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Die Dorfschelle
Nummer 26 - Ausgabe Dezember 2008
Aspisheim über drei Jahrhunderten
(Fortsetzung aus Dorfschelle Ausgabe 25 von 12.2007)
Der Turnverein 1861 hatte 1926 seine Turnhalle gebaut. Hier war die halbe Einwohnerschaft beteiligt, Ausschachten, Sandfahren, Beton mischen und das alles in Handarbeit. Der Sand wurde hier in der Sandkaut gegraben und mit Ackerwagen angefahren. Die Finanzierung erfolgte durch Zeichnung von Anteilen durch die Mitglieder, die dann nach und nach wieder zurückgezahlt wurden. Ein Darlehen von der damaligen Landesbank Darmstadt (wir waren ja Hessen) über 50.000 Reichsmark musste in 50 Jahren, also bis 1976, zurückgezahlt werden. 1947 noch vor der Währungsreform, sagte der damalige Vorsitzende Jakob Hieronymus, schreib doch einmal an die Bank, ob das Darlehen nicht vorzeitig (mit Inflationsgeld) zurückbezahlt werden kann. Die Bank sagte ja und die Turnhalle war bezahlt.
Warum hat nur die halbe Einwohnerschaft („das halbe Ort“) die Turnhalle gebaut? Im Ort gab es zwei Parteien, „Wohl“ und „Weh“. Nachdem nun Wohl“ die Turnhalle gebaut hatte, gründete „Weh“ den Turn- und Sportverein 1927.
Mit dem neuen Verein entstand auch die erste Handballmannschaft in Aspisheim. Gespielt wurde auf einem neu errichteten Sportplatz. Der lag auf der westliche Seite der Germaniastraße zwischen den Anwesen Baußmann und Herbert Hothum in Richtung Dromersheim. Geturnt wurde im Saalbau Butz. Hier hatte der Verein auch die erste Gymnastikgruppe für Frauen, die mit Keulen übten sowie mit Freiübungen (so nannte man damals die Gymnastik) viel Spaß bei der neuen Sache fanden.
In dieser Zeit war Jakob Dautermann Bürgermeister, unterstützt von „Wohl“. Bei der nächsten Bürgermeisterwahl hatte „Weh“ die meisten Stimmen und der neue Bürgermeister hieß Phillip Hothum. Als die Stimmen ausgezählt waren sah ich, wie ein Wahlhelfer von Hothum auf den harten Steinen vor dem Rathaus einen Purzelbaum schlug. Es war die letzte geheime Wahl, bei der jeder seine Stimme hinter einem Vorhang abgeben konnte. Bei den nächsten Wahlen war auch schon die NSDAP auf dem Wahlzettel. Bei einer der folgenden Wahlen waren einige Stimmen „falsch“ und am nächsten Morgen waren bei einem Bürger die Fensterscheiben eingeworfen.
1929 sprach man von der Weltwirtschaftskrise. Hohe Arbeitslosigkeit und die Regierung fand kein Rezept, wie man aus der Krise kommt. Reichskanzler war Heinrich Brüning. Er war der Erfinder der Notverordnungen und brachte einige auf den Weg, die aber nichts einbrachten. Wir Kinder sangen: Auf dem Brüning seiner Glatz, hat die Notverordnung Platz. Hier in Aspisheim gab es fast keine Arbeitslosen und nur einige Tagelöhner, die in anderen Betrieben halfen. Fast alle Familien hatten Landwirtschaft, Weinberge und Vieh, wie Pferde, Ochsen, Kühe, Schweine, Hühner, Tauben, Hunde und Katzen. Jeder hatte das, was er in seinem Betrieb brauchte.
Fast alle waren Selbstversorger, bis auf das, was man in den vier ! Lebensmittelgeschäften kaufte. Das waren Zucker, Salz, Nudeln o.ä., was alles in Tüten abgewogen wurde. Senf, Maggi, Essig, Öl wurde in mitgebrachte Behälter oder Flaschen abgefüllt. Ich erinnere mich noch an Otto, der mit 2 Flaschen sowohl Salatöl als auch Petroleum holen sollte. Petroleum wurde gebraucht für die Laternen, da es in Aspisheim noch kein elektrisches Licht gab. Otto hatte die Flaschen verwechselt. Und sooft es zum Essen Salat gab, wurde die Mutter geschimpft: „Du hast die Petroleumlampe aufgefüllt und die Hände wieder nicht gewaschen“.
Die Feldbereinigung, sie wurde Anfang der 1930er Jahre beschlossen, genehmigt und angefangen. Welches Amt damals zuständig war, weis ich nicht. Wir in Rheinhessen gehörten zum Großherzogtum Hessen und waren damit Hessen. Ziel der Feldbereinigung war, alle kleineren Grundstücke zusammen zu legen mit der Möglichkeit, dann durch Wege die Grundstücke von beiden Enden her anfahren zu können. Da die alten Felder nicht alle gleichwertig in Größe, Lage und Qualität waren, war das keine leichte Aufgabe für die sogenannte Feldbereinigungskommission, der auch Aspisheimer Grundstücksbesitzer angehörten, einen gerechten Ausgleich zu finden. Es gab viele Anhörungen, bei denen es nicht immer friedlich zuging. 1934 wurden dann die bereinigten Felder übergeben.
Nach der Reichstagswahl am 31. Januar 1933, nachdem der Reichspräsident Generalfeldmarschall von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte hatte, begann eine neue Zeitrechnung. Als 1934 Hindenburg starb, übernahm Hitler auch das Amt des Reichspräsidenten und nannte sich nun nur noch „der Führer“. Er gründete das 1000-jährige Reich. Damals glaubten fast alle daran. Doch wie es endete, wissen alle besonders gut, die es erlebt haben.
Aspisheim war dem „Neuen“ nicht abgeneigt. Die Hauptstraße wurde zur Adolf-Hitler-Straße, der Germaniaplatz zum Hindenburgplatz. Wer von nun an in dem neuen Reich, dem Dritten, weiterkommen wollte, musste in der NSDAP Mitglied sein oder werden. So war unser Lehrer Jakob Keller mehr oder weniger gezwungen, der Partei beizutreten. Den Namen Märzveilchen hatte er sich dadurch auch noch eingehandelt, denn alle, die nach dem 31. Januar 1933 der Partei beitraten, wurden scherzhaft so genannt. Unser damaliger Pfarrer Amborn stand der evangelischen bekennenden Kirche nahe und war nach Aspisheim strafversetzt. Wir hatten bei ihm Religionsunterricht und trugen auch die Hefte der bekennenden Kirche aus. Eine Tante von mir sagte damals: „Ihr seid im Jungvolk und der in der HJ (HitlerJugend) und tragt für den Pfarrer die Hefte aus?“. Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche, wir waren aber auch mit Begeisterung im Jungvolk und der HJ.
In fast jedem bäuerlichen Betrieb wurden Milchkühe gehalten und aus der Milch Butter gemacht. Die Butter wurde privat oder auf dem Binger Wochenmarkt verkauft. Das änderte sich, als in Aspisheim eine Milchsammelstelle eingerichtet wurde. Zuerst in einem Privathaus und später als Neubau an der Stelle des heutigen Feuerwehrhauses. Die Milch wurde täglich von der Molkerei in Bingen abgeholt. Butter und andere Milcherzeugnisse mussten bestellt werden und an der Sammelstelle abgeholt werden. Um billiger an Butter für den Eigenverbrauch zu kommen, schöpfte man etwas Rahm von der abzuliefernden Milch ab. Nur „etwas“ Rahm deshalb, weil der Fettgehalt unangemeldet und unregelmäßig gemessen wurde. Vorher ließ man sich bei meinem Großvater auf der Drechslerbank einen passenden Deckel für einen Steintopf sowie einen Stößel machen. Der abgeschöpfte und gesammelte Rahm wurde dann zu Butter gestoßen.
Der 1. Mai wurde wieder für das arbeitende Volk entdeckt. Nach einem Marsch durch die Ortsstraßen, voran alle Handwerker in Arbeitskleidung, traf man sich am Rothes. Das Rothes (Rathaus) war der Mittelpunkt des Ortes. Der Bürgermeister, der auch Standesbeamter war, traute hier die Paare, die vorher hier im Puplikationkasten ausgehängt waren Hier wurden auch die Gemeindesteuern erhoben und was für die größeren Kinder noch schöner war, das Kerwegeld ausgezahlt. Das Geld wurde für die ausgegrabenen und beim Polizeidiener abgelieferten Hamster und Mäuse gezahlt. Das waren damals noch Schädlinge. Im Rothes war auch das Spätzekämmerche, das war Notunterkunft für Landstreicher und für vom Polizeidiener vorübergehend Festgenommene. Die alte mit der Hand zu bedienende Feuerspritze stand auch im Rothes. Und vor dem Rothes standen wir, wenn Adolf Hitler oder Josef Göbbels im Radio sprachen. Oben im Fenster stand der Volksempfänger und unten standen wir und hörten zu, bis dann endlich Schluss war und wir „durften“ dann mit erhobenem Arm „Deutschland , Deutschland über alles“ und „Die Fahne hoch“ singen.
Einen Lastkraftwagen gab es in Aspisheim noch nicht. Die einzigen LKW’s, die ab und zu nach Aspisheim kamen, waren die des Lebensmittelgroßhändlers Kopp aus Mainz und die der Mühle Rumpf aus Gensingen. Die waren noch mit Kettenantrieb und Vollgummireifen. Die Firma Racke aus Bingen brachte die Ware wie Likör, Weinbrand und Essig im Fass mit einem Pferdegespann. Ein Pferdefuhrwerk hatte hier auch Peter Barth. Er fuhr wöchentlich einmal nach Bingen, nahm Ware mit und brachte aus Bingen dann Verschiedenes mit. Er war mit seiner Arbeit sehr zuverlässig, nur der neue deutsche Gruß ging ihm schwer über die Lippen, aber das ging noch mehreren Älteren so. Es hätte auch leicht gefährlicher werden können, denn Osthofen (Konzentrationslager) war nicht weit. Oft kamen morgens Schüler in die Schule und sagten dem Lehrer, der Herr Sowieso hat heute nicht Heil Hitler gesagt. Er war schon früh in der NSDAP, aber er sagte, die Alten sterben aus und es blieb dabei. Hier hatte er sich geirrt, denn die Alten überlebten fast alle das dritte Reich.
Wie es dann weiter geht, vor und nach dem 2. Weltkrieg, werde ich für die nächste Dorfschelle 2009 schreiben.
Peter Rudolph
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