Die Dorfschelle
Nummer 26 - Ausgabe Dezember 2008
Erinnerungen
Manchmal bedarf es nur eines Stücks Papieres, in diesem Fall in beschriebener und bemalter Form, um Geschehnisse, Lebensabläufe und Begegnungen wieder präsent zu haben. Zunächst nur lückenhaft, die Gedanken kreisen dann aber immer wieder und intensiver um solche Ereignisse, das Bild wird von Tag zu Tag klarer.
Ursache ist ein DIN-A 4 Blatt, dessen Vorderseite ein Programm zu einem Theater-Nachmittag des Kindergartens im Herbst 1947 enthält. Mit dieser handschriftlichen und handkolorierten Programmübersicht verband die damalige Gemeindeschwester und zugleich Leiterin des gemeindlichen Kindergartens rückseitig in einem Schreiben einen Bericht eben über diesen Theaternachmittag und andere Dinge. Der Inhalt lautet wie folgt:
Aspisheim, den 01.10.1947
Mein lieber Herbert
Wir senden Dir ein Programm von unserem Theater-Nachmittag. Hoffentlich bist Du bei der nächsten Aufführung wieder daheim. Es war sehr nett bei uns und Butzen Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Frl. Riedel begleitete am Klavier und hatte auch zwei kleine Tänzerinnen mitgebracht, die den Aspisheimern besonders gut gefielen.
Lieber Herbert wie geht es Dir? Musst Du stets zu Bett liegen? Sei gehorsam, damit Du recht bald wieder heimkommen kannst. Im Kindergarten sind nur noch 20 Kinder. Zum Herbst kamen 22 Kinder in die Schule. Die Bauern sind alle im Herbst. Wie schade, daß Du dort keine Trauben hast.
Wünsche Dir alles Gute und liebe Grüße
Deine Schw. Elisabeth
Die Kinder lassen auch Grüße ausrichten.
Bei Schwester Elisabeth handelte es sich um Elisabeth Spilker, die in jener Zeit als Gemeindeschwester in Aspisheim tätig war und im Hause Hauptstraße 24 (Kreutzer) wohnte und dort einen kleinen Raum zur „Erstversorgung“ betreute. Zugleich war sie Leiterin des Kindergartens, der Anfang der 30er Jahre in dieser Kombination gegründet wurde. Regelmäßig veranstaltete der Kindergarten –wie auch heute- eine Darbietung in Verbindung mit der Einschulung.
Zu den 22 Kindern, deren erster Schultag am 9. Sept.1947 war, gehörte ich auch. Wir waren 12 Buben und 10 Mädchen. Der Jahrgang verstärkte sich später noch durch den Zugang von Kindern Evakuierter, unterrichtet in einer Klasse mit den 3 älteren Jahrgängen im Obergeschoß der hinteren Schule (oberhalb des Kindergartens, s. Bericht aus dem Gemeinderat ab Seite 17).
Irgendwann im Sommer fand die Sichtung der einzuschulenden Kinder statt. Alle Kinder saßen mit Begleitpersonen im Klassenraum des Obergeschosses der damaligen „großen“ Schule (Klassen 5 bis 8). Gut erinnere ich mich daran, dass es irgendwie nicht so recht weiterging. Es muss ein Montag gewesen sein, denn ich holte mir –offensichtlich war es langweilig- zwischendurch zu Hause wiederholt ein Stück Kuchen. Es war ja nur ein Katzensprung. Kuchen (üblicherweise Streusel- und Obstkuchen auf Hefeteig) gab es immer nur am Wochenende. Wie auch immer, es handelte sich jedoch um Sandkuchen (Backpulverkuchen), der natürlich viel besser schmeckte und im Ofen des neuen Elektroherdes gebacken war.
Jakob Fluche, ein früherer Bürger Aspisheims, brachte mir bei einem Gespräch auf dem Friedhof eine eigene Rolle bei einem jener Theaterstücke in lebhafte Erinnerung. Ich hatte in einem solchen Stück die Rolle eines Störenfriedes oder Bekanntmachers mit einer umgehängten Trommel. Die Bekanntmachungen wurden am Anfang und Ende mit einem Trommelwirbel betont und endeten jeweils mit dem Satz: „Und ich hau mit großen Spaß den dicken Kontrabass“. Den Zusammenhang zwischen der Trommel und einem Streichinstrument ist mir jedoch nicht mehr geläufig und schon gar nicht erklärbar.
Eine Aufführung Rumpelstilzchen ist mir auch noch in guter Erinnerung mit dem Refrain: „Ach wie gut das Niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“.
Ebenso gut erinnere ich mich an die beiden Tänzerinnen, sie übernachteten damals bei uns. Die Abendtoilette fand dann an dem einzigen Wasserhahn (kalt) im Haus in der Waschküche statt. Beeindruckend und scheinbar neu für mich war, wie sie ihre Zähne putzten, ebenso die Balettschühchen. Übrigens bei dem zitierten Frl. Riedel handelte es sich um die spätere Frau von Heinz Staab, der gleichnamigen Tanzschule aus Mainz. Bereits die Eltern Riedel unterhielten eine Tanzschule.
Zum Kindergarten hatte ich es ja nicht weit. Offenbar damit zusammenhängend durfte, eher musste, ich mit umgehängter Tasche allein dort hingehen. Einmal war ich dort nicht angekommen und offensichtlich ausgerissen. Irgendetwas hatte mich auf dem kurzen Weg dorthin beschäftigt. Von der Neugierde angetrieben bin ich wohl im Ort „umhergezogen“ und habe meine eigenen Entdeckungen gemacht. Ohne Autos oder sonstigem Verkehr war diese Abkehr vom rechten Weg in der damaligen Zeit ungefährlich. Natürlich wurde ich später von Schwester Elisabeth aufgegriffen und ich berichtete ihr freudestrahlend von meinen Entdeckungen oder Erlebnissen. Nicht verstehen konnte ich das Unverständnis für meine „Entdeckungsreise“. Die Aufgreifung wurde meiner sorgenvollen Mutter natürlich sofort berichtet.
Diese Entdeckungsreise zog ich scheinbar auch dem ersten Teil des Nachmittagsprogrammes „Schlafen“ vor. Im Kindergarten gab es Liegen und regelmäßig war kollektives Schlafen angesagt. Natürlich hatte nicht jedes Kind eine eigene Liege. Die sanitäre Einrichtung bestand aus der Toilettenanlage im Hof (zugleich Einrichtung für die beiden Schulklassen) und einem Holztisch mit entsprechenden Ausschnitten zur Aufnahme von Waschschüsseln. Der Holztisch war bis um das Jahr 2000 noch auf dem Speicher der hinteren Schule zu sehen und wurde von mir –von Holzwürmern gezeichnet- bei einer Räumaktion entsorgt.
Frieder Hothum
|