Die Dorfschelle
Nummer 28 - Ausgabe Dezember 2010
Gesellen- und Lehrbrief mit Zeugnis von 1786 und dessen familiäre Hintergründe
Ein besonderes Erlebnis war im September die Kontaktaufnahme einer Familie Grade, die von Düsseldorf nach Winterburg gezogen war. In der Familie war ein Gesellenbrief eines Urahnen erhalten geblieben, wie er dem abgedruckten Bild einschließlich der „Übersetzung“ zu entnehmen ist.
Briefinhaber als Nachweis seiner qualifizierten Ausbildung war ein Johann Adam Kleisinger, Lehrherr war ein Johann(es) König. Wer waren die Personen, welche Aufgaben und Funktionen hatten sie, welcher Beruf wurde erlernt usw.? Fragen über Fragen, die sich teilweise beantworten lassen und Licht auf die damalige Struktur der Gemeinde werfen. Aber der Reihe nach.
Bei Johann Adam Kleisinger handelte es sich um den Sohn des damaligen Bürgermeisters Johannes Kleisinger. Er stammte aus Bergen, dem heutigen Laurenziberg, Stadtteil von Gau-Algesheim. Die Namenslinie ist in Gau-Algesheim und auch in der weiteren Umgebung heute noch gut vertreten. Johannes Kleisinger war am 5. Okt. 1727 in Bergen geboren und heiratete am 26. Feb. 1759 eine Anna Maria Hörbrand, die rückgerechnet 1728 geboren war. Eltern der Anna Maria waren Johannes Hörbrand und seine Frau Anna Margaretha. Der Stamm Hörbrand war seit langer Zeit in Aspisheim ansässig. Erstmals ist ein Haupert Hörbrand als Pate 1662 im Ev. Kirchenbuch festzustellen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Haupert Hörbrand nach dem 30-jährigen Krieg in Aspisheim siedelte. Aus dem Stamm gingen immer wieder Personen hervor, die das Schultheißenamt bekleideten bzw. in vielfältiger Funktion Verantwortung in der Gemeine übernahmen. Hörbrand konvertierte später im Zuge der offeneren Glaubenshaltung späterer kurpfälzischer Fürsten (Übergang auf die kath. Linie Pfalz-Zweibrücken). Schließlich galt das nach 1648 verwüstete Land als Einwanderungsland. Im Übrigen ist zu dem dann auch feststellbaren Stamm Gruber die gleiche Entwicklung festzustellen. Die näheren Beziehungen Hörbrand und Gruber bestätigen sich auch durch die Trauzeugenfunktion bei der Heirat von Johann Kleisinger am 26.02.1759.
Bekanntlich spielte die Konfession bei der Ausübung von örtlichen Ämtern eine große Rolle. Auch Kleisinger und König waren katholisch und entsprachen damit konfessionell nicht der Ortsmehrheit. Die Schultheißen wurden bestimmt, in Aspisheim über oder durch das Kurpfälzische Oberamt in Alzey. Es ist anzunehmen, dass eine hervorragende Qualifikation für diese Aufgabe unter den damaligen örtlichen Bildungsmöglichkeiten gegeben war.
Aber zurück zum Stamm Kleisinger. Als Geburts- bzw. Taufdatum ist für Johann Adam Kleisinger der 12.04.1766 festgehalten. Es ist gleichzeitig die erste Geburtseintragung für Johann Kleisinger im Kath. Kirchenbuch. Aus weiteren Eintragungen ist bekannt, dass 3 weibliche Geschwister bereits in frühem Alter verstarben. Von einer weiteren und zwar erstgeborenen Tochter (*~1760) erhalten wir durch ihre Heirat am 07.02.1780 mit Johann(es) König, dem Lehrherrn von Johann Adam, Nachricht. Bis zu Ihrem Tod am 07.07.1800 im Alter von 40 Jahren gebar sie 16 Kinder, wovon 9 bereits im Kindesalter verstarben. Aus der nachfolgenden Ehe von Johann König mit Anna Clara Zoppi (Wwe) aus Nieder-Walluf mit italienischen Wurzeln gingen weitere 6 Kinder hervor, von denen nur 2 im Kindesalter verstarben. Sie verstarb am 26.06.1845 im Haus der aus ihrer ersten Ehe hervorgegangenen Tochter Clara in Bingen-Büdesheim. Clara war seit dem 11.09.1830 mit dem Metzger Georg Joseph Riffel verheiratet.
Die Handschrift des Lehrherrn Johann König -Bürgermeister von 1798 bis 1837- ist überliefert und bekannt. In der ansprechend und künstlerisch gestalteten Urkunde ist diese allerdings nicht zu erkennen.
Die Großeltern des jungen Gesellen Johann Adam waren Ludwig Kleisinger und Maria Elisabeth geborene Frosch. Sie heirateten am 24.11.1710 in Bergen mit den Zeugen Mathias Kraus und Peter Hartmann. Bei dem Urgroßvater handelte es sich um Anton Kleisinger, der um 1660 geboren war, allesamt in Bergen wohnhaft.
Im Dromersheimer Kirchenbuch ist unterm 30.06.1796 die Heirat eines Johann Gleisinger (WWr) mit einer Katharina Hasamar(in) -Hassemer- (Wwe) verzeichnet. Bei dieser Konstellation ist davon auszugehen, dass mit unserem Joh. Adam kein Zusammenhang besteht. Dies wird bestärkt durch die Mitteilung der Familie Grade, dass Joh. Adam erst spät 1807 geheiratet hätte. Vielleicht war dies aber bereits die 2. Ehe?
Er starb am 18.01.1826 im Alter von 60 Jahren in Meudt im Westerwald. Meudt liegt im Westerwald in der Verbandsgemeinde Wallmerod auf halbem Wege zwischen Montabaur und Westerburg. Meudt gehörte ab 1806 zum Herzogtum Nassau. Auf welchem Weg auch immer, J.A. war bis zu seinem Tod im nassauischen Staatsdienst als Revierförster tätig. Sein Sohn -wiederum- Adam, geboren am 15.09.1824 in Meudt, war bis zu seinem Tod am 06.02.1898 als Jäger bei „seiner K. u. K. Hoheit, dem Erzherzog Stephan“ (Erzherzog von Österreich) auf Schloss Schaumburg bei Balduinstein nahe Limburg tätig.
Aber nun zur näheren Betrachtung der Sippe König. Johann König, geboren am 19.02.1760, war der Sohn von Jacob König und Katharina Schiffler. Er kam aus Kitzingen bei Würzburg und war kurpfälzischer „Beamter“. Katharina Schiffler stammte aus Sobernheim, Ort und Datum der Eheschließung sind nicht bekannt. Katharina verstarb am 16.03.1783 im Alter von 66 Jahren, Jakob am 02.11.1786 im Alter von 76 Jahren. In 1763 ist noch die Geburt einer Schwester von Jacob König mit Namen Johanna Katharina Charlotte eingeschrieben.
Der entsandte kurpfälzische Beamte Jacob war offenbar Jäger und Förster. Es muss für diese Tätigkeit hier also noch ausreichend Waldungen gegeben haben, besonders auf dem Plateau. Sein Sohn Johann trat also in seine Fußstapfen und wurde Ausbilder von Johann Adam Kleisinger, Sohn des Bürgermeisters und Bruder seiner späteren Frau Margaretha.
Eine Überraschung ist es im heutigen Kenntnisstand dann nicht mehr, als Johann 1799 Bürgermeister der Gemeinde wurde. Das blieb er bis 1838, also bis 2 Jahre vor seinem Tod am 09.09.1840. Nur Johann Scholl I erreichte als Bürgermeister von 1891 bis 1925 mit „nur“ 35 Jahren annähernd seine 4 Jahrzehnte andauernde Amtszeit. Horrweiler gehörte bis 1816 noch zur Mairie (Bürgermeisterei) Aspisheim.
Johann König wohnte im Haus Kirchstraße 18 (Luff). Ein Relief an der südlichen Giebelseite des alten Wohnhauses enthält ein Jägermotiv, was sicher auf die Familie König zurückgeht. Genauso ist auch davon auszugehen, dass die dortige Flurbezeichnung Königsberg als auch die örtlich geläufige Bezeichnung für den oberen Teil der Kirchstraße (Königsberg) auf die Familie zurückgeht.
Aus den Unterschriften mit Siegel des Gesellenbriefes ergeben sich weitere Erkenntnisse über familiäre als auch behördliche Strukturen. Die erste linke Unterschrift wurde von „A. Müller, oberamtlicher (Oberamt) x’nacher (Bad Kreuznach) Jäger als Zeuge“ mit Siegel geleistet. Die zweite rechts daneben befindliche Unterschrift wurde von „Adam Ambach -…..Unleserlich- Jäger zu Planig als Zeuge“ geleistet. Ein Joh. Adam Ambach aus Gau-Algesheim heiratete am 08.07.1765 Anna Margaretha, eine Tochter (5. Kind) des anfangs genannten Johannes Hörbrand und der Anna Margaretha geborenen Desoy. Johann Adam Ambach war am 12.04.1766 auch Taufzeuge bei J.A. Kleisinger, also sein Patenonkel. Die 3. Unterschrift ist als „W. Dietherich, Förster in Jugend…. (heim?) und gemein …. ?“ zu entziffern. Eine nähere Beziehung war nicht zu erkennen.
Letztlich handelt es sich bei der 4. Unterschrift um die des Lehrherren „J. König, Revier-Jäger als Lehr….?“. Diese Ergebnisse wurden aus einer gut erhaltenen Kopie (~DIN A 3) der Familie Grade ermittelt.
Im Zuge der Verwaltungsreform 1972 wurde das Gemeindearchiv vom Staatsarchiv in Speyer übernommen und mittlerweile systematisch geordnet. Über einen längeren Zeitraum hat der Verfasser sich mit den vielfältig vorhandenen Unterlagen beschäftigt und bei nachträglicher Betrachtung ist festzustellen, dass Arbeitsergebnisse von Johann König in immensem Umfang dort noch vorhanden sind und ein gutes Bild über die Verhältnisse und Strukturen aus jener Zeit dadurch deutlich werden. Dabei wird auch sein unermüdlicher und erfolgreicher Einsatz für die Gemeinde deutlich.
Frieder Hothum
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