Die Dorfschelle
Nummer 28 - Ausgabe Dezember 2010
Postgeschichte Aspisheim
Manfred Hinkel, Beigeordneter der Verbandsgemeinde Alzey, befasst sich seit geraumer Zeit mit der Postgeschichte in Rheinhessen. Bei der Gemeinde sind noch einige Unterlagen, zurückgehend bis in das 19. Jahrhundert, vorhanden, die ihm dann zur weiteren Auswertung überlassen wurden und Eingang in sein Werk fanden. Die detaillierte Darstellung zu den einzelnen rheinhessischen Gemeinden erscheint in seinem Gesamtwerk, die Veröffentlichung im Internet ist ebenfalls vorgesehen.
Auffallend sind permanente Änderungen der Strukturen und Zuständigkeiten, besonders infolge politischer Veränderungen als Folgeerscheinungen. Die nachfolgende Darstellung gibt einen Überblick über die Aspisheimer Entwicklung.
Die Postzustellung erfolgt in 1798 durch den Kantonsboten aus Ober-Ingelheim. Der Kanton Ober-Ingelheim im Arrondissement (Bezirk) Mainz des Departement Mont-Tonnere (Donnersberg) war Bestandteil der franz. Republik unter Napoleon. Die Französische Verwaltung wurde eingeführt, u.a. das Standesamt seit Sept. 1798. Bürgermeister in Aspisheim war Jakob König, wohnhaft im Haus Kirchstraße 18. Horrweiler gehörte zur Verwaltung in Aspisheim, der Adjunkt (Beigeordneter) damals war ein Derscheid aus Horrweiler. König war von Beruf Förster und Jäger wie sein Vater, der aus Kitzingen bei Würzburg stammte. Die Postzustellung wurde also über die staatliche Organisation miterledigt.
Aus den Gemeindeunterlagen ist zu entnehmen, dass 1856 ein Friedrich Schwabenland aus Nieder-Ingelheim die Stelle des bisherigen Bezirksboten Pitzer übernahm.
Für 1861 ist ein Wechsel von Ingelheim nach Bingen zu erkennen. Aspisheim wird mit dem 1. Botengang des Postamtes! (also nicht mehr staatlich) aus Bingen versorgt. Der sogenannte Landbriefkasten ist samt Zubehör von der Gemeinde auf eigene Kosten bereit zu stellen.
In einem Vertrag vom 2. April bzw. 19. Juni 1865 mit der Großherzoglich Hessischen Postverwaltung wurde das Procedere geregelt, u.a. die Leistungen für die Gemeinde und das pauschale Entgelt. Der Vertrag wurde von Bürgermeister Huff und allen (!) Ratsmitgliedern unterschrieben.
1866 wurde eine sogenannte Postablage als Verteilerstation in Gensingen eingerichtet, die die Orte Aspisheim, Dietersheim, Dromersheim, Gensingen, Grolsheim, Horrweiler und Sponsheim versorgte. Ockenheim wird der Postablage Gau-Algesheim zugeordnet. Die Postablagestelle in Gensingen besorgt der Gastwirt K. Gutenberger.
1875 wird der Vertrag von 1865 gekündigt, weitere Einzelheiten sind unbekannt.
Zum Jahr 1880 wissen wir, dass ein fahrender Landbriefträger für Aspisheim vorhanden ist, der die Strecke Aspisheim - Dromersheim - Ockenheim - Gau-Algesheim abfährt. Es werden die Namen Bretz und Deutsch genannt.
1884 hat Aspisheim nun eine Posthilfsstelle, die mit dem Postamt Gau-Algesheim abrechnet, Ludwig Bretz versieht diesen Dienst bis 1900.
Im Oktober 1900 wurde nach einem Schreiben vom 7. März eine „Telegraphenanstalt“ errichtet. Dem Schreiben (mit Schreibmaschine) war ein Plan beigefügt, der den Verlauf der Telegrafenlinie von der Postagentur (neuer Begriff?) zur Bürgermeisterei im Haus des Bürgermeisters Scholl in der Germaniastraße zeigt. Die Bürgermeisterei war also nicht in dem 1945 durch Bomber zerstörten Rathaus. Der Wortlaut des Schreibens war:
„Das Reichs-Postamt hat für das Rechnungsjahr 1900 die Einrichtung einer Telegrafenanstalt in Aspisheim unter der Bedingung genehmigt, dass ein einmaliger Betrag von 320 M zu den Baukosten gezahlt werde. Die Gemeinde hat sich s. Zt. hierzu bereiterklärt“.

„Die Grossherzogliche Bürgermeisterei wird ersucht, den obigen Betrag bei dem kaiserlichen Postamt in Gaualgesheim einzahlen zu lassen, damit wegen Einrichtung der Anstalt das Erforderliche verfügt werden kann. Gleichzeitig wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Bestimmung über den Zeitpunkt der Einrichtung sich noch nicht treffen lässt, da die umfangreichen Arbeiten dieser Art im kommenden Sommer nach einem festen Plan ausgeführt werden müssen, von dem zu Gunsten einzelner Ort etwa abzuweichen, nicht angängig sein wird“.
In 1900 wurde Johann Butz -Hufschmied und Gastwirt- Poststelleninhaber, 1932 ging die Poststelle auf den Sohn Ludwig und 1939 auf seine Frau Greta -meine Tante- über. Greta Butz führte die Poststelle bis zum 30. April 1947. Die beiden Bilder zeigen das Anwesen Hauptstraße 1 in 1895 mit Johann Butz (3. von rechts). Bereits vorher wurde in dem Anwesen eine Gastwirtschaft betrieben (Reinhard/Uihlein).
Haus Butz vor dem Umbau 1895 (vorher Gaststätte Reinhart / auch Uihlein)
Haus Butz um 1914, Kaiserliche Postagentur mit Schild, Briefkasten und Telefon
1938 gab es insgesamt 8 Telefonanschlüsse im Ort. Man musste also immer gut über die örtlichen Verhältnisse Bescheid wissen, wen man über welchen Anschluss am schnellsten erreichen konnte. Die Verdichtung des Telefonnetzes setzte erst in den 1960er Jahren ein. Bis dahin war es immer noch Usus, die frühere „Öffentliche Sprechstelle“, mittlerweile natürlich ein privat geführter Telefonanschluss zu nutzen nach dem Motto, „ei, kann ich grad emol telefoniere“. Nerviger, zumindest für meine Tante, war es, wenn Anrufe kamen, bei denen darum gebeten wurde, doch mal (vielleicht bitte) diesen oder jenen „ans Telefon“ zu rufen. Je nach Entfernung konnte das dauern. Da war öfters nicht nur Zigarettenqualm in der Wirtsstube. Nun ja, manchmal wurde dann noch ein Bier getrunken, für Angerufene vielleicht sogar ein willkommener Anlass zu einem „Wirtshausgang“. Ob es sich manchmal auch um vereinbarte Anrufe gehandelt hat?!
1906 waren nach einer Einwohnerliste Johann Tobias Bretz und Ludwig Deutsch Briefträger.
1921 wurde die Postagentur aufgehoben und Aspisheim aus Dromersheim versorgt. Offenbar war diese Änderung nicht erfolgreich, bereits 1922 rechnet die wieder eingerichtete Posthilfsstelle nur noch mit Dromersheim ab.
Aus einer ergebnislosen politischen Initiative eines Abgeordneten Brauer und Anderer im hessischen Landtag unter dem heute noch gebräuchlichen Schlagwort „für das benachteiligte Land“ ist erkennbar, dass die übliche Sonntagszustellung am 2. März 1922 eingestellt wurde. Also bis dahin Postservice 7 Tage in der Woche.
Bereits 1929 gab es eine Buslinie von Ober-Hilbersheim nach Bingen. Betrieben wurde diese im Auftrag der Stadt Bingen durch das Binger Busunternehmen Philipp Schröder. Auffällig ist, dass auch an Sonntagen gefahren wurde. Ab 1936 wird die Verbindung als Kraftpostlinie betrieben.
Aus Unterlagen zum Jahr 1937 ist zu entnehmen, dass die Vergütung für die Poststelle sich auf 110,24 RM belief.
Während des Krieges 1939/1945 wechselten die Postzusteller öfters. Bekannt sind Hans Huff, Kirchstraße, Helene Maurer, Dörrgasse bzw. Germaniastraße und Maria Moller, ebenfalls Germaniastraße. Bei dem Postzusteller Hans (Johann Peter) Huff ist anzumerken, dass bereits 1906 ein Philipp Huff II als Posthilfsbote genannt wird. Zur Unterscheidung innerhalb der Huff-Familien wurde daraus dann bald der Poss(Post)Philipp. Diese Zusatzbezeichnung galt auch noch für den Sohn Philipp II, dem Vater des genannten Johann Peter.
Ab dem 1.5.1947 wurde Anna Hieronymus, Bleichstraße, Posthalterin, ihre Schwägerin Maria stellte die Post zu. 1958 wurde Maria Moller, die frühere Briefzustellerin, zur ständigen Vertreterin. 1963 wurde durch den Wechsel auf die Posthalterin Therese Straßburger die Poststelle in die Germaniastraße verlegt. Friedericke Andel trug bereits seit längerer Zeit anstelle Maria Hieronymus die Post aus. Johann (Hans) Straßburger, der Mann der Posthalterin, war schon länger Postbusfahrer. Der zweite auf der Linie nach Bingen eingesetzte Bus war in Aspisheim in seiner Verantwortung stationiert. Durch seine Tätigkeit kam es auch zur Wohnungsverlegung nach Aspisheim, der Neubau in der Germaniastraße folgte später.
1988 wurde Edith Geyer in der Germaniastraße, der ehemaligen Garage der Familie Straßburger, Posthalterin. Edith Geyer blieb es bis 2004. Damit war auch das Ende der Poststelle gegeben, länger als im Vergleich mit anderen Gemeinden erwartet.
Die Buslinie nach Bingen wurde durch die Post letztlich auch aufgegeben. In langwierigen und zähen Verhandlungen konnte endlich die Stadt Bingen die Konzession zum Linienbetrieb erhalten. Bisher war die Gemeinde in den Hauptzeiten im Stundentakt mit der früheren Kreisstadt Bingen verbunden. Dieser Tage konnte der Presse entnommen werden, dass Aspisheim demnächst halbstündlich angefahren wird.
Frieder Hothum
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