Die Dorfschelle
Nummer 28 - Ausgabe Dezember 2010
Aspisheim über 3 Jahrhunderte
(Fortsetzung aus Dorfschelle Ausgabe 27 von 12.2009)
Die letzte Dorfschelle endete mit der Besuchsfahrt des damaligen Gauleiters von Hessen, Sprenger, in Rheinhessen.
Wir Rheinhessen gehörten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Volksstaat Hessen. Das waren Oberhessen, Starkenburg und Rheinhessen. Nach 1933 war es dann der Gau Hessen, der aber 1945 nach dem 2. Weltkrieg schon endete.
Der Rhein trennte uns nun von Hessen, wir waren in der französischen Besatzungszone und über dem Rhein war „Amerika“, die amerikanische Zone. Den Rhein zu überqueren war nicht leicht. Alle Brücken waren gesprengt. Idioten glaubten durch Sprengung von strategischen Brücken den Krieg noch gewinnen zu können. Aber aus heutiger Sicht ist vieles unverständlich, was in diesem „1000-jährigen Reich“ geschah.
Am 7. Mai 1945 endete das 3. Reich, (das 1000-jährige). Das war auch das vorläufige Ende der Reichsmark. Sie war fast wertlos. Bis endlich 1948 die neue Währung eingeführt wurde, war Tauschzeit. Alles was man brauchte, musste man tauschen, auf aspisheimerisch, kotteln. Das war die Kottelzeit. Was in dieser Zeit alles gekottelt wurde, damit könnte man noch eine ganze Dorfschelle füllen.
Hier einige Beispiele: Man brauchte Autoreifen, die man in der amerikanischen Zone kaufen konnte. Allerdings nicht gegen die immer wertloser werdende R-Mark, sondern 50 Liter Wein waren gefordert. Wie aber den Wein nach Fulda bringen (Fuldareifen). Die Lösung war nicht leicht, aber man fand in Bingen einen Lotsen, der bei Nacht und Nebel das Fässchen Wein mit seinem Nachen nach Rüdesheim brachte.
Ein bisschen leichter war es, wenn man die richtigen Beziehungen hatte, über die von den Amerikanern gebaute Holzbrücke über den Rhein zu kommen. Die führte von Mainz, am Kaisertor nach Mainz-Kastel. Drüben standen die Amerikaner Wache, die alle Güter hatten und in Mainz die Franzosen, die genau so arm waren wie wir. Für eine Taube oder ein Huhn drückte ein Wachmann beide Augen zu, nachdem er sich vergewissert hatte, dass kein Vorgesetzter in der Nähe war.
Für Fußgänger war die Brücke begehbar. Ein Witz in dieser Zeit: Eine Frau hatte einen Kuchen gebacken und wollte mit ihm über die Brücke nach Kastel. Der Kuchen enthielt 3 Eier. Eier waren für eine Frau in der Stadt rar wie Gold. Es gab noch Lebensmittelkarten. Ein Liedchen von damals: Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, im Monat Dezember gibt’s wieder ein Ei.
Die Frau war auf der Brücke und stellte den Kuchen auf dem Geländer ab. Der Kuchen fiel dabei in den Rhein. Der Frau kamen die Tränen. Ein Vorbeikommender fragte nach dem Grund der Tränen und es ergab sich folgender Dialog: Was ist denn passiert? Er ist gefallen. Liebe Frau, es sind so viele gefallen. Die Frau letztlich: aber keiner mit 3 Eiern. Man hatte also in dieser nicht leichten Zeit das Lachen doch nicht ganz verlernt.
Am 10. Juni 1948, der Tag der neuen Währung, war dann das Ende der Kottelzeit. Jeder konnte 40 alte Mark gegen 40 neue Mark umtauschen. Man brauchte nicht mehr zu tauschen, man konnte wieder kaufen. Bohnenkaffee, Schokolade und vieles mehr. Eine Tafel Schokolade kostete zwar 5.- Mark (Deutsche Mark = DM), aber es gab wieder Schokolade. Vorher hatte man das Geld , aber niemand wollte vorhandene Ware wie üblich verkaufen. Das Geld war praktisch wertlos. Einige Wochen später nach der Währungsumstellung waren die Schaufenster wieder voller Waren, aber das Portemonnaie nicht mehr.
In Aspisheim gab es fast nur landwirtschaftliche Betriebe. Die Haupteinnahmen kamen aber immer erst am Ende des Jahres, wenn Ernte und Weinlese in Scheune und Keller waren. Dann wurden auch die Handwerker bezahlt, die ihre Rechnungen für die übers Jahr geleisteten Arbeiten dann zustellten. Zahltag war der 11.11. der Märdesdaag (Martinstag).
In den 4 Lebensmittelgeschäften wurden noch keine verpackten Waren verkauft. Salz, Zucker, Reis, Gries, Nudeln usw. wurde abgewogen und in Tüten eingepackt. Für Öl oder Essig musste eine Flasche, für Senf eine Tasse, für Rollmops oder Brathering ein Teller als Transportgefäß mitgebracht werden. Da es verschiedene Sorten Öl gab, brauchte man auch verschiedene Flaschen oder Kannen. Außer Speiseöl gab es Fußbodenöl, Leinöl und Steinöl (Petroleum). Petroleum gab es nur in dem Geschäft Schöppy oder auch Saueressig´s genannt in der Weedgasse.
Eine kleine Geschichte von damals: Otto sollte Essig und Petroleum holen. Er hatte 2 Flaschen, die er aber verwechselte. Meine Mutter (Hebamme), die in diesem Hausjalt gerade war und dabei hörte, wie am Tisch beim Essen geschimpft wurde. Die Oma hat die Stallleuchte aufgefüllt und vor dem Salat anmachen die Hände nicht gewaschen. Wie oft Salat in der Familie noch nach Steinöl schmeckte weiß ich nicht.
Die 1950er Jahre waren sehr ereignisreich. Die erste Fernsehsendung, die olympischen Winterspiele, die ich sah, war in der Gastwirtschaft von Greta Butz. Als weitere Apparate in den Ort kamen, waren, wenn ein Krimi (Stahlnetz) oder ein Film (soweit die Füße tragen), gesendet wurde, die Stuben überall voll ausgebucht, Auch die Fastnacht aus Mainz war bereits damals ein Straßenfeger.
Zwei Gemeinschafts-Tiefkühlanlagen wurden gebaut. Der Rhein war im März 1956 von Mainz bis an die Loreley zugefroren. Die Weinstöcke waren 2 Jahre hintereinander erfroren. Die ersten Frauen gingen für 50 bis 60 Pfennig Stundenlohn nach Gensingen in die Polstermöbelfabrik Bretz zur Arbeit.
Über den Fortgang in den 50er Jahren bis zur „Neuzeit“ werde ich in der nächsten Dorfschelle berichten.
Peter Rudolph
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