisch fortsetzte. Es ging auch um „Benimm“ rund um den Tanz, wie dem nfolgenden Beitrag aus einem Begleitbuch zu entnehmen ist.
Darf ich bitten?
Auffordern reicht ihm unumstritten
die kurze Frage: „Darf ich bitten?“
Ist aber noch Begleitung da –
ihr Mann, die Mutter, der Papa –
vergiss vorweg die Frage nie:
„Ist es erlaubt? – Gestatten Sie?“
Die junge Dame schreitet dann,
dir knapp zum Tanzparkett voran.
Der ält’ren reich’ den Arm galant,
weil sie’s von jeher so gekannt.
Die gute Schule Du bezeugst,
wenn Du Dich jetzt nochmals verbeugst.
Auch nach dem Tanz vergiss es nie;
erst dann zum Platz geleite sie
und danke ihr (und auch den andern);
dann erst darfst Du von hinnen wandern.
Die Führung ist des Herren Recht,
ob er nun gut tanzt oder schlecht.
Als Gegendienst hat er die Pflicht –
davor schützt selbst ihr Fehl-Tritt nicht –
stets um Entschuldigung zu bitten,
wenn bei besonders kühnen Schritten
er sie – versteht sich – aber auch,
wenn sie ihn tritt. Ein schöner Brauch!
Stößt man ein and’res Paar mal an,
was schon einmal geschehen kann:
nicht er „Verzeihung!“ voll Geduld.
Sie lächelt selbst in Schmerzen Huld
und leistet auf den Fluch Verzicht,
ob Absatz oder Knöchel bricht.
Wir haben bisher angenommen,
dass stets die Dame mitgekommen.
Sie muss es nicht – kann „ab Dich weisen“.
Dann heißt’s für beide: Nicht entgleisen!
Sie sagt nicht spitz: „Nein, danke sehr!“ –
Nein, freundlich, noch ein Wörtchen mehr.
Mit obigem kann man bestehn,
will irgendwo man tanzen gehen.
Beim Feiern im geschloss’nen Kreis
fährt gut, wer zu beachten weiß:
Dort wird die Sitte fortgepflegt,
dass jeder jede mal bewegt.
Respekt und Alter gehen vor –
zuletzt der jüng’ren Damen Flor.
Die Dame dankt so gut wie nie –
es sei denn, ein gebroch’nes Knie,
Erschöpfung, fast der Ohnmacht nah,
das Alter einer Omama –
kurzum, ein Grund, der nicht verstimmt,
dem Nein den bitt’ren Stachel nimmt.
In diesem Falle bittet gern
die Dame an den Tisch des Herrn
zu plaudern, bis der Tanz verklungen.
und dann wird nicht gleich aufgesprungen!
Mit diesen Regeln ausgerüstet,
kann er – sooft es ihn gelüstet –
zum Tanzen starten; nur allein
in einem Falle darf’s nicht sein:
Wenn eine Dame nur am Tisch,
ob sie nun Engel oder Fisch,
geziemt es, freundlich so zu tun,
als würden and’re Wünsche ruhn.
Dafür darf er den Weg zum Ball –
gesetzt natürlich stets den Fall,
dass er den Eltern vorgestellt –
an „ihrer“ Seite schön’rer Welt
auch ganz allein durchschreiten.
Bei Kälte und bei Regenzeiten,
bei langem Weg sei nicht gespart
mit schonungsvoller Droschkenfahrt.
Ein kleines An-, kein Mordsgebinde
in Blumen „ihre“ Note finde.
Die Dame, die Du hingebracht,
geleit’ zurück auch in der Nacht
und achte Takt und Höflichkeit
erst recht dann in der Dunkelheit.
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