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Die Dorfschelle
Nummer 27 - Ausgabe Dezember 2009
Aspisheim über drei Jahrhunderte
(Fortsetzung aus Dorfschelle Ausgabe 26 von 12.2008)
In der Dorfschelle Nr. 24 vom Dezember 2006 ist ein Auszug aus der Schreibwerkstatt in Sarms/ Brixen, Südtirol, von Aloisia Spitaler aus Darmstatt abgedruckt. Aloisia ist die Tochter von Schuhmacherrmeister Kronebach aus Dromersheim.
Der Titel: Die Hebamm
Die Hebamm, das war meine Mutter und in Dromersheim in vielen Häusern, auch bei Kronebachs, gut bekannt. Der Artikel stammt aus den 50er Jahren, als Aloisia noch in den Kindergarten ging. Die „Hebamm“, so wurde sie in Dromersheim genannt. In Aspisheim war es das Ammebäs´che. 1930 nach der Ausbildung in der Hebammenlehranstalt in Mainz war sie zuständig für Aspisheim.
Alle Geburten waren Hausgeburten. So konnte die junge Mutter schon vom ersten. Tag an - von Nachbarn, Bekannten und Verwandten besucht- und Der oder Die neue Erdenbürger(in) bewundert werden.
Die Arbeit, die so ein neues Familienmitglied machte, die übernahm die ersten 10 Tage das Ammebäs`che, das jeden Morgen und Abend kam und der jungen Mutter beim waschen und wickeln half. Gewickelt wurde in Windeln, die immer wieder gewaschen wurden. Pampers gab es damals noch nicht. Es war wesentlich billiger, aber auch für die Krankenkasse, die mit ca. 35 Reichsmark für die Hebamme und, soweit notwendig, das Honorar für einen Arztbesuch davon kam.
Monatelange Arztbesuche, Ultraschall usw. kannte man nicht. War die Schwangerschaft „passiert“ oder gewollt, dann machte man einen Besuch beim Ammebäs`che, bei de Rudolphse, wie man im Ort sagte. Es wurde alles durchgesprochen und alle Vorbereitungen waren getroffen. War die Zeit gekommen und die ersten Wehen traten auf, dann holte der angehende Vater, bei Tag oder Nacht (eine Nachtglocke war vorhanden), die Rudolphse und ihren schweren Koffer ab und die Arbeit konnte beginnen. Das konnte Stunden oder auch ab und zu Tage dauern.
Als dann Dromersheim ohne Hebamm war, wurde sie auch dort zuständig. Da es mit dem Fahrrad und dem schweren Koffer zu beschwerlich war, kaufte sie sich bei dem Schlossermeister rund Fahrradhändler Philipp Zimmermann in der Bleichstraße, ein Motorfahrrad, Marke Wanderer mit einem 98er Ilo- Motor.
Da ich in der Hitlerjugend den Führerschein Kl. 4 machen konnte, durfte ich auch mit 14 das Rad fahren. Mit 14 hatte man noch mehr Privilegien. Wenn man sich am Gespräch der Älteren am alten Rathaus vor der Gastwirtschaft von Mutter Butz (wie sie liebevoll genannt wurde) beteiligen wollte, dann musste man erst einmal „ geborscht “ (Bursche) werden, das heißt, eine Abreibung überstehen. Und wenn nun Mutter Butz uns ein Glas Bier einschenkte oder einer rauchte, das hat niemand gestört. Man war ja jetzt aus der Schule, die man hier 8 Jahre besucht hatte. Nach der Schulentlassung an Ostern konnte man sich zu einem Tanzkurs anmelden, den eine Tanzschule im Saalbau Butz alle zwei Jahre anbot und mit einem großen Abschlussball endete. Gelernt hatte man nur die Standarttänze. Swing oder ähnliches wollte man im neuen Reich nicht. Man förderte alles was deutsch ist. Das hieß germanisch und arisch Darauf werde ich noch zurückkommen.
Als eine der ersten Änderungen in der neuen Arbeitswelt war, dass alle Gewerkschaften verboten wurden. Es gab nur noch Eine und das war „ die deutsche Arbeitsfront “ . Hier waren alle, egal ob Arbeiter, Handwerker oder auch Selbständige, vereint. Alle bezahlten ihren Beitrag. 1935 hatte die DAF 16 Millionen dazu gezwungene Mitglieder die 278 Millionen Reichsmark erbrachten. Der Leiter der neuen Gewerkschaft (DAF) war ein Dr. Ley. Er wurde beauftragt, die Freizeitorganisation KDF( Kraft durch Freude) ins Leben zu rufen. Nach dem Willen des „Führers“, sollte jeder Angestellte und Arbeiter einmal im Jahr einen preiswerten Urlaub machen können. Kosten entstanden nur für Übernachtung und Verpflegung, Das waren 2.80 RM. Auch Aspisheimer hatten daran teilgenommen. Es gab Reisen in die Berge, ins Ausland und Seereisen. Auch eines der größten Schiffe, die „Gustloff“ fuhr für KDF. Sie wurde 1945 mit einigen tausend Flüchtlingen von den Russen in der Ostsee versenkt.
Nach der „Machtübernahme“ 1933 gab es einen Reichspropagandaminister. Es war Dr. Josef Göbbels und wenn er oder der „Führer“ im Radio sprachen, dann war vor keinem Radio ein Platz frei. Auch wir hatten damals ein Radio und wenn in der Küche, vor dem Radio, kein Platz mehr war, dann waren die Treppenstufen auch noch belegt. Das änderte sich schnell. Es gab jetzt für circa 79 Mark den Volksempfänger und wer sich den nicht leisten konnte, für den gab es den Kleinempfänger für 35 Mark. Nach dem Volksempfänger sollte sich auch jeder einen Volkswagen kaufen können, der unter 1000 Mark kosten sollte. Mit monatlich 5 Mark war man dabei. Wenn man heute nachrechnet, dann war die Wartezeit genau so lange wie man in der ehem. DDR auf den Trappi warten musste, nur in der DDR wurde er dann ausgeliefert.
Mit dem angesparten Geld für den Volkswagen, da wurde nicht der Volkswagen, sondern ein Geländewagen für die neue Wehrmacht gebaut. Das war eigentlich ein Betrug, aber man glaubte noch an das 1000 jährige Reich. Es ging ja immer aufwärts. Der Reichsarbeitsdienst baute die Straßen des „Führers“ (auch ein Betrug, denn Adenauer, Oberbürgermeister von Köln, lies die ersten Pläne entwickeln).
Als der Nahedamm in Gensingen, auch vom Arbeitsdienst gebaut war, sollte Adolf Hitler zur Einweihung kommen. Wir hatten schulfrei und warteten und warteten, bis es am Nachmittag hieß, er kommt nicht. Es war der Tag an dem sich Minister Röhm erschießen musste. Er soll ein 175er gewesen sein, aber was das war, wussten wir Kinder damals nicht.
Ein Jahr später, wir hatten wieder schulfrei, sammelten Blumen und Grünes und bestreuten damit die Chaussee. Der Gauleiter von Hessen, Sprenger, machte eine Rheinhessenfahrt. Wir gehörten ja zu Hessen. Er sollte hier herzlich begrüßt werden. Auch eine Kapelle von einem Zirkus, der gerade sein Zelt auf dem damaligen Sportplatz ( hinter dem Haus Baußmann ) aufgeschlagen hatte, hätte ihm einen Marsch geblasen. Doch die Aspisheimer wurden enttäuscht. Der Wagen fuhr durch ohne zu halten. In Rheinhessen gibt es ja in jedem Ort Weinbau. Bei jedem Halt gab es insofern auch etwas zu trinken. Auch in Aspisheim stand der Wein schon bereit. Die Dromersheimer, die noch keine Anhänger der neuen Partei waren, sie brachten den Wagen des Gauleiters zum stehen und boten ihm „ 1921er“ an. Das war damals das Beste, was es in Rheinhessen gab. Am Ende seiner Fahrt war er nicht mehr mächtig im Wagen zu stehen und die Hand zum deutschen Gruß zu heben.
Peter Rudolph
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