Die Dorfschelle
Nummer 27 - Ausgabe Dezember 2009
Aus dem Gemeinderat vor Hundert Jahren
(Folge 11 - aus dem Jahr 1908)
Bürgerrecht
Dem Antrag des Tagelöhners Peter Ebenhöh um Aufnahme als Orts-bürger wird am 16. Februar 1908 stattgegeben mit der Begründung, da bei demselben vorläufig keine Gefahr besteht, dass er Unterstützung beansprucht oder bedürftig wird.
Elektrisches Licht
Offenbar bemühte sich die Stadt Bad Kreuznach um die Lieferung von „elektrischem Licht“ für die Gemeinde bereits im Jahre 1908. Am 29. Februar ist folgender Beschluss zu lesen:
Die Stadt Kreuznach solle zuerst eine elektrische Bahnverbindung mit hiesiger Gemeinde herstellen, alsdann wolle er auch wegen Lichtanla-ge in Verbindung treten.
Badenheim, Sprendlingen und St. Johann hatten eine „Elektrisch“ nach Bad Kreuznach, die Stromlieferung erfolgte bis zum 30. Sept. 2008.
Feuerwehr
Eine Vergütung zu Lasten der Gemeinde von 2 Mark erhielten am 30. August 1908 die 4 Arbeiter, die bei dem Brand bei Peter Luff VII bei den Aufräumungsarbeiten halfen.
Feldbereinigung (Parzellenvermessung)
Wieder einmal befasst sich der Rat mit der Bodenordnung, die dann bis 1935 dauerte. Unter dem 4. Oktober ist zu den Feststellungen der Feldgeschworenen zu lesen:
„Der Gemeinderat beschließt, da die Parzellenvermessung in hiesiger Gemarkung im nächsten Jahr beginnen soll, die Kosten in obigem Be-treff zu sparen, da die Grenzen hierbei doch geordnet werden.“
Bereits in der unmittelbar folgenden Sitzung am 15. Oktober stellte Ratsmitglied Luff den Antrag, dass der Bürgermeister beim Kreisamt vorstellig werde, um von einer Parzellenvermessung abzusehen und wenn es anhängig wird, sich die Vermessung auf die Flur- und Ge-wanngrenzen beschränken soll, was ja vom Gemeinderat befürwortet wird.
Friedhof
Am 12. Juli befasste sich der Rat auf „Empfehlung“ des Kreisamtes mit der Aufstellung einer Friedhofsordnung, die so auch genehmigt wurde. Interessant ist folgende Protokollnotiz:
„beschließt jedoch, von der Erbauung einer Leichenhalle abzusehen, da der (derzeit) als Sektionsraum bestimmte Raum allen Anforderun-gen entspricht und die Gemeinde auch überdies schon zu stark mit Schulden belastet ist“.
Anzumerken bleibt, dass eine Friedhofshalle erst 1972 zur Verfügung stand und mittlerweile bereits grundlegend saniert wurde.
Am 27. Dezember 1908 wurden die Kosten für einen Erbbegräbnisplatz auf 20 Mark festgesetzt, 12 Mark flossen dem Friedhofsfond, 8 Mark dem Armenfond zu.
Gesundheitswesen / Pflegemaßnahmen
Forderungen der Gemeinde Gensingen auf Erstattung von Aufwendun-gen für die Krankheit von Anton Grumbach wurden am 8. März 1908 als überzogen bewertet und nur in Teilen anerkannt. Unterm 23. Mai 1908 ist zu lesen, dass Grumbach nach seiner Entlassung aus dem Hospital in Bingen zur Siechenanstalt nach Heidesheim verbracht wer-den solle. Am 28. Juni 1908 befand sich Grumbach offensichtlich in Heidesheim, es wurde die Anschaffung von notwendigen Kleidern be-schlossen.
Jagd
Am 15. Januar 1908 wurden die namentlich nicht genannten Jagdpächter aufgefordert, in einem restlichen Teil der Gemarkung noch die nicht durchgeführte Treibjagd vorzunehmen.
Kerb
Am 9. August 1908 wurde die Feier der Kirchweih auf den 6. und 7. September festgelegt.
Löhne / Gesinde
Am 15. Januar 1908 wurde der vom Kreisamt vorgeschlagene Tagelohn 2 Mark als den hiesigen Verhältnissen entsprechend anerkannt.
Margaretha Hieronymus, Dienstmagd bei Jakob Heinrich Zelt, wurde am 15. Oktober 1908 für die Prämierung von Dienstboten vorgeschlagen.
Landwirtschaft und Tierhaltung
Am 22. Januar 1908 wurde beschlossen, zur Unterbringung des Ge-meindebullens die Hofreite des Hufschmiedes Friedrich Dern II für die Summe von 5400 Mark, zahlbar im April 1908, anzukaufen. Die Ne-benkosten oblagen dem Käufer. Sofern am 1. April das Haus nicht frei sei, hatte Dern eine noch zu beziffernde Miete zu zahlen. Das Angebot wurde von Dern durch Unterschrift im Protokollbuch bestätigt. So ein-fach war Verwaltung. Weiterhin wurde beschlossen, dass der im An-wesen herzurichtende Bullenstall und weitere Reparaturen bis zum 31. März durch den Bauunternehmer Beck aus Sprendlingen auszuführen waren. Auch hier anerkannte der Unternehmer Beck die Bedingungen durch Unterschrift im Protokollbuch. Ebenfalls beschlossen wurde der Ankauf von Futtermittel bei den Anbietern Weinmann und Dern zu den in einer landwirtschaftlichen Zeitschrift veröffentlichen Mittelpreisen.
Der Gemeinderat beschließt am 26. April 1908 dazu eine Kapitalauf-nahme von 9400 Mark bei der Kreissparkasse für den Ankauf des Bul-lenstalles nebst Wohngebäude bei gleichzeitiger Verschmelzung mit einem anderen, bereits bestehenden Darlehen.
Am 6. Februar 1908 wurde die Anschaffung eines 3. Bullen beschlos-sen; offensichtlich gab es viel zu tun. Dafür wurde der Ziegenbock „Hans“ abgeschafft. Gleichzeitig wurde beschlossen, dass zur Rinder-zucht nur Bullen der Glan-Donnersberger Rasse eingesetzt werden. Unterm 26. April ist jedoch zu lesen, dass der Aufforderung des Kreis-amtes vom 2. und 25.4.1908 zur Haltung eines 3. Bullen erst entspro-chen werden kann, wenn die notwendigen Steuermittel eingegangen sind, keinesfalls vor dem 31. Juli 1908.
Weiterhin beschäftigte man sich am 6. Februar 1908 mit der Bekäm-pfung der Schnakenplage.
Am 16. Februar 1908 wurde der Ankauf von Futtermitteln zur Unterhal-tung der Bullen wie folgt beschlossen:
Kleeheu 60 Ztr von Friedrich Weinmann für 3,20 M je Ztr.
Kleeheu 30 Ztr. von Philipp Schmitt für 3.20 M je Ztr.
Hafer 10 Ztr. von Peter Dern für 9,00 M je Ztr.
Hafer 6 Ztr. von Philipp Rothenmeyer für 9,00 M je Ztr.
Am 23. Mai1908 wurde ein Nachlieferungsauftrag wie folgt erteilt:
Hafer 9 Ztr. von Jacob Hamm für 9,00 M je Ztr.
Die Aufgaben des Bullenwärters wurden am 16. Februar 1908 wie folgt festgelegt:
• Pflege und Fütterung der Bullen und des Ziegenbocks
• tägliche Reinhaltung des Stalles sowie
• Inordnunghaltung der Dunggrube
• Hilfe bei der Abladung von angelieferten Futtermitteln
• Heranführung der Bullen als auch des Ziegenbock zum Sprung
• Anspruch auf 20 Pfennig, wenn Bullenwärter auf Wunsch der Besitzer die Muttertiere auch zuführt.
Am 8. März 1908 wurde Peter Schmidt als Bullenwärter zum Jahres-lohn von 365 Mark auf die Dauer von 5 Jahren vertraglich angestellt. Zugleich wurde Ratsmitglied Weinmann mit der Beschaffung eines „Drückkarrens“ (Schubkarren) für den Bullenstall beauftragt.
Am 26. April 1908 wurde die Anschaffung einer Schrotmühle und einer Jauchepumpe für den Bullenstall beschlossen. Die Jauchepumpe wurde bei dem örtlichen Schlossermeister Hahn, die Schrotmühle bei der Firma Böhmer in Alzey über die örtliche Firma Johann Butz für 70 Mark bestellt.
Am 3. Mai wurde die beim Bullenstall befindliche Wohnung nebst Gar-ten, Keller und über der Wohnung befindlichen Speicher an den Huf-schmied Friedrich Dern II zum jährlichen Preis von 90 Mark vermietet und war in einer Summe am 31. März jeden Jahres zu zahlen, erstmals am 1. März 1909, also nachfällig.
Für die baulichen Veränderungen am Bullenstall wird am 26. April 1908 mit den Ratsmitgliedern Weinmann, Rothenmeyer, Luff und Huff eine den Veterinär Dr. Beck begleitende Kommission gebildet. Seine Rechnung wurde am 3. Mai 1908 freigegeben.
Am 28. Juni 1908 wurden die Ratsmitglieder Dern, Luff und Huff VI mit Beschaffung von Heu beauftragt. Am 12. Juli 1908 wurde der Ankauf mit 370,50 Mark genehmigt.
Die Gemeinde stellt am 9. August 1908 40 Mark zur Unterstützung der Hagelgeschädigten im Kreis Worms zur Verfügung.
In der gleichen Sitzung wurde der Beitritt in den Vogelschutzverein für Groß-Hessen abgelehnt. Weiterhin wurde beschlossen, die bestehen-de Versicherung für die Gemeindebullen, den Ziegenbock, Heu, Stroh, Haferkasten bei der Aachen-Münchner-Feuerversicherung auf 2500 M zu erhöhen.
Am 30. August 1908 wurde der Versteigerungstermin des Bullenstall-mistes auf den 1. Oktober festgesetzt.
Am 1. November wird der Verkauf eines Gemeindebullen zum Preis von 480 Mark an den Metzger Klein beschlossen.
Ortsstraßen
Unter Hinweis auf den fehlenden Ansatz im Haushaltplan will man am 29. Februar 1908 der Aufforderung des Kreisamtes zur Ausschilde-rung der Ortsstraßen nicht nachkommen und erst im Folgejahr bei entsprechender Mittelveranschlagung durchführen.
Rathaus, Ratsmitglieder, Protokolle Sitzungen
Am 4. Januar 1908 wurden erneut Christoph Hothum und Johann Huff III in den Gemeinderat berufen. Neugewählt war Johann Huff VI, der, wie auch heute üblich, per Handschlag verpflichtet wurde.
Schulbereich
Dem Antrag von Lehrer May zur Genehmigung zur Anbringung einer Laterne an seiner Wohnung auf eigene Kosten wurde am 4. Januar 1908 stattgegeben. Die Kosten der Unterhaltung mit Ausnahme des Petroleums übernahm er auch, das „An-und Auszünden“ sollte der Laternenanzünder übernehmen.
Ebenfalls am 4. Januar wurde die Umfinanzierung des Kreissparkas-sendarlehens zur Finanzierung des Schulneubaus (heute Kindergar-ten) mit einer Amortisation von 1 ½ % beschlossen.
Am 23. Mai 1908 beschloss der Rat, an beiden Schulhäusern die An- bringung von Blitzableitern nach einer Empfehlung des Kreisamtes durch den Elektrotechniker Heinrich Göbel aus Bingen untersuchen zu lassen.
Am 4. Okt. 1908 wurde eine Handarbeitslehrerin entsprechend der Verfügung des Kreisamtes angestellt. Ausgewählt wurde Frau Heinrich Jung III, die auf eigene Kosten einen Kurs in Bingen besuchen musste.
1907 wurde bereits mehrmals über die Anschaffung neuer Schulbänke entschieden. Die alten Bänke sollten vorerst reichen. Unterm 27. De-zember 1908 ist dann zu lesen, dass das Kreisamt dem Verzicht auf die Anschaffung in diesem Jahr! (1908) aufgrund der großen Schulden-last der Gemeinde aus dem Schulneubau zustimmt und den zugesag-ten Zuschuss für das nächste Jahr reserviert.
Sparkassen und Kreditwesen
Ein Darlehensgesuch von Friedrich Hoch VI unter Bürgschaft von Va-lentin Grumbach bei der Sparkasse wurde am 16. Februar 1908 nicht befürwortet.
Am 30. August 1908 kommt der Rat zu dem Ergebnis, dass gegen die rückständigen Schuldner unnachsichtig gerichtlich vorgegangen wer-den soll.
Steuern und Abgaben
Am 23. Mai 1908 wurden für die Bildung der „Steuerveranschlagungs-kommission zur Einkommen-, Vermögens-, Kapitalrenten- und Gewer-besteuer der II Abteilung“ für die Jahre 1909 bis 1911 die Ratsmitglie-der Friedrich Weinmann, Christoph Hothum und der Gemeindeein-nehmer Huff (wie seither) gewählt.
Weinbau
Am 30. August wurde der Weinbergsschluss auf Samstag, den 5. Sep-tember 1908 festgelegt. Nur Personen ab 14 Jahren waren dann (zur Ausführung von Arbeiten) jeweils an Donnerstagen zur Betretung der Weinberge, bei schlechtem Wetter am folgenden Freitag, jeweils mit gesondertem Erlaubnisschein, berechtigt.
Am 19. Sept. 1908 beschließt der Rat unter dem Titel Hebung (Förder-rung) des Kleinwinzerstandes, 50 Mark an die Wein- und Obstbau-schule zu Oppenheim unter der Voraussetzung zu zahlen, dass der Johann Gruber der Besuch eines ordentlichen Lehrganges ermöglicht wird und dazu die staatliche Beihilfe erhält.
Der Lesebeginn für Portugieser-Trauben wurde 1908 auf den 8. Okto-ber festgesetzt, alternativ, dann ausschließlich, am 15. Oktober. Der Beginn des allgemeinen Herbstes wurde zum 22. Oktober beschlos-sen, die Weinbergsschließung dauerte bis zum 5. November. Die Weinbergsschutzkommmission bestand aus 3 Personen, nämlich Ja-kob Hamm, Friedrich Weinmann und Christoph Hothum.
Der am 15. Oktober behandelte Antrag auf Vorlese von Lehrer Braun wurde mehrheitlich abgelehnt.
Frieder Hothum
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